Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 9 Allgemeine Berlin, 26. Februar 1915 eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pre^s-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen viertelzähr itch 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition find an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße *M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Purim. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. — Die!JIlIJul4 + Woche. — Biblische Bilder. Von S. Aschner. — Das Kriegsbrot. Von M. Schweitzer, Glogau. — Von Berlin nach Kopenhagen. Don Dr. Al Phons I. Sußnitzki. — Jüdische Studentinnen in Rußland. Von Landrichter Glücksohn in Elberfeld. — Feuilleton: Gruß der Landwehr an unseren Kaiser. Von Martin Hoexter, L.-J.-R. 11./48. — Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsäni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, München, Frankfurt a. M., Stuttgart, Wien, New Port. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Mitteilungen. Ourim. Der Sieg der Wahrheit. Von Dr. V. S e l i g k o w i tz, Köthen. ft genug ist Wohl gesagt worden, die Geschichte sei weiter nichts als die Summe der Jrrgänge des Menschengeschlechts in Wissen und Tätigkeit; man hat wohl sogar behauptet, der Wechsel der Zeitalter zeige nur einen Tausch der Jrrtümer; was man für Wahrheit und Recht ausgebe, sei der Gedanke, der in der Mode sei; der Irrtum sei bloß der unmoderne Gedanke, der aber doch auch einmal Mode war und es vermutlich wieder werden wird. Hören wir nicht heute Jrrtümer verkünden, die man vor einem halben Jahrhundert vielleicht getadelt hatte, und die wir längst verschwunden glaubten? Und sind dies nicht dieselben Jrrtümer, gegen die man schon vor einem vollen Jahrhundert mit einer Kraft gesprochen hatte, die wir heute noch bewundern und preisen? Daß das Böse oder das Unwahre sich ausbreiten will, ist noch das kleinere Nebel. Das Beklagenswerteste ist erst dies, daß das Böse sich in das Gute einmischt, daß es das Gute in dessen Wesen verdreht, es innerlich vergiftet, wie der Wurm in das Innere der Frucht dringt. Das alles ist nicht unrichtig und ist der Quell der Wehmut aller höheren Geister. Und dennoch ist es nicht wahr. Nur ist unser Blick selten so umfassend und zugleich so scharf, um den Sieg der Wahrheit zu erkennen; und da ihr Triumph eigentlich im Unendlichen liegt, so schauen wir ihn niemals vollkommen. Das Estherbuch will uns veranschaulichen, daß die Wahrheit, die Unschuld, wie sehr sie auch eine Zeitlang durch Lüge und Bosheit niedergehalten, sich in das Gewand der Trauer hüllen muß, doch schließlich durch die ihr selbst innewohnende Kraft die feindlichen Mächte überwindet und sich die goldene Krone aufs Haupt setzt. Und wenn auch ein solcher Sieg nicht immer in dem Sinn sich vollzieht, daß die Lüge und das Böse sich freiwillig der Wahrheit gefangen geben, wenn auch Macht besitzende böse Männer mit dem zähesten Eigensinn bei der Lüge und dem Bösen verharren, so weist doch dieses endliche Unterliegen der Lüge gegenüber der Wahrheit aus eine höhere Leitung der Dinge hin, auf einen Gott der Wahrheit, der ihr verhilft, daß sie aus dem Gewand der Trauer zur goldenen Krone gelange. Die Begebenheiten, die in dem Buch Esther Zusammentreffen, um die Verleumdungen und die frevelhaften Lügen Hamans zunichte zu machen und die Wahrheit auf den Thron zu setzen, spielen sich auf eine ganz natürliche Weise ab. Es ist hier überall ein so natürliches Zusammentreffen von Umständen, an denen wir nichts Wunderbares wahrnehmen. Es geschehen hier keine Wunder wie in Aegypten, keine direkte göttliche Offenbarung wie auf dem Berg Sinai. Und gerade diese Natürlichkeit ist es, die dem Buch Esther einen solchen ausgezeichneten Rang in der Geschichte verleiht. Das Buch Esther erzählte den Juden nicht bloß eine Geschichte, sondern erinnerte sie an tausend Ereignisse, nicht bloß ans vergangenen Zeiten, sondern auch aus ihrer Gegenwart; die Pläne des Haman wurden immer vereitelt. Nicht durch Wunder und Zeichen, sondern durch eine natürliche Verkettung verschiedener Umstände wurde bewirkt, daß die Wahrheit aus dein Gewand der Trauer zur goldenen Krone gelangte. In neuer Gestalt erscheint der Glaube an Wahrheit und Gerechtigkeit in seiner vollen Gestalt in diesem Weltkriege, den wir jetzt erleben. Gerechtigkeit ist ein guter Schild; man kann versuchen, sie zu Boden zu schlagen, man kann sie drehen und wenden. Wir erleben jetzt das seltsame Schauspiel, daß die Gerechtigkeit unserer Sache vor den Richterstuhl Europas gefordert, verklagt und zum Tode verurteilt wird. Was die englische, französische und russische Presse ans diesem Gebiete Deutschland gegenüber leistet, ist unübertroffen und findet sein Gegenstück nur in den Anschuldigungen, die die Antisemiten den Juden entgegenschleudern. Es wirkt schon fast komisch, wenn die Russen, ihren westlichen Lehrmeistern hierin folgend, die Deutschen als Hunnen oder mindestens Barbaren bezeichnen. Hervorragende Schriftsteller und Gelehrte, Historiker und Kritiker von scharfem Geiste scheuen sich nicht, unerhörte, fast kindisch anmutende Märchen über die angeblichen Greueltaten der Deutschen zu glauben — und zu verbreiten. Hat es ihnen nun genutzt? O nein! Die Wahrheit läßt sich nicht töten. Aus tausend Gräbern, die man ihr gräbt, steigt sie verjüngt empor und empfängt ihr Siegel aus dem Blute der Getreuen, die um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen sich hingeopfert haben. Alexander v. Humboldt hatte nicht ohne prophetische Ahnung das Glaubensbekenntnis aufgestellt: wir glauben an den Fortschritt des Guten und der Wahrheit, weil derselbe im bisherigen Verlauf der Geschichte sich offenbar vollzogen; wir glauben an den Sieg des Guten, weil das Böse notwendig eine Disharmonie schafft, an der es zugrunde gehen muß. Wenn in der ganzen Natur eine fortschreitende Bewegung, eine sukzessive Evolution des Lebens existiert und erkennbar ist, wenn, wie die Astronomen lehren, unter den sich bildenden und vergehenden Welten unser ganzes Sonnensystem im Verhältnis