Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 er mit leiser Stimme, „und möchte für mein Leben gern zu euch desertieren!" Ich antwortete ihm-: „Tn kannst ja dann nicht utefjr in dein Vaterland znrückkehren!" „Daran liegt mir nicht," antwortete er. An der Grenze fand ich viele Lenke, die mit ein Brot bettelten. Und da die Nnmänen begünstigt werben, ziehen, wie ich hörte, wohlhabende Leute rumänische Bauerupelze an, um als Rumänen zu erscheinen und ein Brot bekommen zu können. Auf dem Bahnhof fand ich Hunderte von Familien. Welch gräßliches Elend! Blasse Männer, verweinte Frauen mit wirrem Haar, die alle aus Furcht vor beut Feinde geflüchtet sind und alles im Stich gelassen hoben. Es sträubt sich einem das Haar, wenn man all die grausigen Geschichten erzählt: eine Mutter, die mit fünf Kindern ausaczvgeu nmr, kam bei uns mit dreien an; die beiden anderen waren erfroren und tot aus dem Woge liegen geblieben. Tie meisten der Flüchtlinge waren Juden. Ich fragte sie, weshalb sie fliehen. Sie sagten, sie hätten Furcht, daß die Russen ihnen alles wegnehmen würden; wenn die Russen nichts mehr zu rauben fänden, bedrohten sie sie mit dem Tode. Biele sind auch deshalb geflüchtet, weil sie fürchten, daß die Russen ihnen ihre Töchter schänden könnten. Dieser Auszug der Juden rührt einen aufs tiefste; man gelangt dazu, sein eigenes Geschick zu preisen, und sieht die Menschen mit anderen Augen an. . . . Am nächsten Tage wurden aus Burdujeui die Flüchtlinge' geholt, die noch dort waren. Ein rumänischer Soldat, der neugierig war, die Russen zu sehen, ging über die Grenze. Die Russen bewirteten ihn, gaben ihm voiu besten Wein zu trinken und brachten Trinksprüche auf den König von Rumänien und auf den Zaren aus. Als sie dann betrunken ivareit, begannen sie einen tollen Kosakentanz mit wilden Sprüngen und feuerten ans ihren Gewehren Schüsse zur Decke empor. Unserem Soldaten gerann vor Schreck das Blut in den Adern. Als er endlich wieder draußen war, dankte er hundertmal. Gott dafür, daß er mit dein Leben davongekommen war; denn die Russen kennen sich in ihrer Betrunkenheit selbst nicht mehr und begehen die unglaublichsten Schandtaten . . ." Tie das schreibt, ist, wie noch einmal ausdrücklich betont werden muß, eine Russenverehrerin, die ein sofortiges Zusammengehen Rumäniens mit Rußland sehr gern sehen würde. Von Ksh und jfmt Für den am 16. Juli v. I. verstorbenen Bor sitzenden des Kuratoriums der L e h t a n ft alt für die Wissens ch a s t des Judentums, Geheimen Justizrat Tr. Her in an Beit S i in o n, findet Sonntag, den 21. d. Bä, mittags 12 Uhr, in der Aula der Lehranstalt, Artilleriestraße 14, eine Gedenkfeier statt. — Das langjährige Mitglied der Repräsentantenversautnilnng der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Justizrat Dr. Ignatz bohn, begeht am 26. d. M. seinen 50. Geburtstag. — Im Anschluß au unsere jüngste Notiz über das am 22. d. M. zum Besten des Roten Kreuzes von Berlin stattfindende Konzert des Vereins zur Pflege hebräischer Gesänge (Dir. Alb. Keller mann) teilen wir ergänzend mit, daß u. a. die königliche Hofopernsängerin Frieda Langendorf sowie die Herren Oberkantor Will). Klein und Louis van Laar solistisch mitloirken. Ter Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin hat den ersten Kantoren der Gemeinde folgende Titel verliehen: den Herren Musikdirektor F r i e d m a n n , S t a b i u s k i, K a l i s ch e r, K l e i n, A s ch, D a v i d s o h n den Titel Oberkantor; den Herren R e u st a dt, W. Fried m a n n, S a ch e r, S ch m a l, B a e r den Titel Hanpttantor. — Die Spendeneinkünfte des Jüdischen Nationalsonds im Januar 1915 haben 2 0 0 0 0,89 Bl a r k betragen. Anfangs Februar ist dem Nationalfonds ein Betrag von 5 3 4,1 0 Mark überwiesen worden, der aus dem Vermächtnis des aus dem westlichen Kriegsschauplatz gefallenen deutschen Zionisten Bendir Eohn stammt. — Ter langjährige Stadtverordnetenvorsteher Bärwald in Rakel, der 50 Jahre in j ersprießlicher Tätigkeit für die Stadt gewirkt hat, legte sein Anit 1 als Stadtverordneter und die damit verbundenen Ehrenämter aus > Gesundheitsrücksichten nieder. — Ans Schnbin wird uns geschrieben: ' Am 1. d. M. ist die seit langen Jahren bestehende hiesige jüdische - Schule, die in letzter Zeit nur von sechs oder sieben Kindern bej sucht wurde, aufgelöst worden. Lehrer Rose n b a u m ist nach Rakel an die dortige jüdische Schule versetzt. Die Schüler sind der hiesigen evangelischen Schule überwiesen. — In einer Grube in Antonienhütte sind 6 0 jüdische Arbeiter aus Bendzin (Polen: beschäftigt. Ter Direktor bezeichnet sie als brauchbar, fleißig int) nüchtern. - Ter sehr bedeutende Borschußverein zu Gleiwitz, E. 6. in b. H., beging am 5. d. M. das Jubiläum seines 50jährigen Bestehens, mit ihm sein Begründer, Fabrikbesitzer und Stadtverordneter Joseph Kleezeivski. - - Ter Vorstand der Shiiagogeugemeind? Breslau hat beschlossen, zur Besoldung der Feldrabbiner einen Zuschu; von 600 700 Mark zu leisten. Ter Betrag ist bereits nach Berli, an den Verband der deutschen Juden abgegangen. — Der ver stör bei c Bankier M a r S ch l e s r n g e r - Berlin schenkte der Hirschbergi r Ortsgruppe des R.-B.-G. ein Wertpapier von 1000 Mark zu E holungsreisen für bedürftige Bolksschüler. — Um der großen Nu der unteren jüdischen Bolksklnssen zu steuern, ist in Leipzig kürzli e. von privater wohltätiger Seite ein jüdischer Kindergarten begründ t worden, der zur Erziehung und Pflege der noch nicht schulpflichtigem Kinder ärmerer Glaubensgenossen dienen soll. — Für die Dauer des Krieges ist die städtisch-jüdische Volksschule in Emmerich a. 9b. aufgelöst und ihrem Lehrer Herrn Lilienfeld der Gesamtnnte ricljt in einer Klasse der evangelischen Volksschule übertragen worde — Aus Witten wird gemeldet: In der letzten Sitzung unserer Stad verordneten wurden die Nebeuhaushaltspläne für 1915 berate i und dabei für die hiesige I ü d i s ch e Bottss ch it I e 4000 Aca ' bewilligt. - - In Altenstadt (Schwaben) ist der langjährige Bo steh er der jüdischen Gemeinde, Herr Anton F r ä n k l, na m schwerer Krankheit verschieden. Sein Andenken wird in der G meinde forkleben. — Aus Frankfurt a. M. wird berichtet: D r Ausschuß der israelitischen Gemeinde wählte zu seinem Vorsitzendrü Rechtsanwalt Dr. Baerwald und zu seinem stellvertretendr i Vorsitzenden Dr. med. Wilh. Hanauer. Er delegierte in de-: Pflegamt des Krankenhauses Tr. Hanauer, in die Ritm kommission Hugo Fraenkel, in die Krankenhausbankommissii.:: Dr. H a n a u e r, in die Goldschmidtsche Stipendienstiftung Pr' fessor Dr. G r a e f s e it b c r g, in die Maaßsche Stiftung S ch o p l o ch e r , in die Rießer-Stiftung Dr. B!a i n z e r, in die Jsraelitiß e Religionsschule Hugo Fraenkel, in die Religionsunterrich! kommission Dr. K atzen st e i n, Professor Dr. G r a e f s e n b e r c in die Siehel-Stiftung Dr. Baerwaldt und in den Schulrat d Philanthropin Dr. Bl e r z b a ch und Dr. K a tz e n st e i n. — X. v jüdische Zugführer des 13. Honved-Jnsanterieregiments, Nathen B a j d a, erhielt für sein heldenmütiges Verhalten bei Rettung sei i bedeutender Munitionsvorräte, die von den Russen außerordentli l stark bedroht waren, nachstehendes von General Tankl und dessi m Stabe gezeichnetes Handschreiben: „K. u. t. 1. op. Armeekommaw c E. Rr. 1258. An den k. ung. Zugführer Nathan Vajda d k. ungar. Honved-Jnsanterieregiments Nr. 13, Standort d •> l. O. A. K. am 4. Januar 1915: „Sie haben zu wiederholten Mali:! im heftigen feindlichen Feuer den Munitionsersatz mit groß Tapferkeit und Umsicht durchgesührt. Ich belobe Sie hierfür i n Namen des Allerhöchsten Dienstes." — Am 7. d. M. fand in d v Synagoge, Rue de ln Victoire, in Paris eine große Trauerfei r für den verstorbenen Präsidenten der Alliance Jsrael-ite, Her: n N arci s s e L e v e n , statt. — Wie Londoner Zeitungen berichie hat das englische Kriegsministerium den Feldgeistlichen Rabbiu: > Michael Adler zinst Seelsorgedienst für die Expeditionsarin :! erwählt. Reverend Adler wird England in den nächsten Tagen vn j lassen und sich an die Front begeben. Es ist dies das erstemal, d i: I ein 9iabbiuer das englische Heer ins Feld begleitet. Rabbii: r S. Lipson ist zum Hilssgeistlichen ernannt worden und wird lic bisherigen Amtspflichten des Reverend Adler versehen. — : ühtffen haben in Lemberg die Prügelstrafe eingeführt. Der jüdiß c Schokoladensabrikant B r n n d st ü d t e r, der in der Gemeinde ei .e Rolle spielte, wurde zur Prügelstrafe verurteilt. Auch der chri r liehe Gemeinderat Mokryczk h, ein bekannter Politiker, wur-c mit einer schweren Prügelstrafe bedacht und ist an deren Folgen ( ' storben. — „K ieje w s k a j a M y s l j" vom 10./23. Januar tc ■ t mit, daß auf Anordnung des Hauptchefs des K i e wer M i l i t ä . bezirks alle Zeitschriften in kleinrussischer, altjüdischer Spreu : und im Jargon für die Dauer des Krieges unterdrückt werden. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 5t: Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin.