Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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— 90 An die PvillÜerte Welt! er blutige Zusammenprall der europäischen Völker, der sich vor unseren Augen jetzt abspielt, ist reich an Grausamkeiten aller Art. Das sind aber Grausamkeiten, die aus dem Charakter des Krieges herrühren, der alle Leidenschaften bis aufs äußerste entfacht hat. Es gibt jedoch ein Land, wo systematische Verfolgungen der eigenen friedlichen Bevölkerung eine ständige Begleiterscheinung des politischen Regimes bleiben. Dieses Land ist Rußland. Während in allen kriegführenden Staaten die Regierungen im Interesse der Landesverteidigung alles vermeiden, was den inneren Frieden stören und Zwietracht Hervorrufen könnte zwischen der Staatsgewalt und der Bevölkerung, setzt der russische Zarismus, indem er zu gleicher Zeit die Bevölkerung zur Einigung mit der Regierung ruft, seine traditionelle Politik der Unterdrückung und Verfolgung alles dessen fort, was im Lande lebt und denkt, und benutzt die außerordentlichen Umstände, die der Krieg geschaffen hat, um mit den ihm besonders verhaßten demokratischen und oppositionellen Elementen der Bevölkerung fertig zu werden. Diese Gewaltpolitik des Zarismus wird jetzt systematisch verschwiegen. Mehr noch: es werden ihm freiheitliche Bestrebungen zugeschrieben und die Bereitwilligkeit, den Weg der Reformen zu betreten. Irgendwelche Hoffnungen auf eine liberale Politik des Zarismus sind aber völlig aus der Luft gegriffen. In seiner inneren Politik bleibt er bis in die kleinsten Details seinem alten System treu, das in Westeuropa unter der vielsagenden Bezeichnung ech t russis ch er V e r w a l t u n g s m e t h o d e n genug bekannt ist. Ter allgemeine reaktionäre Kurs fühlt sich heute noch fester denn je. Die völlige Unterdrückung der Arbeiterpresse und die Auflösung der Arbeiterorganisationen, Massenverhaftungen, politische Prozesse und, als Krönung des Ganzen, das durch die Verhaftung von fünf sozialdemokratischen Deputierten verübte Attentat auf die politische Vertretung der Arbeiterklasse in der Neichsduma — so gibt sich der neue Kurs der Welt kund. Ter Grundzug der nationalen Politik bleibt nach wie vor die rücksichtsloseste Unterdrückung der nichtrusfischen Rationen. In bezug auf Finnin n d wurde jetzt, als der Krieg bereits ent- ' bräunt war, ein vom Zaren bestätigtes Programm reaktionärster. Maßnahmen veröffentlicht, das daraus hinauszielt, die letzten Spuren der Autonomie Finnlands zu verwischen und es einfach in ein russisches Gouvernement zu verwandeln. Tie Agenten der russischen Regierung in Finnland benutzen die außerordentlichen Befugnisse, die der Kriegszustand ihnen verleiht, um neue Waffen zur Drangsalierung der Bevölkerung zu schmieden. So wurde aus brutaler Nachsichtigkeit vor kurzem der bedeutendste finnische Staatsmann, der ehemalige Präsident des finnischen Landtages Svinhuvud, auf dem Verwaltungswege nach Sibirien verbannt. Selbst die P o l e n, mit denen die Regierung aus strategischen Gründen liebäugelt, haben nichts bekommen außer unklaren Versprechen, die das bekannte Manifest enthält, das zudem nicht vom Zaren selbst, sondern vom Truppenbefehlshaber erlassen worden ist. Auch ist in diesem Manifest nicht von einer Autononne die Rede, sondern von einer „Selbstverwaltung", die nach den russischen Rechts« begriffen eine eng beschränkte lokale Kompetenz hat und von einer politischen Autonomie sehr weck entfernt ist. Nichts offenbart aber den hoffnungslos-reaktionären Charakter des Zarismus deutlicher als die Verfolgung der Juden. Die Lage der Juden in Rußland war stets und bleibt auch jetzt das genaueste Barometer des allgemeinen politischen Kurses. Der Antisemitismus ist die Achse, um die sich das Rad der inneren Politik der russischen Negierung dreht; er ist für den Zarismus das bewährteste Mittel, das Bewußtsein der russischen Volksmassen zu vergiften; auch ist er eine grausame Rache an den Juden, die so viele Kämpfer gegen den Despotismus gestellt haben. Diese Rache verschont selbst diejenigen nicht, deren Vorfahren schon sich vom Judentum losgelöst haben: Zu den Offizierskursen, die für die Dauer des Krieges eingerichtet worden sind, werden keine Studierenden zugelassen, deren „Väter oder Großväter sich noch zur mosaischen Konfession bekennt haben". So weck geht die gehässige Kleinlichkeit des Zarismus! Bei der allgemeinen Rechtlosigkeit der Juden wollen wir uns hier nicht aufhalten; sie ist nicht um ein Jota gemildert worden. Selbst die schmachvollsten Rechtsbeschränkungen, wie das Verbot des Aufenthalts außerhalb des „Ansiedelungsgebietes" und der Beschäftigung mit einer Reihe von Gewerben, die Nichtzulassung zu öffentlichen und Staatsämtern, die Beschränkungen bei Aufnahme in Lehranstalten usw. blieben in voller Kraft. Auch die Berwaltungspraxis mit den nacht lichen Haussuchungen nach „nicht ausenthaltsberechtigten" Juden, Kon siskationen von deren Eigentum u. dergl. mehr dauert ungeschwäch weiter fort. Dies alles sind die beständigen Elemente der jüdi schen Rechtlosigkeit in Rußland. Worauf wir aber hier die Aufmerksamkeit der zivilisierten Well lenken wollen, das sind die selbst in der blutigen Geschichte des Zaris ulus beispiellos dastehenden Greueltaten, die unter dem Deckmantel des Krieges jetzt vollbracht werden. Die Regierung hat einen wahrer Vernichtungskrieg gegen die Juden unternommen, der im Rayon de: Kriegsoperationen an eine Strafexpedition großen Maßstabes er innert. Der Krieg spielt sich in Rußland im Ansiedelungsgebiet der Jude, ab, in der Hauptsache in Polen und in einigen litauischen Grenz gouvernements. Die jüdische Bevölkerung dieser Gegenden ist infolg: des Krieges vollständig ruiniert und hungert — buchstäblich! — mafsenweis. Das grenzenlose Elend und die Invasion feindlicher Trup Pen zwingen die Juden, ihre Wohnsitze zu verlassen. Und da tritt di: vorsorgliche Regierung auf und gibt darauf acht, daß kein Jude etw: die Grenzen des Ansiedlungsrahons überschreite. Sorgfältig werde: die Häuser der Juden in den Städten außerhalb des Ansiedlungs rayons nach Flüchtlingen durchstöbert; wird jemand dort erwischt, si wird er verhaftet, für „unrechtmäßigen Aufenthalt" bestraft und zurünach seinem verödeten Zustündigkeitsort per Schub abtransportiert Selbst die im Felde verwundeten Juden, die sich zur Heilung außer halb des Ansiedlungsrayons befinden, werden sofort nach Entlassun. aus den Spitälern in ihre Heimatsorte zwangsweise abgeschoben, inso fern sie für den weiteren Felddienst untauglich sind. Sämtliche Ge suche einzelner Juden um zeitweilige Aufenthaltsbewilligung außerhal des Ansiedlungsrayons, wodurch allein sie dem Hungertode entgehe:, könnten, werden entschieden äbgelehnt mit einer zynischen Begründune die jedem menschlichen Elnpsinden hohnspricht: „In Ermangeln::; gesetzlicher Veranlassung." Die westeuropäische Oeffentlichkeit lvird darüber staunen, daß — wät rend die Schweiz, Holland, Frankreich uud England die belgische Flüchtlinge hilfsbereit ausgenommen haben — die russische Regierun den eigenen Bürgern das elementare Recht der Freizügigkeit verweiger und sie unsäglichen Entbehrungen aussetzt. Mehr noch: Unter den Auspizien der Zivil- und Militärbehörde: hat in Polen eine lange Reihe von Pogromen -begonnen, an dem die Soldaten teilnehmen, die durch die antisemitische Propaganda de Regierung und des Abschaums der polnischen Bevölkerung gegen di Juden aufgehetzt werden. Die Juden werden grausam Mißhandel: ihr Hab und Gut wird geplündert. Selbst in Lodz, dem „russische.! Manchester", einer Stadt mit 500 000 Einwohnern, mutete vor Einzu der deutschen Truppen während einiger Tage ein heftiger Juden Pogrom. So sind die Juden in Polen jetzt buchstäblich außerhal des Gesetzes gestellt worden. Pogrome gegen die eigene Bevölkerung, während der äußere Fein-' die Grenzen des Landes überschreitet — eine derartige Ungeheuerlick feit kann selbst in der Politik des russischen Zarismus stutzig mache: eines politischen Systems, das mit vollem Recht als die grausamst Form der Despotie gilt. Die russischen Militärbehörden begnügen fü, jetzt aber mit den traditionellen, durch die russische Berwaltungsprax: - geweihten Formen der Pogrome nicht mehr und haben ihrerseits d« zu beigetragen, die russische nwderne Folterkammer um eine Wirkfan Waffe zu bereichern. Sie brachten zur Anwendung ein ruchlos: Mittel, das sie der Geschichte der mittelalterlichen Judenverfolgung: i entnommen haben: d i e Ausweisung der g e s a m t e! jüdischen Bevölkerung aus einer ganzen Reih? v o n O r t s ch a s t e n. Die Prozedur der Ausweisung führt uns in längst verflösse:'' Zeiten zurück und läßt vor uns grauenerregende Bilder mittelalte' licher Barbareineu -erstehen: Durch Trommelschlag wird die gefaum jüdische Bevölkerung des. gegebenen Orts auf einen Platz gesammel Es wird ihr der Befehl der Militärbehörde verkündet — die Stad: zu verlassen. Der Befehl ist inappellabel.; Frist — 24 Stunde: mancherorts nicht mehrals 3 Stunden. Wer. nach dieser Frist avi Ort verbleibt, wird vor ein Feldgericht gestellt. - . Ganz wie -im Mittelalter . geschieht auchder „Auszugs der Juden I Männer und Frauen, Gesunde und Kranke, gebrechliche Greise mu