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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-19 · Heft 8 (19.2.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 8 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 19. Februar 1915 79. Jahrgang Nr. 8 Allgemeine eilung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnemenl s-pee)sdurch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 DT. — Postscheckkonto 324. vegriin-et von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. £)a§ grosze Schweigen. Von Rabbiner Dr. Löwen stamm, IJlliJllli* Pteß O. - Schl. — Die Woche. — Randglossen. Von Stadtrabbiner Tr. Behrens, Göttingen. — Georg Eger. Von Ministerialrat Dr. Reindl. — An die zivilisierte Welt! — Die Antisemiten und der Krieg. Von Lehrer A. Rothschild, Achim-Bremen. — Ein jüdischer Mädcheuklub. Von Marie Beszmertny. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsäni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Kolberg, Hamburg, Gelnhausen, Mainz, Wien, Bukarest. — Von Nah und Fern. Das große Schweigen. Von Rabbiner Dr. L v tu c n st n m m, Pleß O.-Schl. ie Sprache gehört zu den wichtigsten unterscheidenden Merkmalen zwischen Mensch und Tier. Dennoch galt auf Erden das Schweigen immer eines ernsten, großen Menschen würdiger als das Reden. Und es ist mißlich, über das Schweigen zu sprechen oder zu schreiben. Aber Wahrheiten müssen gesagt werden, selbst wenn dadurch ihr Glanz ein wenig beeinträchtigt wird. Bei den Weisen aller Völker, deren Wirksamkeit vorzüglich auf der Rede beruht, kann man das Schweigen lernen. Die großen und kleinen Angelegenheiten des Lebens werden in der Stille geboren. Auch der geschwätzigste Alltagsmensch hat Stunden oder Augenblicke, in denen er keine Worte findet. Und diese Momente gehören zu den wertvollsten des Daseins. Im Angesichte einer wunderbaren Naturerscheinung, vor der Unendlichkeit des Weltmeeres, vor der Erhabenheit eines in den Himmel ragenden Berggipfels fchweigen die Menschen. Und ein großes Schicksal bewirkt eine große Stille. Unendliches Glück und unendliches Unglück ist wortlos. Auch wenn der Tod erscheint, herrscht bebende Ruhe; denn der Tod ist das große Schweigen, auf das kein Reden folgt. Das größte Erlebnis für die Menschen aber ist Gott. Darum ist das geheimnisvolle, heilige, andächtige Schweigen von jeher ein bedeutsames Element aller Religion gewesen. Kurz: i nun er wenn wir staunend vor der Erhabenheit der Natur oder der Gewalt des Schicksals stehen, überkommt uns die große Stille. In einer Zeit solch vielsagenden Schweigens lebt jetzt die Kulturwelt, besonders der deutsche Mensch. In der Natur ist jeder Laut verstummt. Der Winter herrscht, die große Ruhe in der Natur, in der in unsichtbarer, unhörbarer Arbeit das köstliche Knospen des Frühlings sich vorbereitet. Das ist ein heiliges Symbol für die Menschheit geworden, der der Krieg nach langem wortreichen Frieden das wartende Schweigen gebracht hat. Was ist noch vor wenigen Monden bei lins im deutschen Lande nicht alles geredet worden! Man suchte gleichsam nach Anlässen zu kleinen und großen Versammlungen und Kongressen, lind die Parteileidenschaft wogte gewaltig. Jetzt ist es bei uns sehr still geworden. Wir alle haben, bewußt oder unbewußt, das starke Gefühl: der Weltgeist macht seinen großen Gang durch die Menschenwelt lind ruft lins zu: „Gott kämpft für euch, ihr aber sollt schweigen." Schweigen und handeln, schweigend unsere Pflicht tun: das haben wir alle jetzt gelernt. Auch im jüdischen Leben ist eine heilige Ruhe eingekehrt. Der Kampf gegen äußere und innere Feinde ist begraben. Schweigend warten wir auf eine Aenderung und Besserung unseres Schicksals. Uns Juden fällt es nicht schwer, das Wort zurückzuhalten, wir sind gewöhnt, schweigend zu dulden. Fast zwei Jahrtausende haben wir stumm unser unsägliches Leid getragen, bis vor hundert Jahreil allch für uns die Zeit des Redens gekommen war, die Allssprache über unsere Rechte, über unsere Gleichberechtigung. Deiln „Schweigen hat seine Zeit lind Reden seine Zeit". Aber nach heute ist unsere völlige Emanzipation nicht zur Tat geworden, lind es ist unsere große Hoffnung, daß die Generalabrechnung mit den Feinden dcntscher Art und Sitte lins die endliche Erfüllung uilserer Wünsche bringen wird. Auch wir halten treu den sogenaniiten Burgfrieden. Burgfrieden ist ein arges Wort ans dem Mittelalter, ein Begriff, den Kulturmenschen aus ihrem Denken streichen sollten. Burgfrieden ist ein halber, fauler Frieden, weil er sich nur auf die Zeit erstreckt, wo man sich gegen äußere Feinde wehren lnuß. Wir wünschen fehnlichst, daß inan uns Inden endlich völlige Ruhe gewähre; denil wir haben jetzt lvieder gezeigt, daß wir zu den trenesten Förderern deutscher Ideale gehören. Aber nicht bloß unser Vaterland hat nach dem Kriege der deutschen Judenheit gegenüber viel gutzuulachcn. Auch wir selbst haben bis jetzt an der jüdischen Sache uns arg versündigt, die einen durch Vernachlässigung alles Jüdischen, die anderen durch maßlose Parteileidenschaft. Die Gleichgültigen haben durch 'unzeitgemäßes Schweigen sich am Jlidentnin vergangen, die fanatischen Verfechter eines Einzelstandpnnktes durch unverantwortliches Reden gegen andere, die ihre Ueberzeugung nicht teilten. Mit alledem wurde den jüdischen Idealen, die auf die Verwirklichung der religiös-sittlichen Kultur in der Menschheit ausgehen, stark geschadet. Auch wir Juden müssen aus der Kriegszeit lernen, daß es im Gemeinschaftsleben immer nur auf große Gesichtspunkte ankommt, daß die übertriebene Betonung von Sonderinteressen und Gruppenstandpunkten verhängnisvoll, die einheitliche Zusammenfassung aller Kräfte aber alles ist. Wenn das große Schweigen während des Weltbrandes uns die Freiheit nach außen und die Festigkeit im Innern bringt, dann werden wir alle desto freudiger Mitarbeiten an der großen Ankunft, der unser deutsches Vaterland entgegengeht.

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