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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-12 · Heft 7 (12.2.1915) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 7 (12.2.1915)
Date
1915-02-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 12. Februar 1915 79. Jahrgang Nr. 7 Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". korrrlpondm?rn und Kschrichtm. Srutschlsnd. — Berlin, 9. Februar. Das russische Polen ist seit einem halben Jahr der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen Riesenheeren. Opfer dieses Krieges werden aber nicht nur die Soldaten in der Front, sondern auch die Bewohner des Landes, die unverschuldet und wider Willen in die Schrecken des Krieges hineingezogen worden sind. Tie Bevölkerung Russisch-Polens, schon zu Friedenszeiten mit Gütern nicht reich gesegnet, leidet während des Krieges unter rvirtschastlicher Not doppelt schwer, und diese Kriegsnot hat sich in letzter Zeit infolge des strengen Winters noch verschärft. Tie Industrie, die sonst ihre Erzeugnisse nach Rußland absetzt, ist zum Stillstand gekommen, und die Nahrungsmittel, die -im Frieden ans Sudrußland bezogen lverden, sind erschöpft. So fehlt es der Bevölkerung Russische-Polens in den vom Kriege heimgesuchten Gebieten an Brot und Kohlen. Tie Gefahr, daß hier Seuchen ausbrechen, ist nahegerückt und muß mit allen Mitteln. abgewendet lverden. Zur Losung dieser mildtätigen und zugleich lvirtfchaftlich-sozialen Aufgabe hat sich am 6. d. M. in Berlin ein Zentralhilfskomitee gebildet. Fürst v. H a tz s e l d t, der Präsident des Reichstages Tr. K a e m p f, Mitglied des Herrenhauses Fürst Trncki- Lubecki, Direktor im Reichsamt des Innern Tr. Lewald und Tr. James Simon hatten eine Reihe von Männern aus den Kreisen der Diplomatie, der Parlamente und des Handels zu einer konstituierenden Versammlung in das Reichstagsgebäude eingeladen. Unter den Anwesenden befanden sich außer den Einberufern der Versammlung der österreichische Botschafter Prinz zu Hohenlohe- Schi t t i n g s f ü r st , der amerikanische Botschafter Ger a r d , der Botschafter Spaniens, Le de Bern ab o, der Vizepräsident des deutschen Reichstages Dr. Pansche, der Präsident des Herrenhauses Graf v. Wedel-Pi e s d 0 r f, Justizrak B r e s l a u e r , Tr. Paul N a t h a n , Geheimrat G n t t m a u n , der Präsident der Handelskammer zu Berlin v. M e n d e l s f o h n u. a. Fürst v. Hatzfeldt eröffnete die Sitzung und begründete die Notwendigkeit, für die darbende Bevölkerung in den von deutschen Truppen besetzten Teilen Russisch-Polens eine Hilfstätigkeit in die Wege zu leiten. Er gab dann das Wort dem amerikanischen Botschafter Gerard, der in großen Zügen einen Plan für die Organisierung des beabsichtigten Hilfswerkes entwarf. Das deutsche Zentralhilfskomitee soll angegliedert lverden der großen internationalen Institution, die Rockefell,er zu gleichem Zweck bereits ins Leben gerufen hat. Den Vorsitz in diesem internationalen Hilfskomitee führen die amerikanischen und spanischen Botschafter in Berlin und Wien, die Erzbischöfe von Posen und Krakau und der als Wohltäter bekannte Jak o b H. Schiff in Nelv Port. Ta in Amerika das Getreide sehr teuer ist, in Rußland dagegen unvergleichlich billiger, so werde es sich für das internationale Hilfskomitee darum handeln, russisches Getreide über Rumänien nach Russisch-Polen einzuführe i. Ministerialdirektor Lewald umgrenzte die Aufgaben des deutschen Zentralkomitees. Deutschland kann kein Getreide au die Notleidenden in Rusfisch^Polen abgeben, sondern nur Geldmittel zum Ankauf von Brot im Auslande aufbringen. Das Zusammenarbeiten des deutschen Hilfskomitees mit dem internationalen Rockefellers empfiehlt sich, weil dadurch gewaltige Summen an Benvaltungskosten gespart lverden, lind es ist notwendig, weil nur einem internationalen Komitee die Heranschaffung von ausländischem Getreide gelingen kann. Der österreichische Botschafter teilte dann mit, daß sich gestern auch in Wien ein Hilfskomitee gebildet habe, und der spanische Botschafter sagte seine tatkräftige Mitarbeit zu. Es wurde dann zur Bildung des Arbeitsausschusses geschritten, der aus dem Fürsten Hatzfeldt als Vorsitzenden, Ministerialdirektor Dr. Lewald als stellvertretendem Vorsitzenden und dem Direktor der Dresdner Bank Geheimrat Guttmanu als Schatzmeister besteht, die großen deutschen Banken haben sich zur Annahme von Geldbeträgen bereit erklärt, und die Errichtung von Komitees im ganzen Reiche wird vorbereitet. E. 8. Berlin, 9. Februar. Am 4. d. Al..sprach im Verein für jüdische Geschichte und Literatur der Bibliothekar der jüdischen Gemeinde Dr. Moritz S t e r n über den Anteil der Juden an den deutschen Freiheitskriegen 1813/15. Der Vortragende führte eüva folgendes ans: Durch die Bemühungen des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist aus den Schriftbeständen der jüdischen Gemeinden, den deutschen Archiven und den Urkunden des Kriegsminijteriums der bezügliche Stoff eingehend zusammengestellt worden. Als Aerzte, Soldaten, in der Fürsorge für Verwundete und Invaliden, nicht zuletzt auch durch reichliche Geldspenden haben die Juden ihre Opferwilligkeit für das Vaterland, dem sie seit 1812 als vollberechtigte Staatsbürger augehörten, glänzend bewährt. Hierfür sprechen u. a. drei vollwichtige Zeugen: 1. Die Erklärung des Staatskanzlers Fürsten v. Hardenberg auf dem Wiener Kongreß über den kriegerischen Sinn der Juden, 2. die Mitteilung des angesehenen Lübecker Publizisten Bnchholtz über ihren Opfermut - auch über den der Frauen, 3. die Auslassung -des preußischen Staatsministeriums von 1845, wonach sich in den Jahren 1813/15 die jüdischen Soldaten den christlichen durchaus ebenbürtig gezeigt haben. Als die Stunde der Befreiung schlug, fand sie in den jüdischen Herzen lebhaften Widerhall. Große Begeisterung für die heilige Sache zeigte sich in dein Aufruf des Sind. jur. H. Steinmann ans Breslau an seine jugendlichen Glanbensbrüder. Zwei junge jüdische Theologen wenden sich an christliche und jüdische Jünglinge, neben flammender Vaterlandsliebe wird aber auch zur Menschlichkeit und Versöhnung ermahnt. Mehr vom philosophischen Standpunkt geht der Berliner A. Asch aus. In seiner Flugschrift tritt er als Deutscher und nicht als Jude auf, aber sie ist vom jüdischen Geist durchweht und durchträukt von der jüdischen Bibel. Die „Bvssische Zeitung" vom 27. März 1813 berichtet von der schönen Ansprache des jüdischen Schuldirektors Neumanu in Breslau au die ausrückenden jüdischen Krieger, und welch -ein ergreifendes Gebet für König und Vaterland der Lberräbbiner Karfunkel gehalten hat. An Eifer für die gute Sache ließ sich der 70jährige Berliner Rabbiner Weil von niemand übertrefsen. Da im Krieg manche Religiousgesetze sich nur sehr schwer ausführeu lassen, brauchen sie dann nicht beobachtet zu lverden Da im Emanzipationsedikt von 1812 die Regelung des Militärdienstes der Inden späterer Zeit Vorbehalten blieb, wurden anfangs die zahlreich sieh stellenden jüdischen Freiwilligen znrückgcwiesen: im Falle der Annahme mußten sie sich selbst ausrüsten. Major Burg, der einzige aktive jüdische Offizier der Preußischen. Armee, erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß man ihn nach achttägiger Dienstleistung als Infanterist seiner Religion halber -entlassen habe. Bald aber -erhielt der mathematisch gut veranlagte junge Mann ans Verwendung des Prinzen August Aufnahme in der Artillerie, lvo er es bekanntlich bis zum Major brachte. Der Staatskauzler war in der Militärsache den Juden günstig, aber der König Neuerungen unzugänglich und sträubte sich auch später gegen den Eilltritt der Juden in die Garde. Bezeichnend ist, daß selbst ein Manu wie H. v. Treitschke für die Vaterlandsliebe wenigstens der gebildeten Juden anerkennende Worte findet. Die vielfachen Abweisungen vom Waffendienst erzeugten bei der deutschen jüdischen Bevölkerung große Betrübnis, änderten aber ihren vaterländischen Sinn nicht. Eine neue Zeit brach an. Am 3. September 1814 wurde es Gesetz, daß jeder Preuße wehrpflichtig ist. Seitdem haben sich die preußischen und deutschen Inden als tapfere Krieger bewährt und bleiben auch in diesen schweren Kämpfen nicht von den übrigen Volksgenossen zurück, was die künftige Geschichtsschreibung glänzend dartun wird. Der Redner verstand aus der Fülle seines geschichtlichen Wissens die wichtigsten Aloinente in passender, aumntender Form vorznführen, so daß es die Zuhörer an reichlichem Beifall nicht fehlen ließen. E. S. Berlin, 9. .Februar. Eine Neuerung bei den Montags- Vorlesungen der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums war die Einführung eines Rezitationsabends. Es geschah auf Anregung des kürzlich verstorbenen Vorsitzenden des Kuratoriums, Geheimen Justizrak Dr. Hermann Beit Simon, in diesem Jahre zum erstenmal am 8. Februar. Daß die Idee eine gute war, bewies der außerordentlich starke Besuch dieses Abends. Freilich war es auch gelungen, für diesen Zlveck in dem Schauspieler Ludwig Har tau eine vorzügliche Kraft zu gewinnen.

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