Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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als Zielpunkt des menschlichen Strebens dar nnd hüllte diesen > edlen Kern sorgfältig mit schützenden Schalen, damit er nach! beendeten Weltstürmen unversehrt der Menschheit dargeboten! werden könne. Unsere Propheten wußten überhaupt kein ' höheres Ideal für die Gestaltung einer glücklichen idealen Zukunft. als die Herrschaft des allgemeinen Weltfriedens. Das Judentum malte sich diese glückliche Zukunft aus nicht für sich,! sondern für alle Welt. Es erblickte das höchste Glück in der Alleinherrschaft des Weltfriedens, von dessen Geist es alle < Menschen, ja alle Tiere durchdrungen sein läßt. — Auch die i ganze spätere jüdische Literatur ist voll von kernigen Aus-! sprächen liber den hohen Wert sowohl des inneren wie des internationalen Friedens. - - Noch ist diese erhabene Idee eines Weltfriedens nicht zum vollen Bewußtsein durchgedrungen;! noch hängt an ihr die Schlacke ckes Vorurteils, und bedeutende! Vertreter der Wissenschaft haben sich skeptisch über die Ver-; wirklichung der Idee ausgesprochen. Unsere Offenbarungslehre i aber lehrt uns eine immer heller und heller aufsteigende Zukunft, eine stetige Veredelung des menschlichen Lebens, das seineil Scheitelpunkt im Gottesreiche erreicht. Das Wesenhaste dieser Epoche ist der Sieg der geistigen Freiheit über das Gesetz der Natürlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Wahrhaftigkeit des Reiches des Geistes und seines Sieges über das Reich der Materie. < Sie Woche. Berlin, den 26. Januar 1915. en schönen Siegesnachrichten der vorigen Wochenübersicht sind diesmal keine gleichen an die Seite 51t setzen. Glücklicherweise auch keine unglücklichen Meldungen. Vielmehr schreiten die Operationen im Westen und Osten; fort, kleine Erfolge werden errungen ltnb unser Fortschreiten i wird sogar durch das Zugeständnis der Feinde bestätigt.; Das einzig bedeutsame Ereignis der Woche ist ein L uft - - a n gris f, das Erscheinen einer Luftflotte auf englischem Ge- 1 biete. Bon deutscher und englischer Seite wird es nur als ein Versuch angesehen, aber als ein Versuch, der in England heillosen Schrecken verbreitet hat. Natürlich versuchen die Engländer einen solchen Angriff als ungeheure Schandtat auszugeben. Dieselben Engländer, die unbefestigte Städte wie Düsseldorf lind Freibilrg zu schädigen versuchten, rechnen cs den Deutschen als Verbrechen an, wenn sie Bergeltungsrecht j üben und wichtige Plätze, die hervorragende Kriegsstützpunkte sind, angreifen. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß die immer aufs neue versuchte Offensive weiter zurückgeschlagen wird nnd daß bald die Zeit kommt, daß unsere herrlichen Truppen immer weiter in die feindlichen Länder dringen und die uns entgegenstehenden Brächte zum Frieden zwingen. Möchte , diese von allen ersehnte Epoche nicht zu fern sein! * Dem „Berl. Tageblatt entnehmen wir folgende Notizen: :)i eligi 0 n 5 f a m e r n d s ch a s t st ni F e l d e. In den „Leipziger Neuesten Nachrichten" erzählt ein sächsischer Dirisivnspfarrer, O. Ni ebner, von dem Kriegsleben in nnd um Lille nnd iveiß da bei auch von echt kmneradschciftlicher, alle konfessionellen Schranken überspringender Gesinnung der Militärgeistlstchen zn berichten. „Ter jüdische Prediger," so schreibt er, „erzählte nur, wie er einem evangelischen Truppenteil einen Feldgottesdienst gehalten habe, nne er das alte Luther-Lied habe singen lassen, lvie er dann von dem Gott gepredigt habe, der uns allen helfen muß nnd ans den lv'ir alle vertrauen dürfen, die umtreu nnd rein unsere ' Pflicht tun: er hat gebetet für Volk nnd Vaterland, für die Lieben daheim, für die Fechtenden hx den Schützengräben und die Verwundeten in den Lazaretten: znm Schluß haben sie gesungen: „Wir! treten mit Beten vor Gott der: Gerechten." Ich habe ihm die Hand . gedrückt: „Herr Kamerad, anders mache ich es auch nicht!" — Vielleicht bekommt mancher alte Hader unseres Volkes hier unter dein Donner der Kanonen den Gnadenstoß." Tie Organisation der gesetzestreuen Juden Deutschlands, die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", hat unterm 10. d. M. ein Rundschreiben andie Rabbinate gerichtet, worin im nationalen Interesse um lebhafte Mitwirkung bei der Einführung des Kriegsbrots nnd der Einschränkung des Weißbrotgeilllsses ersllcht lvird. Es soll in diesem Sinne sowohl auf die der rituellen Aussicht unter stehend eil Bäckereien als auf die Gemeindemitglieder eingolvirkt werden. Auch bei der Herstellung der Osterbrote sMazzos) werden die Rabbinate -auf die Einhaltung des Vvrgeschriebenen 'Itoggenmehlztlsatzes, gegen den vom rituellen Standpnllkte keine Beden keil vorliegen, anfs strengste achten. Damit wird der Anregung, die wir in voriger Nummer gaben, in angemessener Weise entsprochen. Erzherzog Josef ü b er die j ü d i s ch e n S 0 l d a t e n. B u d a p e st, 24. Januar. Der Redakteur des ungarischen Blattes „Eghenloseg" richtete an den Korpskommandanten, Erzherzog Joses, die Bitte, der Erzherzog möge seine Meinung über die Haltung der seinem Kommando unterstehenden ungarischen Soldaten jüdischer Konfession abgeben. Ter Erzherzog antlvortete darauf mit folgendem Schreiben: Ich hatte Gelegenheit, meine Soldaten jüdischer Konfession zn beobachten und fand keinen Unterschied zloischen ihnen und meinen anderen Soldaten. Ihr Heldenmut ist bewundernswert, ihre Entschlossenheit über alles Lob erhaben. Sie kämpften unter den ungarischen Mannschaften als wahre Ungarn Schulter an Schulter gegen die blutrünstigen Serben und die Russen; sie haben au unseren Erfolgen denselben Anteil wie ihre Kameraden. Unter den hervorragenden Helden gibt es nicht wenige ungarische Juden. Oft sah ich diese mit meinen Augen inmitten der verzweifelten Phasen der entsetzlichen Kämpfe und bewunderte gehobenen Herzens ihren Heldenmut. Auch der Jude hat gezeigt, daß er ein ebenso guter als tapferer Soldat ist wie die anderen." * Aus Rußland kommen immer weiter die schlimmsten Nachrichten. In einem Krakauer Blatt ist folgende Meldung 511 lesen: Die russischen Truppen haben während ihres Marsches durch Russisch-Polen in 215 Ortschaften Judenpogrome veranstaltet, wobei viele Juden den Tod fanden. In Staszow wurden elf, in Kladowa zwei reiche Juden gehängt. Im Gouvernement Lublin wurden ebenfalls viele Juden ermordet. In Bychow wurden 78 Juden unter der falschen Beschuldigung der Spionage gehängt; in Krasnhstalv wurden die Häuser der Juden verbrannt, wobei über 200 jüdische Fanülien ihr ganzes Vermögen verloren. Ferner wird aus dem Kriegspressequartier über russische Greueltaten gegen die Juden gemeldet: Wie durch amtliche Erhebungen festgestellt nnlrde, haben die Russell nach der Besetzung von Galizisch-Dolhopole einen Bewohner erschossen nnd einen zweiten an zwei znsammengewachsenen Fichten gekreuzigt. Vor dem Gemarterten unterhielten sie drei Tage lang, bis er starb, eine Wache. Eine krank im Bett licgenbe Jüdin wurde buchstäblich abaeschlachtet und ihr Bl nun niedergeschossen. In Tichtinetz verbrannten die Russen 42 Häuser, darunter alle Häuser der Inden, die Volksschule und das Gemeindehaus. Die Bewohner der Häuser wurden fast nackt hinausgejagt. * In einer durch viele Blätter laufenden Unterredung eines englischen Journalisten mit dem r u s s i s ch e n M i n i st e r S s a s s 0 n 0 w soll dieser ans die Frage des Engländers: „Und die Judenfrage?" geantwortet haben: „Die Lösung dieser Frage ist möglich, aber mit großen Schwierigkeiten verbunden." Diese Worte besagen gar nichts. Die Schwierigkeiten sind gewiß vorhanden, aber sie liegen nicht bei den Juden, sondern in der russischen Willkürherrschaft, dem Ausbeutungsllnd Bestechungssystem, dem fanatischen Glaubenshaß. Wollte Rußland