Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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yy. janrgang Nr. 0 Bennrvmiffnmv Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: ttuäolk Mosse, verlm, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnement s»pr eis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere veririebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32**. Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse.' Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TfttftAlf* Der Krieg und das Judentum. Von Dr. V. Seligkowih, Köthen. — Die Woche. — G. Sender (Bild). — Louis Sachs. Von Ludwig Geiger. — Aus den Papieren des Siegmund Pollak, Feldwebel im k. und k. Jnsanterie^Regiment Groszsürst 'Michael von Rußland (Nr. 102) in Prag. Nacherzählt von Maximilian Blum. — Leiden der Juden in Polen während des Krieges. Bon Dr. Sigmund Feist. — Marquis d'Argens über die Ritualmord-Beschuldigung und Anklagen wegen Hostienentweihung. Von G. Engels mann. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Ueberfetzt von Rosa Trencssni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Nürnberg, Köln, Frankfurt a. M., Sofia. — Von Nah und Fern. Der lkrieg und das Judentum. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. ie die Erde, ein Stern unter Sternen, sich im Aether um einen lichten Mittelpunkt, die Sonne, bewegt und in immer regem Schwünge diesem Lichte ihre Höhen und Täler in geordneter Folge zuwendet, so bewegt sich die Menschheit durch Nebel und Finsternis hindurch in scheinbar sich kreuzenden Bahnen um die unveränderliche Sonne einer ewigen göttlichen Vernunft und Liebe. Aber nicht unbewußt, wie jene Gestirne in ihrem Umschwung durch den Raum, volli bringt die Menschheit ihren Gang durch die Zeit, sondern mit-! wissend. Der Mensch wird sich des Gottes in ihm als des höchsten Gutes bewußt. Die Menschheit ist nicht allein das Ge-! dicht, das die Gottheit mit ihrem ewigen Gedanken gedichtet; und in der Zeit auseinandergefaltet — sie ist auch selbst der Dichter dieser Entfaltung der göttlichen Idee in der Zeit. — Bei dieser Betrachtung des Ganges der Menschheit durch die irdische Zeitlichkeit zeigen sich dem denkenden Beobachter dunkle Täler und nächtliche Tiefen voll Trümmer, Pfade voll Blut und Tränen. Dann aber erscheinen ihm auch strahlende Gipfel, die von göttlichem Schaffen prangen; da erblicken wir jene Lichter, die göttliches Leben schaffen, weil sie willig sich für Wahrheit und Recht opfern, jene erleuchteten Geister, die die wahren Leiter der Menschheit sind. Ueber jenen Heroen des Geistes, die, mit ursprünglichen elementaren Kräften ausgerüstet, nicht bloß für ihre Zeit, sondern auf Jahrhunderte hinaus Tatkräftiges wirken, sind es in erster Linie die Auserwählten der Menschheit, die mächtigen Herrscher der Erde, denen Gott von seiner Majestät gnadenvoll mitgeteilt, damit sie Segen und Heil verbreiten über Länder und Reiche, die ihrem Winke gehorchen. Sechsundzwanzig Jahrhunderte sind vergangen, seitdem unsere Propheten mit der ganzen Fülle und Macht ihrer göttlichen Begeisterung das Ideal eines allgemeinen Völkerfriedens verkündeten und seit jener Zeit hatte sich die Menschheit durch dunkle Täler und nächtliche Tiefen voller Trümmer, durch Pfade voll Blut und Tränen bewegt und nun stehen wir in einem Zeitalter der höchsten Kultur und Zivilisation mitten in einem Weltkriegsbrande, wie ihn die Weltgeschichte kaum jemals erlebt hat. Aber dies macht gar nichts; die Menschheit ist nicht auf Jahrhunderte angelegt. In neuer Gestalt erscheint gerade in diesem Weltkriege der Glaube an Recht und Gerechtigkeit in seiner vollen Gestalt. Das hat uns seit jenen sorgenvollen Stunden in den letzten Julitagen, wo noch die Wage zu schwanken schien, wo Kaiser und Kanzler mit dem Aufgebot der Staatskunst bis an die äußerste Grenze gingen, was die Wohlfahrt des Reiches znzulassen schien, um die Erhaltung des Friedens zu sichern. Gerechtigkeit ist ein guter Schild. Man kann versuchen, sie zu Boden zu schlagen; man kann sie drehen und wenden. Wir erleben das seltsame Schauspiel, daß die Gerechtigkeit unserer Sache vor den Richterstuhl Europas, der Menschheit gefordert, verklagt und zum Tode verurteilt wird. Aber sie läßt sich nicht töten. Ans tausend Gräbern, die man ihr gräbt, steigt sie verjüngt empor und empfängt ihr Siegel aus dem Blut der Getreuen, die um der Gerechtigkeit willen sich hingeopfert haben. Die Sprache der ältesten Rechtsquelle, die Sprache der Bibel, hat für die Majestät des Rechts die kräftigste Bezeichnung: sie sagt: „das Recht ist eine Gottessache", und daher jeder Sieg des Rechts ein Sieg der Gottessache und daher jeder energische Kampf ums Recht ein idealer, heiliger Kampf. Mag demnach immerhin die Kriegsgeschichte nur von Eroberungszügen und von wenig eingehaltenen Friedensschlüssen zu referieren haben; mag die politische Geschichte oft die Geschichte diplomatischer Verstellungskünste sein — wenn wir nur eine weltleitende Vorsehung anerkennen und wahrnehmen wollen, wie sich alles auf dem Wege der Entwicklung einem und demselben und wenn auch noch nicht deutlich gewordenen — großen Ziele nähert — wenn wir bedenken und beherzigen wollen, wie alles, was die pragmatische Geschichte für alle Zeiten zur Belehrung aufbewahrt hat, nur eine mehr oderminder bedeutende Phase der Gestaltung in dem großen Entwicklungsprozeß der ganzen Welt ist, dann wird ein viel heitereres Gesichtsfeld für teleologische Anschauung sich auftun, welches uns an den bereits hinter uns liegenden Teilen in ihrer Entfernung nur noch die Konturen und Umrisse in gefälliger Form zeigt und auch die Unebenheiten, selbst in der nächsten Umgebung, in einem milderen Lichte erblicken läßt, in dem jene unseren Blick über die scharfen Kanten und schroffen Ecken hinweg auf das weit vor uns liegende Gebiet der Zukunft lenkt, von wo ans das jetzt Naheliegende und auch in schöner Fernsicht einst erscheinen wird. Denn, je größer das von uns mit einem Blicke überschaute Gesichtsfeld ist, desto weniger macht sich der einzelne bemerkbar und desto mehr verschwinden dessen Unebenheiten und scharfen Kanten. Von diesem Gesichtspunkte aus bewahrte das Judentum bei allen Stürmen der Weltgeschichte stets das absolute, vornehme, prophetische Ideal des Völkerfriedens, stellte den Weltfrieden stets