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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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- 3 --- Gebefreudigkeit unserer Gerneindemitglieder große Anforderungen gestellt. In -einer Besprechung, die unmittelbar nach Beendigung des Gottesdienstes am Kriegsbettage (5. August) stattfand, wurde unter dem Namen „Jüdisches Hilfskomitee 1914" ein Komitee gebildet, dem die Shnagog-engemeinde, die Versch-iedenen Wohltätigkeitsvereine und einzelne Gemeindemitglieder zunächst nahezu 20 000 Mark zur Verfügung stellten. Die Lage Königsbergs als Grenzfestung in unmittelbarer Nähe des Kriegsschauplatzes bot dem Komitee sofort Gelegenheit zu umfassender Tätigkeit. . Die zahlreichen russischen Glaubensgenossen, die sich in Kliniken oder zu ambulanter ärztlicher Behandlung hier aushielten, mußten mit Ausnahme der Nichttransportfähigen auf Anordnung der Behörde aus militärischen Rücksichten die Festung verlassen, ebenso die zahlreichen jüdischen Badegeäste ans Rußland, die in den im Festungsgebiet belegenen Seebädern am Samlandstrande von dem Ausbruch des Krieges überrascht worden waren. Zu diesen traten hinzu Erholungsreisende, die aus westlicher gelegenen Badeorten auf der Hinreise nach Rußland nur noch bis Königsberg gekommen waren, und eine größere Anzahl von jüdischen Gemüsebauern aus Rußland, die alljährlich in den Sommermonaten vor den Toren der Stadt ihrem Gewerbe nach- Zugehen pflegten. Nach vielen Hunderten zählten diese Fremden, die in der ersten Kriegswoche von hier fortgeschafft wurden. In der folgenden Woche mußten Hunderte von zum Teil seit langer Zeit hier ansässigen Mitgliedern unserer Gemeinde, die russische Staatsangehörige waren, Königsberg verlassen. Dank der Persönlichen Fürsprache hervorragender Gemeindemitglieder und angesehener nichtjüdischer Persönlichkeiten, die vielfach Entgegenkommen bei den Behörden fand, sind die unvermeidlichen Härten dieser Maßregeln nach Möglichkeit gemildert worden. Das Hilfskomitee hat die vorübergehend internierten Fremden verpflegt, die Abreisenden, soweit erforderlich, mit Geldmitteln versehen und nach Möglichkeit die Fürsorge für die zurückgelaffenen Wohnungseinrichtungen der Ausgewiesenen übernommen. Gleichzeitig setzte die Hilfstätigkeit für die Familien, deren Ernährer zu den Fahnen einberufen waren, ein. Eine neue Sorge waren seit der dritten Augustwoche die zahlreichen Flüchtlinge, die vor der russischen Invasion hier Schutz suchten. Die Hilssarbeit der interkonfessionellen Flüchtlingsfürsorge, an welche auch die jüdischen Flüchtlinge zunächst verwiesen wurden, hat unser Komitee durch Gewährung von einmaligen und dauernden Unterstützungenergänzt. Für die Dauer der Herbstseiertage wurde für die Flüchtlinge und für die zahlreichen jüdischen Soldaten unserer Besatzung für Verpflegung gesorgt. Viele Familien in unserer Gemeinde haben sich gern erboten, den Soldaten in ihrem Hause die Festtage zu bereiten. Der Gottesdienst am Neujahrs- und- Versöhuungstage glich fast einem Feldgottesdienste. Nach Beendigung des Festmonats ist für die Flüchtlinge in den von der (Bne-Brith-) Kant-Loge zur Verfügung gestellten Räumen eine rituelle Volksküche eingerichtet worden, zu deren Kosten das allgemeine Komitee für die ostpreußischen Flüchtlinge einen je nach der Anzahl der Bespeisten bemessenen Betrag — zeitweise 300 Mark wöchentlich — beisteuerte. In der Volksküche speisen auch einige Soldaten der hiesigen Garnison für den Betrag von 20 Pfennig täglich. Für die Versorgung der Flüchtlinge mit Kleidung und Wäsche ist unsererseits über das von dem allgemeinen Komitee hinaus geleistete Maß reichlich gesorgt worden. Größere Mengen von Kleidung und Wäsche sind uns für diesen Zweck aus den verschiedensten Teilen des Reiches als Liebesgaben zugegangen. Soweit diese Gaben bis jetzt nicht verwendet worden sind, werden sie bei der hoffentlich bald zu erwartenden Rückkehr der Flüchtlinge an geeignete Zentralstellen m der Provinz zur Verteilung gesandt werden. Der Gesamtbetrag der von dem Jüdischen Hilfskomitee verausgabten Geldmittel belief sich am 1. Januar auf 33 000 Mark. Durch die russische Invasion sind zahlreiche Provinzgemeinden zurzeit verschwunden, ihre Beamten mittellos geworden. Der Ausschuß der Shnagogengemeinden Ostpreußens wandte sich an die Wohltätigkeit der Glaubensgenossen im ganzen Vaterlande und erhielt so die Mittel, den schwer geschädigten Beamten ihre Gehälter zu Zahlen und sie vor Not Zu schützen. Mit überraschendem Erfolge ist die Unterbringung von Flüchtlingskindern in jüdischen Familien des Westens in die Wege geleitet worden. Selbstverständlich haben sich Gemeinde, Wohltätigkeitsvereine und Private mit reichen Spenden für alle allgemeinen Organisationen auf dem Gebiete der Kriegshilfe beteiligt. Ebenso sind sie auch eifrige Mitarbeiter, zumal unsere Frauen, in dem -anstrengenden Dienst aus den Bahnhöfen, namentlich bei den Truppentransporten, bei der Ankunft Verwundeter und bei der Bespeisung der auch nachts in Riesenzügen durchreisenden Flüchtlinge. §2 Posen, 15. Januar. Die Israelitische Brüdergemeinde zu Posen, jetzige Gemeindesynagoge B, ist zu Anfang des Jahres 1815 gegründet worden, so daß sie in diesen Tagen auf ein hundertjähriges Bestehen zurückblicken kann. Sie wurde als „Israelitischer Brüderverein" von jüdischen unverheirateten Posener Männern gegründet, um den Einfluß und die Stellung der unverheirateten jüdischen Männer Posens im religiösen Leben der Synagogengemeinde zu stärken. Der Verein schuf sich ein eigenes Betlokal in Mietsräumen, dehnte später seinen Wirkungskreis auch auf die verheirateten Mitglieder der Synagogengemeinde aus und machte sich weiter die Unterstützung seiner Mitglieder in Krankheits- und Unglücksfällen sowie die Unterstützung armer jüdischer Elementarschulkinder mit Schulbüchern und Schreibutensilien zur Aufgabe. Im Jahre 1847 setzte er sich bei Schaffung eines neuen Statuts und Betlokals auch eine zeitgemäße Ausgestaltung des Gottesdienstes zum Ziel. Bald wurden die religiösen Aufgaben alleiniger Zweck des Vereins, der sich den Namen „Israelitische Brüdergemeinde" beilegte. Die Israelitische Brüdergemeinde baute sich ein eigenes Gotteshaus in der Domiuikanerstraßean derselben Stelle, an der nach mehrfachen Ergänzungs- und Umbauten die Synagoge noch gegenwärtig steht. Bekannte und bedeutende Prediger und Kantoren haben an der Synagoge der Israelitischen Brüdergemeinde gewirkt, welche der religiöse Sammelpunkt für alle an einer modernen Ausgestaltung des synagegalen Gottesdienstes interessierten jüdischen Einwohner Posens wurde. Seit länger als vierzig Jahren ist Professor Dr. B l o ch der Rabbiner der Gemeinde. Im Jahre 1912 fand die Entwickelung der Israelitischen Brüdergemeinde, die bis dahin ein selbständiger Privatverein gewesen war, dadurch ihren Abschluß, daß sie als gleichberechtigter Faktor in die Synagogengemeinde Posen einverleibt wurde. Seitdem führt sie den Namen Gemeindesynagoge B (Israelitische Brüdergemeinde). Die Festfeier anläßlich des hundertjährigen Gedenktages findet Sonntag, den 7. Februar statt. x. Breslau, 17. Januar. Anr Abend des 14. Januar ist Frau Ottilie Sachs geborene Jmmerwahr, im 82. Lebensjahre von dieser Erde geschieden. Anläßlich ihres 80. Geburtstages ist in diesem Blatte au anderer Stelle der ausgezeichneten Frau ehrend und feiernd gedacht worden. Einem ältangesehenen Patrizierhause entstammend, das an den Kultur- und Wohlfahrtseinrichtungen Breslaus stets regen Anteil nahm, hat die Verewigte den Traditionen ihrer Familie getreu seit länger als einem halben Jahrhundert in weiten Kreisen unserer Stadt und Gemeinde segensreich gewirkt und an der Ausgestaltung und Fortentwickelung vieler dem Allgemeinwohl dienenden Einrichtungen fördernd bis zu ihrem Ende mitgearbeitet. Die Beerdigung gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung und legte Zeugnis ab von der Liebe und Verehrung, welche die Verewigte in hohem Maße genoß. In tiefempfundenen Worten entrollte Herr Rabbiner Dr. Rosenthal das Lebensbild der seltenen Frau, von der Liebe, Freude und Segen, nicht nur für ihren Familienkreis, sondern weit über dessen Grenzen hinaus ausgegangen ist. Ihr, der das höchste Glück der Erdenkinder, die Persönlichkeit, zuteil geworden, war viel Freude, aber auch viel herbes Leid beschieden; in Glück und Unglück hat sie sich gleich trefflich bewahrt. Durch Talent und Schulung der Breslauer Singakademie als ausübende Kunstjüngerin jahrzehntelang ein wertvolles Mitglied, wurde sie später als dem Vorstand angehörend durch ihre hingebungsvolle Treue für das Kunstinstitut wiederum jahrzehntelang von höchstem Einfluß auf dessen Entwickelung, so daß ihr Name für alle Zeiten eng verknüpft mit der Breslauer Singakademie bleiben wird. Ganz Hervorragendes hat sie als Mitglied, später jahrzehntelang als Vorsitzende des Frauenkomitees der Breslauer israelitischen Waisenanstalt geleistet. Mit warmer Liebe die Zöglinge der Mädchenabteilung umfassend, deren Erziehung und Pflege treu überwachend, wurde sie ein Vorbild und Beispiel aller weiblichen Tugenden, gleichermaßen für die Heranwachsende weibliche Jugend der Waisenanstalt, als für die des jüdischen Mädchenheims, dessen Vorstand sie seit seiner Begründung angehörte. Ueberall wurde ihre edle Herzensgute, ihre seltene Bescheidenheit, Tatkraft und Pflichttreue dankbar empfunden und uneingeschränkt anerkannt. Ihre Name wird in ihrer Vaterstadt unvergessen fortleben. Die Singakademie spendete dem allverehrten

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