Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Einführung des Ritus der Synagoge Kaiserstraße für die am Kottbuser Damm erbaute neue Synagoge, die noch in diesem Jahre eröffnet werden soll, vorsieht. Die Versammlung beschließt, die Beratung über diesen Gegenstand zu vertagen. Es folgten sodann eine lange Reihe von Wahlen in die Baukommission, in die gemischte Deputation zur Einrichtung einer Krankenkasse, in die Bibliothekkommission, in die Vorstände der Synagogen Rykestraße, Kaiserstraße, Fasanenstraße, in die Armenkommission, in den Vorstand des Krankenhauses, den Vorstand der Altersversorgungsanstalt und in die Festgottesdienstkommission. — Aus den Mitteln der Altersversorgungsanstalt selbst soll in den Zimmern der Insassen und der Inspektoren in allen drei Anstalten elektrische Beleuchtung eingerichtet werden, nachdem durch Umwerfen einer Petroleumlampe sich Unfälle ereignet haben. Die Versammlung stimmt dem Antrag zu. — Für die Kasse der Armenkommission, deren Tätigkeit immer umfangreicher wird, soll eine neue Expedientenstelle geschaffen werden, die von der Versammlung bewilligt wird. — Zur Unterstützung derjenigen jüdischen Gemeinden oder derjenigen Glaubensgenossen O st d e u t s ch l a n d s, die durch den Krieg besonders in Mitleidenschaft gezogen sind, werden von der Versammlung 5000 Mark bewilligt. Es handelt sich dabei um das bekannte jüdische „Hilfskomitee in Königsberg i. Pr.", und es haben außer Berlin auch andere Großgemeinden, so diejenigen von Frankfurt a. M. 1500 Mark, die Deutsch-israelitische Gemeinde in Hamb u r g 500 Mark u. a. bewilligt. — Für die Anschaffung von Wagen und Meßinstrumenten auf den Gemeindegrundstücken werden 1497,50 Mark bewilligt. — Obwohl die neue Synagoge in der Levetzowstraße erst kurze Zeit in Betrieb genommen ist, sind von dem Vorstande derselben Verbesserungsanträge gestellt worden. Die kleinen Beträge für Notlampen, Verbesserung der Ventilation in dem Thoraschrank usw. werden bewilligt und gleichzeitig eine Kommission aus der Versammlung gewählt, die sich mit den beantragten kleinen baulichen Veränderungen beschäftigen soll. In diese Kommission werden die Herren Plotke, Löwenthal, Weile, Pincus und S i m o n gewählt. Es handelt sich vor allem um die Schaffung eines Konferenzzimmers für den Synagogenvorstand, der bisher seine Sitzungen in der Wohnung des Kastellans hat abhalten müssen. — Zur Anschaffung von 200 Exemplaren des Sachsschen Gebetbuches für Barmizwaknäben werden 660 Mark bewilligt. Desgleichen die. Kosten für das Wohltätigkeitskonzert in der Neuen Synagoge in Höhe von 2178,50 Mark. Das Erträgnis jenes zum Besten der Nationalstiftung veranstalteten Konzertes belief sich auf 5747 Mark, die ihrer Bestimmung bereits zugeführt sind. — Der öffentlichen Sitzung folgte noch eine geheime, in der vorzugsweise Personalsragen erörtert wurden. — Berlin, 19. Januar. Im 91. Lebensjahre ist am 17. d. M. Julius I a c o b y , der frühere langjährige Vorsitzende des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin, sanft entschlafen. Der Tahingeschiedene, der im Jahre 1847 die Baumwollfirma Julius und Adolf Jacobh in' der Spandauer Straße 7, die älteste Berlins, begründete, gehörte seit 1878 dem Vorstande der jüdischen Gemeinde an; seit dem Jahre 1901 führte er den Vorsitz. Ferner war er Mitglied der Finanzkommission der Korporation der Kaufmannschaft und gehörte zur höheren Steuerkommission sowie zur Sachverständigenkommission der Textilbranche. Der Verstorbene erfreute sich durch die Lauterkeit und Rechtlichkeit seines Charakters wie durch seine Wohltätigkeit in weiten Kreisen hoher Achtung und Wertschätzung, die gelegentlich seines 90. Geburtstages, am 10. März v. I., in zahlreichen Ehrungen ihren Ausdruck fanden. Vor etwa einem halben Jahre legte er, durch sein hohes Alter veranlaßt, den Vorsitz im Vorstande der jüdischen Gemeinde nieder. Julius Jacobh war der Schwiegervater Hugo Lubliners und der Bankiers Louis und Oskar Rothschild. Eine letzte Freude war es ihm, als die Nachricht kam, daß einer seiner Enkelsöhne, Dr. Ernst Moser-Rothschild, sich auf den Schlachtfeldern im Osten das Eiserne Kreuz erworben habe. lieber die Trauerfeier, die am Donnerstag, den 21. d. M. in der Synagoge, Lindenstraße stattfindet, werden wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten. &&& Berlin, 19. Januar. Auf Umwegen geht uns die überaus traurige Nachricht zu, daß in dieser schicksalsschweren Zeit auch die Alliance ein harter Schlag getroffen hat. Der hochverehrte, ehrwürdige und langjährige Präsident -der Alliance Israelit« Universelle Herr Narcisse Leven in Paris ist am 7. d. M. im 82. Jahre seines gesegneten Lebens verschieden. Nicht nur die, die das Glück hatten, im persönlichen oder schriftlichen Verkehr mit ihm für das Gedeihen des Alliancewerkes, das sein Lebenswerk war, zu wirken, werden die ganze Schwere dieses Verlustes ermessen, sondern weit und breit, innerhalb und auch außerhalb der Alliance, in der der Verewigte ein Menschenalter hindurch den belebenden Mittelpunkt für alle Werke der Barmherzigkeit bildete, wird das Hinscheiden dieses großen Juden tiefempfundene Mittrauer erwecken. Ehre seinem Andenken! E. S. Berlin, 19. Januar. Am 11. d. M. nahmen wieder die Montagsvorlesungen in der Aula Große Hamburger Straße 27 ihren Anfang. Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger sprach über Dorothea Mendelssohn, die Tochter von Moses Mendelssohn, die erst an den seingebildeten und sittlich hochstehenden Simon Veit verheiratet, dann zum Protestantismus übertrat, schließlich nach einem Verhältnis zu Friedrich Schlegel — später zur Ehe sanktioniert — zum Katholizismus übertrat. Redner verwahrte sich gegen den Vorwurf, ob er über eine Apostatin reden dürfe, habe doch seinerzeit selbst ein so überzeugter Jude, wie Professor H. Steinthal, Heine zum Gegenstand eines Vortrages gemacht. Die literarische Bedeutung von Dorothea Mendelssohn liegt in ihrem Briefwechsel mit Schleiermacher. Wenn auch hier und da veraltet, ist doch ihr Roman „Florentin" wichtig zur Kenntnis der Geisteswelt der Jahrhundertwende. Was die merkwürdige j Frau so hoch über ihre Zeitgenossen erhebt, sind ihre hohe Bildung und ihr selbständiges Urteil. In einer Zeit, wo ein deutsche nationales Leben erst ansing, zeigte sie eine entschieden deutsche Gesinnung, war weder preußisch noch österreichisch. Ilnablässig hielt sie fest an einer freiheitlichen Gestaltung Deutschlands, trotz ihrer romantischen Richtung und der österreichischen Gesinnung ihres Gemahls Friedrich Schlegel. Auch zur Romantik nahm sie eine freiere Stellung ein-. Der Gegensatz zu ihrem Vater bildet den Schlüssel zum Verständnis von Dorothea Mendelssohn. Abgesehen von seinen religiösen Anschauungen lebte Moses Mendelssohn im Bannkreis der Lessingschen Aufklärung, der selbst Goethes Werther ein Greuel war. Selbstsucht oder andere niedrige Beweggründe lagen der Konvention von Dorothea Mendelssohn fern. Sie verharrte als überzeugte Christin, und auch ihre Söhne bewährten sich als eifrige Katholiken. Warum verließ sie ihren Mann? Dieser wollte nur eine Hausfrau. Aber die Gefährtin wünschte regen Anteil zu nehmen an der Geistesarbeit des Gatten, über die engen Schranken des eigenen Heims wollte sie sich sozial betätigen (gründete einen Kinderhort). Wenn auch der ruhige, jeder Absonderlichkeit abholde Simon Veit in ihren Augen nichts weniger als ein Held war, so zeigte er doch eine sittliche Größe. Unablässig unterstützte er die Treulose und die beiden — ihm nicht zugesprochenen — Söhne. Ergreifend ist der Brief des Vaters an den einen Sohn um die Zeit vor der Taufe, worin er erklärt, daß es trotz der v e r sch i ebenen Glaubensbekenn tnisse — nur eine Moral gibt, und daß er, solange diese ' Moral gilt, nicht aufhören wird, feine Kinder zu lieben. So konnte I der schreiben, welcher letztwillrg gemeinnütziger Stiftungen hoch-! herzig gedachte und verfügte, seine Schuldner nicht zu bedrängen. An ihrem Lebensabend sah Dorothea Mendelssohn doch ein, daß sie ihren Mann verkannt und ihm Unrecht getan habe, als sie noch kurz vor dem Tode von ihm einen ergreifenden Brief erhielt. Die so viel genannte und so viel gelästerte Frau konnte mit Maria Stuart sprechen: „Das Aergste weiß die Welt von mir, und ich kann sagen, ich bin besser als mein Ruf." In diesem Selbst- und Schuldbewußtsein liegt ein versöhnender Abschluß des reich bewegten Lebens dieser merkwürdigen Frau. — Lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine interessanten und lehrreichen Ausführungen. 6. T. Berlin, 19. Januar. Herr Lehrer K r o t o s ch i n e r, der schon viele Jahre an der siebenten Religionsschule seines Amtes waltet, feierte am 17. d. M. seinen 70. Geburtstag. Zu Ehren des Tages fand in der Aula der Schule ein Festakt statt, dem Deklamationen, Begrüßungslieder und Blumenspenden die gebührende Weihe verliehen. Herr Rabbiner Dr. Eschelbach er, der Leiter der Anstalt, gratulierte im Namen des Kollegiums und würdigte unter Ueberreichung eines Pokals die Verdienste des Jubilars um die ihm anvertrauten Zöglinge. exv Königsberg i. Pr., 15. Januar. Die abgelaufenen fünf Kriegsmonate haben an die persönliche Arbeitsleistung wie an die