Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 habe er eine ostelle Hand gehabt: nie fei ein Hilfsbedürftiger ohne Hilfe von ihm fortgegangen. Leine Vaterstadt werde sein Alldenken stets in Ehren halten. Der Frau Geheimrat lvie auch der Familie möge es ein Trost sein, daß die Herzen aller Solinger in immerwährender Liebe des überall so hochgeschätzten Verstorbenen gedenken werden. Die Sängervereinigung fang einen Choral, die Kapelle spielte einen Trauermarsch., und während dessen wurde der Sarg aus den im Fabrikhof haltenden Leichenwagen hinaufgehoben. Durch das ^or verließ er Zum letztenmal die Stätte seiner Lebensarbeit. Draußen gruppierte sich der LeichenZug. Die Arbeiter und Angestellten der Firma Alex Coppel ans Hilden und ans Solingen, die vielen Vereine, denen der Verstorbene nahegestanden hatte, mit ihren Fahnen, der Oberbürgermeister mit den städtischen Beamten, die Stadtverordneten und Beigeordneten, die städtischen Kommissionen, viele Leidtragende ans Solingen, und solche, die von nah und fern herbeigeeilt waren, gäben ihm das letzte Geleit. Außer der Stadtkapelle marschierte im Fug auch die Kapelle des Gymnasiums, der der Verstorbene häufig geholfen hatte. Auch die Spitzen der anderen Behörden waren vertreten, u. a. auch Herr Landrat Geheimrat Luc-as. Die Straßen, die der Zug berührte, waren säst vo.m Trauerhause bis zum Friedhof Zu beiden Seiten besetzt von einer spali er bildenden Menge. Auf dom Friedhof angelangt, wurde der Sarg in der Friedhosshalle aufgebahrt. Herr Lehrer Joseph sprach die üblichen Grabgebete. Dann hielt Herr Rabbiner Dr. Hochfeld eine Traueransprache, nt der er ein treffliches Lebensbild des Entschlafenen Zeichnete. Hierauf wurde der Sarg Zmn Grabe getragen und in die Gruft gesenkt. Nach einem von dem Rabbiner gesprochenen Gebet sang noch der Gesangverein der Coppelschen Arbeiter aus Hilden den Chor: „Wie sie so saust rntstn". Tann wölbte sich der Hügel und ein mächtiger Berg von Kränzen über dein Grab des Geheimrats ltnb Ehrenbürgers Gustav Coppel, der ein ebenso guter Jude wie er seiner Vaterstadt ein allezeit getreuer Sohn war, und die ihm darum awcfy die Treue bis über das Grab hinaus halten wird. — Der Dahiugeschiedene stand 60 Jahre an der Spitze der Shnagogengemeinde, Zuerst als Vorsitzender der Repräsenj tantenversammlung, dann jahrzehntelang hindurch als Vorsitzender des Vorstandes. Ehre seinem Andenken. g/g Lübbecke, 31. Dezember. Unsere Gemeinde sowohl lote unsere Stadt ist durch den kürzlich erfolgten Tod der Frau Henriette Rüben von einem schweren Verlust betroffen worden. Wie der Name ihres vor mehreren Jahren entschlafeneil Gatten, des Herrn Julius Rüben, derzeitigen Inhabers der Firma Nathan Rüben, Lübbecke, Hamburg, Berlin in tiefer Wertschätzung noch hellte fortlebt, so hat die Verklärte durch die Lauterkeit ihrer Gesinnllng, durch ihre Herzensgüte sich ein bleibendes Denkmal bei allen gesetzt, die sie gekannt. Gottesfürchtig, schlicht und selbstlos schritt die Heimgegangene durch das Leben, unauffällig streute sie ihre Saat der Liebeswerke aus. Zu einem erhebenden Akte gestaltete sich das Begräbnis der Verblichenen, an dem außer ihren Angehörigen llud den Gesellschafterll, den Angestellten lind Arbeitern des Hauses Nathan Rüben unsere Gemeinde und der Weitalls größere Teil der Bürgerschaft teilnahmen. Am Grabe entwarf Herr Lehrer Lazarus au der Hand des Spruches „Der Pfad der Gerechten ist wie das Licht des Frührots, das immer heller wird bis zur Tageshöhe". Spr. Sal. 4,18 — ein dem Lebensaang der Entschlafenen Vollalls entsprechendes, würdiges Bild und ries ihr tiefenlpsundene Gedenkworte nach in die Gruft. Es bleibe nicht unerwähnt, daß die Entschlafene, deren Zwei Söhne und ein Schwiegersohn im Felde stehen, dem Vaterlande ihre letzte Herzenspslicht durch namhafte Zuwendungen erfüllt hat, so daß bis jetzt ans unserer kleinen Gemeinde insgesamt nahezu 6000 Mark den bekannten Opferstätten für Liebeswerke im Weltkriege überwiesen wurden. g/«>. Seesen a. Harz, 31. Dezember. Die Schüler der Jacobson - S ch u l e haben eine Sendung von L i e b e s g a b e ll, in elf größeren und kleineren Kisten verpackt, dem 10. Armeekorps zur Verteilung an die Truppen als Weihnachtsbescherung übersandt. Es sind voll dem Kommando der Regimenter Nr. 32, 74 und 76 Schreibell eingegangen, worin in herzlichen Worten den Schülern für die Werhnachtsfrende, die sie den braven Kriegern bereitet haben, gedankt wird. Manche Soldaten haben in liebenswürdigen Worten den einzelnen Spendern persönlich durch Feldpostkarten ihren Dank abgestattet. Bezeichnend ist die Stimmung eines braven Einbecker Reservemannes, der auf seiner Karte bemerkt, „daß die Franzosen sprachlos über die Liebe seien, die ben deutschen Soldaten von ihren Landsleuten entgegengebracht werde". Dem Direktor der Jacobsoll-Schule gehen fortgesetzt Berichte voll den im Felde stehenden ehemaligen Zöglingen der Anstalt zu, mi§ denen er die freudige Genugtuung gewinnt, das; sie alle in aufopfernder Hingebung ihre Pflicht tun. Soweit bisher bekannt ist, sind 18 ehemalige Schüler mit d e in Eifer n e n K re u z ausgezeichnet worden. Darunter sind folgende 5 jüdische Zöglinge: Siegfried Jacobson, Al o r i tz H o l l ä n d e r , I u l i n s Stern, Oskar A ll g r e ß und E r n st K a s s e l. Leider ist auch eine Reihe voll früheren Zöglingen der Jacobson-Schule gefallen, darunter die jüdischen Schüler: Julius Weil und S i e g f r i e d Jacobson. A. B. Hannover, 31. Dezember. Am 6. d. M. fand in Hannover die diesjährige Sitzung des Kuratoriums der I s r a e l i t i sche ll E r z i e h u n g s a n st a l t z ll A h l e n statt. Nachdem der Vorsitzende. Herr Justizrat Dr. Berend, zunächst der seit der letzteli Sitzung verstorbenen Mitglieder Dr. Salvendi-Karlsruhe und Karl Schiss- Berlin ehrend gedacht, wurden die nach der Satzung ansscheidenden Mitglieder des Vorstands und des Kuratoriums einstimmig wiedergewählt. Anschließend an den Bericht des Vorstands über das lausende Jahr gab das Kuratorium nachträglich seine Zustimmung dazu, daß der Vorstand einen Teil der Anstalt, nämlich das Hans der Mädchenabteiluug, dem Kriegsministerium als Hilfslazarett zur Verfügung gestellt hat. Zurzeit befinden sich in der Anstalt 84 Zöglinge, darunter 48 Lehrlinge und 16 Haushaltungszöglinge: außerdem 20 Schulkinder, die den Schulunterricht genießen, soweit es die Verhältnisse Zulassen. Eine Einschränkung der Tätigkeit der Anstalt hat also nur in bezug ans die Schülerabteilung stattgefunden: sie mußte nach Ausbruch des Krieges vorgenommen werden, lveil die Lehrkräfte nicht mehr voll Zur Verfügung standen, und weil die Finanzlage der Anstalt infolge des großen, in der Gärtnerei zu erwartenden Ausfalls einen vollen Betrieb nicht Zuließ. Der Bericht des Vorstands wird in Kürze im Druck erscheinen. Kuhl-md. Z. Warschau. In der Türmer „Stampa" veröffentlicht C o n - c c t to P e t t i n a t o folgenden Bericht aus dem das Herannahen der Deutschen fürchtenden Warschau: „Die Kanone", schreibt er, ,,donnert wieder. Man gebe sich keiner Täuschung hin: diesmal schlägt man sich ernstlich, auf dem ganzen platten Lande ringsum, von Süden bis Westen. Nur die Forts des Festungsgürtels schweigen noch. Ganz deutlich hört ma-n das Hämmern der Batterien aus dem Schlachtfelde: es ist, als wenn man in aller Eile Kisten Zunagelte. Jetzt haben sie auch den Bahnverkehr nach Wilanow geschlossen. lieber Mokotow hinaus gelangt man nicht mehr. Von Zeit zu Zeit sprengt im Galopp ein Meldereiter heran, mit Schmutz bedeckt und ganz außer Atem. Auf dem Bahnhofsplatze bildet die Menge Spalier, entsetzt und schweigend, wie während eines Feuers, wenn die Feuerwehr kommen soll. Man hat kalte Füße und einen leeren Schädel: hin und wieder nur fährt durch das Hirn wie ein Blitz eine leise Ahnung der Wahrheit. Sonst aber weiß und begreift inan rein nichts, wie im Theater eines Landes, dessen Sprache man nicht versteht . . . An der Marscha-lkowska. haben sie in den großen, neuen Häusern, in Erwartung des Gewehrseuers, Türen und Fenster verbarrikadiert. Es ist wie an Bord der Schiffe, wenn in Erwartung des Sturmes alle Luken geschlossen werden. In der Ferne steht man hinter den Wäldern den Rauch anssteigen und sich, vom Winde getrieben-, zu bläulichen Wölkchen ballen. Inder- Stadt forscht man vergebens nach wahrheitsgetreuen Zeitllngsberichten. Offiziell sind die Deutschen noch weit von Warschau entfernt. Man könnte sich von den durchziehenden Soldaten anfklären lasten; aber man darf mit den Soldaten nicht sprechen, wenn man nicht als Spion verhaftet werden will. Man erfährt die Neuigkeiten also auf der Straße von dem Freunde, den man zufällig trifft. Im übrigen sieht man auch auf den Straßen mtr wenig, Leute: man fürchtet die Bomben. Die Bürger bleiben 51t Hanse und durchnieffen, auf den Kanonendonner lauschend, mit finsterer Stirn das Zimmer. „Es ist entsetzlich. Man kann ja jeden Augenblick in die Luft springen." In Mokotow ist hier und da noch.der Laden eines jüdischen Gastwi-rts geöffnet. Die Inden sind immer -am besten unterrichtet: sie haben überall Vertrauensmänner, von denen sie etwas erfahren. „Wissen Sie, in Prnschkow haben sie Majewskis Bleististfabrik zerstört. Die Maschinen sind mit Donnergepolter ausdem dritten