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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-11 · Heft 50 (11.12.1914) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 50 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Bedauern wird es nutzer in seiner Familie auch in weiten Kreisen Hervorrufen, das; dies von; Schicksal anders bestimmt war. An einem betten sonnigen Oktobermorgen wurden die irdischen Ueberreste dieses für sein Fach so außergewöhnlich begabten mW allgemein beliebten Aiannes zu Grabe getragen ans dem alten jüdischen Friedhof an dem Scheveniugenscheu Weg, der in seiner schlichten Einfachheit uns deutlich die Worte ,.Vvn 3taub bist du, zu Staub wirst du" zum Bewußtsein bringt. Trotz der früh angesetzten Zeit hatte sich dort ein so zahlreiches und hvchang-eseh-ell.es Trauergefolge versammelt, wie es seit der Beerdigung des berühmten Joseph Israels dort wohl kaum gesehen wurde, und die Teilnahme wäre eine noch größere gewesen, wenn nicht die augenblicklich so schwierigeil Reiseverhältnisse es vielen nlnuöglich gemacht hätten, dem Wunsche ihres Herzens zu folgen und dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Es würde zu weit führen, hier an dieser Stelle alle Namen der hervorragenden anwesenden Persönlichkeiten aufzuzählen. Nur erwähnen wollen wir: den Finanzminister Alr. Harte van Fehlenburg, den Minister de Meester, den Staatssekretär Ihr. M. de Jonge und Exzellenz Professor Tr. Jacques Oppenheim, ein Schwager des Verstorbenen. Auf Wunsch des Entschlafenen unterblieb jede Trauerrede, und so dankte nur der älteste Sohn, Tr. med. I. Hankes-Drielsma, den Anlvesenden für ihre Teilnahme. Nachdem die Gruft .geschlossen war, verließen die Anwesenden diese letzte Ruhestätte mit dem. schmerzlichen Bewußtsein, einen Mann von großem hellen Geiste, von besonderer Genialität, von edlem Charakter, gepaart mit außergewöhnlicher Bescheidenheit zu Grabe getragen zu haben. Herr Hankes- Trielsma wird nicht vergessen werden, weit und breit werden wir in Liebe, Hochachtung und Freundschaft seiner gedenken. Van Iah und IFmt. U nter den vermißten Kriegern befindet sich auch der Rabbi na ts kan didat Tr. Phil. Siegfried Schemel aus Berlin. Er stand als Gefreiter beim 24. Infanterieregiment (Hauptregiment), 6. Division, 3. Armeekorps, 1. Kompagnie, war Anfang September bei der Bagage des Regiments, soll dann an einem Gefecht des 34. Regiments teilgenommen haben und ist dabei am 9. September verwundet worden. Seit diesem Tage fehlt jede Spur. Auskunft nimmt entgegen Ludwig Schemel, Berlin, Elberfelder Straße 2l. - Auf dem Felde der Ehre gefallen sind: Rabbinatskandidat Alfred S a l o m o n, 22 Jahre alt, au@ Berlin: Becher Feist Samuel ans Reichelsheini (int Odenwald), zuletzt;it Hohen salz a. Aus G r a u d e n z wird uns geschrieben: Unser ältester Bürger, Bankier Aron B o h m, ist im 93. Lebensjahr verstorben. Bis vor kurzer Zeit von einer erstaunlichen geistigen und körperlichen Rüstigkeit hat der Verstorbene das im Jahre 182 4 unter der Firma Aron E. Bvhm gegründete Bank- und Wechselaeschäft mehr als <»(> Jahre hindurch geleitet unb ist hierdurch in den weitesten Kreisen der Ostprovinzen bekannt geworden. Jahrzehnte hindurch gehörte er früher auch den städtischen Körperschaften, zuletzt bis zum Jahre 1899 als unbesoldeter Stadtrat an. Ebenso bekleidete er eine Reihe von Ehrenämtern in der Shnagogengemeinde zu Graudenz. Rechtsanwalt Dr. (v o h n b e r g hier ist zürn Kriegsgerichtsrat mit dem Range eines Hauptmanns ernannt worden. Aus Posen wird uns geschrieben: Herr Tr. Wilhelm Lvloenthat, Dozent an der königlichen Akademie unb Dolmetscher bei der Groß-Radiostation Hierselbst hat für hervorragende Verdienste um das Anfklärungswesen auf dem östlichen Kriegsschauplatz^das Eiserne Kreuz erhalten. Herr Dr. Löwenthal referierte nn ^aale der Kaiser-WilhelunBibliothek über: „Tie Völker Rußlands und der Krieg." Redner charakterisierte die Fremdvölker Rußlands als die Stiefkinder der russischen Regierung und wies darauf hin, daß keine Gemeinschaft der Kultur, der Erziehung, der Weltanschauung diese Völker miteinander und mir dem eigentlichen russischen Volke eint. Was alle diese widerstrebenden Elemente bindet, ist ihr gemeinsames Unglück; sie alle schmachten unter dem, was man die russische Knute nennt, unter der schlechten Verwaltung, unter der elenden bestechlichen poltzei. -- Zufolge des durch den Krieg hervorgerusenen Lehrermangels ist die jüdische Schule in Lobsens vorläufig geschlossen worden. Die jüdischen Schüler besuchen während des Krieges die dortlge Öffentliche evangelische Volksschule. - Stabsarzt der Landwehr bei der Linienkommandantur in Breslau, Herr Dr. Karl Gold mann (aus Bernstadt i. Schl.) ist zum Oberstabsarzt befördert worden. -. Tie Shnagogengemeinde Reiste feierte am 20. November das Fest ihres hundertjährigen Bestehens. Ter Vorstand hat sich mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit auf einen Festgvttesdienst als einzige Veranstaltung beschränkt. Man hat der Zeitlage weiter dadurch Rechnung getragen, daß dem Magistrat 500 Mark zur Verteilung an bedürftige Angehörige von im Felde stehenden Kriegsteilnehmern ans Neisse überwiesen worden ist. — Zum Patron der israelitischen Gemeinde in Rostock ist vom Rat an Stelle des emeritierten Bürgermeisters Tr. M. Matzmann Bürgermeister Dr. Becker bestellt. — Ter B erei n für jüdisch e K r a n k e n p f l e g e r i n n e n in Frankfurt a. M. hat von ungenannt sein wollender Seite die Mittel für die Ausrüstung eines Lazarettznges erhalten. Der Verein, der den Zug mit seinen Schwestern besetzt, wird ihn den; Frankfurter Roten Kreuz zur Verfügung stellen. — Im Verein für jüdisch e G e - schichte und Lite r a t u r zu B a y r e u th sprach Herr Rabbiner Dr. S a l o m o u - Bayreuth über: „Ein jüdischer Major des 19. Jahrhunderts (Major Burg)." In Genf ist vor kurzen; der Dumaabgeordnete N i s s e l o w i t s ch verschieden. Die russischen Juden beklagen den Tod eines eifrigen Kämpfers für ihre Menschenrechte, für die er stets in der Duma, wo sich Gelegenheit bot, furchtlos eintrat. — Wie uns aus Wien mitgeteilt wird, hat die dortige Israelitische Kultusgemeinde 500 000 Kronen auf die Kriegsanleihe gezeichnet. Außerdem hat die Wiener Israeli tislle Kultusgemeinde gleich bei Ausbruch des Krieges ihr Spital für die Berwundetenpslege zur Verfügung gestellt, und zwar 100 Mannschafts- und 10 Offiziersbetten, die Unterbringung, Pflege, Wartung, ärztliche Behandlung ohne jeden Anspruch auf Entgelt übernommen. — Budapester Blätter melden, daß die beiden bekannten Philanthropen Manfred Weiß de Csopel uitb Theodor Wolfner d e U j p e st den Barontitel erhalten sollen. Beide haben sich während des Krieges durch große philanthropische finanzielle Aktionen verdient gemacht. — Der Krieg hat sich auch in den verschiedenen großen Talmudlehrhällsern Ungarns stark fühlbar gemacht. Mit Ausnahme der Preßburger Jeschibah, welche keine Einbuße an Schülern erlitten hat, sind fast alle großen, zumeist in der Karpathenaegend gelegenen Jeschiboth, wie Huszt, Marmaros-Sziget, Hnnsdorf usw., nahezu ohne Bachnrim geblieben. Abgesehen davon, daß einige dieser Städte vorübergehend von den Russen besetzt waren, hat die im Gefolge des Krieges entstandene wirtschaftliche Krise auch ans die Unterstützungsanstalten und Freitischvereine dieser Lehranstalten ungünstig eingewirkt, so daß die zumeist unbemittelten Talmndst'mger nicht in der Lage wären, sich daselbst ohne Nahrungssorgen dem Talmndstudium hinzugeben. Hierzu kommt noch, daß ein großer Teil der Besucher dieser Lehrhäuser unter, der; Fahnen ist. - Aus London wird gemeldet: S i r F r n u c i s M ontesiore, das langjährige Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, ist aus der zionistischen Organisation ausgetreten, weil sie unter deutscher Leitung steht. -- Wie der „Nieuwe Rotterdarnsche Courant" meldet, hat die französische Regierung allen in Paris wohnenden Türken erlaubt, dort zu bleiben; von dieser Erlaubnis sind jedoch die türkischen Juden, deren Zahl mindestens 1000 beträgt, ausgeschlossen worden. — In Lodz zeichnet sich in diesem traurigen Moment besonders der bekannte jüdische Millionär Poznanski durch feine großzügige Wohltätigkeit ans; er hat den Unterhalt vieler jüdischer Familien übernommen und unterstützt in weitherziger Weise die Krankenhäuser und die Chedarim. Große Armut herrscht besonders unter den jüdischen Lehrern, von denen viele einfach vor Hunger sterben. — Der europäische Krieg hat die jüdischen Gemeinden im fernen Osten hart getroffen. Die jüdischen Einwohner von Hongkong, Schanghai, Tientsin, die zum größten Teile aus den verschiedenen Ländern Europas stammen, haben fast alle ihre Heime verlassen tnüssen, um dem Ruse des Vaterlandes zu folgen. Es sind unter ihnen russische, englische, deutsche und österreichische Juden, die hierin voller Eintracht zusammenhielten und nun die Waffen gegeneinander gebrauchen! Welch tragisches Schicksal! Und dennoch folgten alle, manche unter großen ^Schwierigkeiten und Opfern, dem Rufe der Pflicht._' __ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnlander, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin.

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