Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Alimifl! Ich will Soldat werden. Will in der ersten Feuerlinie knmpfen gegen die russische Barbarei. Ich null Soldat werden, und zwar ungarischer Honvedsoldat" —- so schreibt Simon Fruchtgarten, der durch die Aufopferung seiner Person beweisen will, das; ein so armer verfolgter Jude dankbar zu sein versteht und weist, was seine Pflicht ist jenem Batertande gegenüber, welches ihm in den schweren Tagen der Not und der Verfolgung sichere Zuflucht, Ruhe und Schutz gewährte." Simon Fruchtgarten weist, was ein Krieg ist. Wie-er selbst in seinem Majestätsgesuch ansführt, hat er vier Jahre in der russischen Artillerie gedient. Er fürchtet die Gefahr nicht. Er sagt in seinem Gesuche: „Ich s ch \v ö r e vor d e m A u g e s i ch t Gottes, bei meinem ehrlichen jüdischen Gewissen" - so lesen nur in Simon Fruchtgartens Majestätsgesuch, welches sich sozusagen auf das Niveau eines Dokumentes voll historischer Bedeutung erhebt , das;, lvenn Eure Majestät anzuordnen geruhen, das; man mich als Soldaten einreihe und das; ich in dein Kampfe gegen die' Aussen als königlich-ungarischer Honved teitnehmen darf, ich in der Feuerliuie känipfen werde wie zehn andere. Xcnn ich habe das Bedürfnis, einerseits für das graste Wohlwollen Eurer Majestät den verfolgten russischen Juden gegenüber den Tank abzustatten, und andererseits rnit der Waffe in der Hand Rache zu nehmen für all die Bitternis, für all die vielen Morde, welche meine armen Glaubensgenossen in Rußland zu erleiden hatten und dafür, was auch ich leiden mußte in; Verlaufe der zahlreichen Judenverfolgungen." Die Antwort ist noch nicht herabgelangt. Aber sie kann -- kaum abweisend sein. Denn lvir haben neben unseren „Noten Teufeln" solche Soldaten nötig, die so kämpfen, wie es der russisch-jüdische Flüchtling Simon Fruchtgarten zu tun verspricht. kuhlsnL R Petersburg (Indirekt), im Oktober. Ter „Rjetsch" elltuehmeu nur die Mitteilung, daß sich in Petersburg ein Komitee gebildet hat, um eine weitgehende Fürsorge den jüdischen Opfern des Krieges angedeihen zu lassen. Ein warmer Aufruf fordert die jüdische Gesellschaft zur materiellen lluterstützuug dieses ilotlvendigell Liebeswerkes auf. An der Spitze des Komitees stehen geschätzte, sozialtätiae Persönlichkeiteil, lvie Tr. B o m a s ch , Mitglied der Reichsduma, Tr. M. Bra m s v n , Mitglied der ersten Reichsduina, Rabbiner Eisen stadt, Baron Alerander Günzburg, der Abgeordnete F r i e d ui a u n , Rechtsanwalt W a lv e t b erg, K n t i s ch e r u. a. ili. Tie gesamte Pskegeorganisatioll in Rußland bleibt hinter derjenigen Deutschlands weit zurück, und viele Zeichen deuten darauf hin, daß die jüdische!; Verwundeten keine vollkommen gleiche Behandlung mit den anderen zu erlvarten haben und daher auf die Samariterdienste ihrer Glaubensgeilossen angewiesen sind. Von Matz und ffern. Herr Geheimer Regierungsrat Professor Tr. H e r in a n n (s‘ v l; e u, der seit seiner Uebersiedlung aus Marburg in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums philosophische Vorlesungen hält, hat init Rücksicht auf die Zeitverhältnisse für das Wintersemester ein, Kolleg über .,Tie Philosophie Kants lind ihre Bedeutung für die deutsche Kultur" allgekündigt. Ta die Räume der Lehranstalt zu einem Kriegskindergarten verwendet werden, finden die Eohenschen Vorlesungen in der Aula der Klmbenschule, Große Hamburger Str. 27, statt. Tie Vorlesungen beginnen mit Dieiwtag, den 10. November l(.)14. - Ter bekannte Frauenarzt, Leiter der vor kurzen; eingerichleten ghnäkologischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses, Professor Tr. Sieg m u n d G o t t s ch a l k ist an; 4. d. M. gestorben. Gottschalk hat in der; Jahren seiner Berliner Tätigkeit als Ghuäkolege und GebllrtsHelfer eine ausgedehnte Praris allsgeübt und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten ans beiden Gebieten seiner Sonderlvissenschaft Hervorragendes geleistet. Gottschalk hat nur ein Alter von 54 Jahren erreicht. Am 1. dieses Monat« beging der Kassenbote bei der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Simon Fri edtuender, sein 25jähriges Amtsjubilänm. Aus diesem Anlasse fand eine sehr würdige Feier statt. Namens des Gemeindevorstandes loidmete Herr Leopold Badt dem Jubilar Worte herzlicher Anerkennung, während der Vorsitzende des Vereins der Beamten der jüdischen Gemeinde, Herr Emil Gold stein, die Wünsche der Be- I amten zum Ausdruck brachte. Mit Rücksicht auf die ernste Zeit! mußte eine geplante Festlichkeit unterbleibell, doch ließ es der Jubi-! lar, dessen beide Söhne im Felde stehen, sich, llicht nehmen, das Fest! im Kreise der Familie zu begehen. Alls Posen wird llns geschrieben:! Im Kampfe für König und Vaterland sielen: Einjähriger Unteroffizier! Nathan Saretzki, Sohn des Kantors Saretzki-Hohensalza, Kriegs- | freiwilliger S a m u e l beim Pommerscheu Pionierbataillon Nr. 2, j Tentsch-Eylau, Haus Herzfeld am 15. Oktober im Gefecht bei Lhck > an der Spitze der Kompagnie, im Alter von 28 Jahren, Albert! Gnmpert, Einjährig-Freiwilliger des 46. Infanterieregiments, i Posen, Robert L e lv t o iv i tz , Unteroffizier des Landwehrinsanterie-! rcgiments Nr. 45, Kempen. - In der letzten Stadtverordnetenfitzung ' in Hohensalza teilte der stellvertretende Vorsitzende mit, daß Stadtverordneter Hendelsohn, der seit 1888 dem Kollegium angehört, feilt Mandat nieder gelegt habe. Tie Versammlung ehrte die Verdienste des Scheidenden um die Stadt durch Erheben von den Sitzen.! Ein Zeichen der durch beit Krieg her bei geführten Sinnesänderung der bisher nicht sehr judenfrenndlicheu sächsischen Verwaltung ist die jetzt erfolgte Ernennung eines Juden zum Leipziger Hilfsschntzmann. Herr Kaufmann Li pp manu tut hier seit einigen Wochen als erster jüdischer Schutzmann seinen Dienst und soll die Autorität, die man bisher au den Juden vermißt, ganz gut bewähren. Herr Kommerzienrat und Magistratsrat Berthold Bing in Nürnberg erhielt das Ritterkreuz erster Klasse des schwedischen Wasa-Ordens. — Aus dem Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxe;^ Judentums" tu Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Wie uns das Kriegsministerium mitteilt, ist zur Erleichterung der jüdischen Seelsorge im Felde die Bestimmung getroffen worden, daß den jüdischen Feldgeistlichen neben der Benutzung ihres eigenen Gefährtes die Mitbenutzung der Militarautos behufs besserer Erfüllung ihrer Obliegenheiten freigegeben werden soll. — Der jüdische Soldat Leopold Meier aus Harburg wurde bei Hochwalsch durch eine Granate schwer verwundet. Sie zerschmetterte seinen rechten Oberarm. Nach achtwöchigem schweren Krankenlager im Karlsruher Diakollisseuheiln hoffen, die Aerzte nun, den Arm zu retten. Die Gros; Herzogin-Witwe Luise von Bade il, welche die Verwundeten dort besuchte mit) teilnahmsvoll mit allen sprach, hat dem verionndeten Meier einen Granatsplitter ans seiner Wunde nt Gold fassen und ihm diesen mit einer eingravierten Inschrift zur dankbaren Erinnerung überreichen lassen. — Unsere Glaubensgenossen in Elsast-Lothringen haben ebenfalls beiin Eilffall der Franzosen sehr zu leiden gehabt. In S aarbura, wo die Franzosen drei Tage haustell, wllrde Frau Bankier Frenkel durch Granatsplitter, die in ihr Schlafzimmer fielen, schwer verwundet. In Imlingen bei Saarburg wurde die Synagoge bitrd) Geschühsener stark beschädigt. Im! Elsaß wurden mehrere Glaubensgenossen von den Franzosen als j Geiseln mitgenommen, so aus Mülhausen der allgesehene Industrielle Bloch. - Alls Luxemburg wird uns geschrieben: Landrabbiner Tr.. F n ch s brachte es zuwege, das; die jüdischen Soldatendes 1. Landsturmbataillous Köln, das hier die Bahn- Überwachung ausübt, au den hohen Feiertagen dem Gottesdienste beilvohnen konnten. Auch fanden sie au diesen Tagen gastfreundliche Aufnahme in den jüdischen Familien. — Ein französisches Armeekorps begleiten ein katholischer Pfarrer und ein Rabbiner. Pater N a r p und Rabbiner Dr. Ginsburger sind immer zusammen und spenden beit Sterbenden den letzten Trost bis in die vorderste Linie. Jüngst kamen sie völlig ermüdet in ein Dorf, wo nur noch ein einziges Bett zu haben war. So legten sie sich dann beide zusammen angezvgen hinein, um zu schlafen. Da wandte sich der Pater znin Rabbiner und sagte: „Schade, daß uns nicht ein Photograph so knipsen kann: das Alke und das Nene Testamellt int selben Bett." - Ans Budapest wird gemeldet: Der hiesige Kaufmann Andor Fantl, der ans dem serbischen Kriegsschauplatz n. a. mehr als hundert Verwundete ans dem heftigstell Feuer rettete, wurde von; einfachen Soldaten zum Zugführer befördert, ltnb Erzherzog Josef heftete ihm die Tapserkeitsmedaille erster Klasse an die Brust. Bon der hiesigen Familie Mautner stehen die sieben Söhne und die beiden Schwiegersöhne im Felde. Sieben von ihnen Find Artillerielentnants. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin ' Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.