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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-11-06 · Heft 45 (6.11.1914) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 45 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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ans 'der Gefahr, der Politischen und gesellschaftlichen, der religiösen und wirtschaftlichen, herausgekommen ist. Biele aber werden diesen Einwand nicht bestehen lassen und sagen, daß die Gefahr, die ich selber w a h r n e h m e, ans mich ganz anders und tiefer wirken muß als diejenige, die ich mir nur v o r st e l l e, daß die Gefahren, in die uns der Krieg gebracht hat, durch ihre Plötzliche Brutalität alle früheren in den Schatten stellen. Und wenn wir trotzdem kein intensiveres religiöses Leben feststellen können, so liegen die Ursachen hierfür entweder in unserer Zeit oder in unserer Religion. Will unsere Zeit von Religion im allgemeinen nichts mehr wissen? Und eignet sich insbesondere unsere Religion nicht mehr sür unsere Zeit? Daß das religiöse Leben in unseren Tagen sehr daniederliegt, bedarf keiner ausführlichen Begründung. Darüber klagen nicht nur Inden orthodoxe und liberale -, sondern ailch Christen - Katholiken und Protestanten. Man muß schon an einer starken Selbsttäuschung oder Urteilsunfähigkeit leiden, wenn man diese Tatsache als einen vorübergehenden Zustand bezeichnen will. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Naturwissenschaft der Religion einen großen Abbruch getan hat - nicht der Religion an sich, sondern den positiven Religionen. Aber wer macht bald in der großen Menge diese Unterschiede? Dort wird mit dem Bad auch das Kind ausgeschüttet. Mit der Hülle wirft man den Kern fort, mit dem Formalismus auch das Wesen der Religion. Die große Menge verträgt eben nicht eine mit dem Instrument der Philosophie polierte Religion. Da liebt sie schon weit mehr den grobsinnlichen Nimbus, der die religiöse Handlung umhüllt, und wo ihr dieser endlich gegen den Verstand oder gegen den Geschmack geht, beseitigt sie mit ihm zugleich auch die Religion. Dazil kommt, daß die Naturwissenschaft einen Skeptizismus allsgebreitet hat gegen alles, was mit der Religion im Zusammenhang steht. In keiner Zeit wurden darum eifrigere Versuche unternommen, die Menge mit der Religion wieder bekanntzumachen und zusammenzubringen, als in unseren Tagen. Wie verhält sich nun gegenüber diesem Zeitbild unsere Religion? Es steht fest, daß ailch unsere Religion niemals dem Geist der Zeit lange standhalten konnte, daß auch unser religiöses Leben Umwandlungen durchgemacht hat. Der Abstand zwischen der heutigen Orthodoxie llnd der vor hundert Jahren ist ein bei weitem größerer als der zwischen der Orthodoxie und dem Liberalismus unserer Tage. In den Grundwahr- > heitell llnseres Glaubens bleiben wir uns gewiß gleich, in den techllischen Formen der Religion aber müssen wir unserer Zeit Rechnung tragen, sollen die religiösen Handlungen Ausdruck unseres innersten Empfindens sein. Man kann über den religiösen Liberalismus denken wie man wolle, das Verdienst nlilß man ihm lassen, zuerst die Notwendigkeit erkannt zu haben, llnser religiöses Leben mit denl jeweiligen Zeitgeschmack in Einklang zu bringen. Und davon, daß das religiöse Leben dem ästhetischen Verlangen Rechnung trägt, wird es immer abhängen, ob die Religion — wenn man so sagen darf — volkstümlich ist. Auch wird man danach streben müssen, das Bewußtsein Gottes in uns lebendig zu machen, denn gerade dieses Bewußtsein fehlt so sehr. Klagte man früher so oft über den überflüssigen Formalismus, durch den man noch kaum zum wahren Wesen der Religion gelangen könne, so kann man doch nicht bestreiten, daß all diese Formen Brücken bildeten, auf denen unsere Gedanken zu Gott wunderten. In unseren Tagen steht es mit dem religiösen Leben deshalb wenig gut, weil die alten Brücken gesprengt und nicht neue — natürlich zeitgemäße — an ihrer Statt geschlagen wurden. Die Religion muß einem Fluß gleichen, der niemals zufriert, sondern mit uns mitgeht. Unsere Religion ist die einzige, die sich in ihren Grundwahrheiten niemals verändern wird. Sollten wir nicht gerade deshalb furchtlos eine Aussöhnung mit unserem modernen Denken und Fühlen eingehen? Ist nicht der Schaden ein bei weitem größerer, wenn wir den späteren Generationen ein religiöses Leben zur Ausübung übergeben, in das sie sich gar nicht hineindenken und -fühlen können? Der von den Vätern ererbte Boden hat für mich nicht deshalb seinen Wert, weil auf ihm eine alte gebrechliche Hütte steht, in der einst ein Ahne wohnte, sondern weil ich auf diesem! gleichen Boden wie meine Vorfahren ein Haus errichtet habe, in dem ich selber bequem und freudig mich bewegen kann. Me Mache. Berlin, 3. November .1914. eit unserem letzten Berichte hat sich die Weltlage sehr geändert. Die Türkei ist mit Rußland in Kriegs- : zustand getreten, die Burenerhebung gegen England nimmt j immer größeren Umfang an. In Belgien, Frankreich, Galizien,! Polen wird, manchmal mit wechselndem Glück, hartnäckig ge-! kämpft; eine Entscheidung ist noch nirgends erfolgt. Günstige Nachrichten mannigfacher Art werden privatim verbreitet;! ihre amtliche Bestätigung steht noch aus. Wir lassen nach-; sichend die wichtigeren, hauptsächlich amtlichen Berichte folgen:! Großes Hauptquartier, 24. Oktober, vormittags. Die Kämpfe am Mer-^lpres-Kalmlabschnitt sind außerordentlich; hartnäckig. In: Norden gelang es uns, mit erheblichen Kräften den Kanal zu überschreiten. Oestlich Upres und südwestlich Lille drangen i unsere Truppen in heftigen Kämpfen langsam weiter vor. Ostende wurde gestern in völlig zweckloser Weise von englischen Schiffen be-! schossen. — Im Argonnenwald kamen unsere Truppen ebenfalls vor-! wärts; es wurden mehrere Maschinengewehre erbeutet und eine An-! zahl Gefangener gemacht. Zwei französische Flugzeuge wurden hier! heruntergeschossen. — Nördlich To ul bei Flirey lehnten die Franzosen eine von uns zur Bestattung ihrer in großer Zahl vor der Front liegenden Toten und zur Bergung ihrer Verwundeten angebotene Waffenruhe ab. — Westlich Augustow erneuerten die Russen ihre Angriffe, die sämtlich abgeschlagen wurden. (Amtlich durch W. T.B.) Wien, 24. Oktober. Amtlich wird verlautbart: Die starken serbischen und montenegrinischen Kräfte, die seinerzeit über die von Truppen entblößten südöstlichen Grenzteile im östlichen Bosnien eingedrungen sind und die einheimische moslimische Bevölkerung auch mit einer zügellosen Horde von Plündernden und mordenden Freischaren heimgesucht haben, wurden am 22. d. M. nach dreitägigen erbitterten Kämpfen in\ Raume beiderseits der Straße Mokro Regatica geschlagen und zum eiligen Rückzug gezwungen. Die Einzelheiten dieses Treffens, in welchem unsere Truppen unvergleichlich bravourös gekämpft und den Gegner aus mehreren hintereinander gelegenen befestigten Stellungen mit dein Bajonett wiederholt geworfen haben, werden wegen der im Zuge befindlichen weiteren Aktionen der nächsten Berichterstattung Vorbehalten. Potiorek, Feldzeugmeister. Großes Hauptquartier, 26. Oktober, vormittags. Westlich des M'rkanals, zwischen Nieuport und Dixmuideu, welche Orte noch vom Feinde gehalten werden, griffen unsere Truppen den sich dort noch hartnäckig wehrenden Feind an. Das am Kampf sich beteiligende englische Geschwader wurde durch schweres Artillerieseller zum Rückzüge gezwungen. Drei Schisse erhielten Volltreffer. Das ganze Geschwader hielt sich darauf am 25. nachrnittags allster Sehweite. Bei?)pres steht der Kampf; südwestlich Upres sowie westlich und südwestlich Lille machten unsere Truppen im Angriff gute Fortschritte. In erbittertem Häuserkampf -erlitten die Engländer große Verluste und ließen über 500 Gefangene in unseren Händen. Nördlich Arras brach ein heftiger französischer Angriff in unserem Feuer zusammen, der Feind hatte starke Verluste. — Auf i dem östlichen Kriegsschauplatz schreitet nufere Offensive gegen

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