Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 tun* uns nie geschlossen, ist nie ein Ausnahmegesetz gegen uns erlassen worden. Wir sin- Politisch und sozial gleichberechtigt mit aiUu Bürgern des Landes." Der Aufruf geht noch ferner auf das Wesen des Krieges ein, der zu einer Abrechnung mit dein unter der Führung Nußlands stehenden Slawentum sich gestalten könne, und schließt nrit -en Worten: „Auf denn! Folget des Kaisers Nus zu den Waffen! W\t höchster Begeisterung reihen nur uns denen ein, die zum Schutze unseres teueren Vaterlandes ansziehen. Der Kaiser ruft und wir nntunn-ten: IJ’Jpm untf»!" * Urgrittinirn. z. Buenos Aires, 10. Juli. Anläßlich der letzten Parlaments- Wahlen in der argentinischen Republik siel der jüdischen Bevölkerung von Argentinien enie wichtige politische Nolle zu, indem sie besonders in Buenos Aires und in den Wahlkreisen, zu welchen die jüdischen Kolonien gehören, den Ausgang der Wahlen stark beeinflußte. Im Jahre 3895 hat die damalige Volkszählung in Argentinien in der ganzen Republik nicht mehr als 6085 jüdische Seelen festgestellt. Heute wird die Zahl der Inden bereits mit rund 10O0OV angenommen. Davon wohnen 40 000 in der Hauptstadt Buenos Aires, 40 000 in den Kolonien und Dörfern und ungefähr 20 000 zerstreut in den verschiedenen Städten. 95 Prozent aller dieser jüdischen Emigranten stammen aus Rußland und Rumänien. Bei den letzten Wahlen hat es die spanische Presse, besonders die angesehene Zeitung „La Nacion", diesen Inden übel vermerkt, daß sie sich in ihren Wahlaufrufen des jüdischen Jargons anstatt der spanischen Sprache bedienten. Obgleich — schrieb das Blatt — der Patriotismus dieser eingewanderten Juden, welche argentinische Staatsbürger geworden sind, nicht angezweifelt werden darf und die meisten von ihnen vielleicht verläßlichere Patrioten sind als die eingeborenen Argentinier, so müsse es als politischer Fehler betrachtet werden, Leuten, welche sich in den wichtigsten politischen Kundgebungen nicht der nationalen Sprache bedienen, ausgedehnte politische Rechte zu verleihen. Diese Sprache des sonst jlldenfreundlichen Blattes hat seine Wirkung nicht verfehlt. Trotzdem ist in Buenos Aires der ans Rußland stammende jüdische Advokat Dr. E n r i e o Ti ck m a n n aus sozialistischem Programm zum Abgeordneten gewählt worden. Er ist der erste Jude, der in einem Parlamente der südamerikanischen Republiken sitzt. Von Aah und Frrn. — D i e Jüdische G e m e i n d e z u Berlin hat eine Sonderkommission eingesetzt, welche die Aufgabe hat, Gemeindemitgliedern, die durch den Eintritt ihres Versorgers in den Kriegsdienst oder infolge sonstiger unmittelbarer Einwirkung des Krieges in Rot geraten sind, mit Rat und Tat beizustehen. Die Kommission hält im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, Oranienburger Straße 29, 1, täglich von 11 bis 1 Uhr Sprechstunde ab. Geeignete freiwillige Hilfskräfte, die Erfahrungen in sozialer Hilfsarbeit haben, werden gebeten, sich Oranienburger Straße 29, III (Zentralbureau) zu melden. — Ter Deutsch-Israelitische G e m e i n d e b u n d i n B erli n hat im Einvernehmen mit dein Verein „Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin" das ihm gehörige Grundstück in Weißensee, Wörthstraßc 20 mit 90 Betten dem „Roten Kreuz" zur Verfügung gestellt. — Die B e r l i n er jüdische Gemeinde hat ihr Krankenhaus in der Auguststraße dem Kriegsministerium zur Verfügung gestellt. — Die L e h r a n st a l t f ü r die Wissens ch a f t des I u d e n t u m s, Artillerie st r a ß e 1 4, hat ihre sämtlichen Räume zur Einrichtung eines Kinderheims der ins Feld gezogenen Krieger dem Magistrat und dem Rationalen Frauendienst zur Verfügung gestellt. Es dürsten dort etwa 800 Kinder Unterkunft finden, für die in jeder Weise gesorgt werden soll. — Der Vorstand des „Jüdischen Genesungsheims Berlin" zu Lehnitz bei O r n n i e n - bürg an der Rordbah» hat seine Anstalt mit 03 Betten und allen Rebenränmeu zur freien Verfügung des „Roten Kreuzes" gestellt. — Frau Dr. Fritz Bleichroeder hat ihre in der Breiten Straße in Pankow belegene Billa zu Lazarektzwecken zur Verfügung gestellt; verwundete Ossiziere sollen hier gepflegt werden. Zehn ausgebildete Krankenpflegerinnen werden den Krankendienst versehen. — Ter Verein Mädchenhort, Berlin, Vorsitzende Frau Emilie Al v s s e, beschloß seine 23 Horte zu erweitern und in von der Stadt Berlin zur Verfügung gestellten Lokalitäten eine Anzahl Kriegshorte zu eröffnen. Für einige durch Belegung der städtischen Gemeindeschulen mit Einquartierung obdachlos gewordene Horte hat der Verein Arbeiterinnenheim seine Räume vorläufig zur Verfügung gestellt. — Geheimrat Sigismund Lauten bürg hat seinen Villenbesitz in Schlachtensee (über vierhundert Quadratruten) dem Roten Kreuz zur Anlage von Baracken zur Verfügung gestellt. — Die Zigarettenfabrik I. Garbaty in Berlin - Pankow hat dem Kriegsministerium für die im Kampf stehenden Land- und Seesoldaten zwei Millionen Garbäty- Zigaretten zur Verfügung gestellt. — Unter den im Döberitzer Barackenlager internierten Russen befindet sich auch der stellvertretende Prokurator T s ch a p l i n s k i, der Vertreter der Anklage im Kiewer Ritualmordprozeß gegen Beilis. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß dieser fanatische Antisemit jetzt viele seiner jüdischen Landsleute zu Leidensgefährten und Zeltnachbarn hat. — Der Lehrer Bernhard A b r a m s o h n in Berlin ist am 10. d. M. an den Folgen einer Operation im Alter von 36 Jahren gestorben. — Seinen 70. Geburtstag beging am Montag, 10. August, der Verlagsbuchhändler Robert Prager, Spenerstraße 11, in Firma R. L. Prager, Mittel str. 21. Energische Tätigkeit im Interesse der Berufsgenossen verschaffte ihm schon früh Aemter in den Buchhändlervereinen, und heute steht er als Vorsitzender des „Verbandes der Kreis- und Ortsvereine im Deutschen Buchhandel" an besonders verantwortungsvoller, aber auch hochgeachteter Stelle. Von einer Feier des Jubiläums ist Abstand genommen. — Der Rabbiner Dr. Wilhelm Münz in G l e i w i tz hat die von ihm gegründete israelitische Kinderheil st ätte in Bad Jastrzemb in Oberschlesten als K r i g s l a z a r e t t zur Verfügung gestellt und zugleich tausend Mark aus dem Fonds der Anstalt für den gleichen Zweck bestimmt. — Aus Breslau wird uns geschrieben: Unsere Schulen und Krankenhäuser sind von den Vorständen der Synagogen - Gemeinde und der Israelitischen Kranken- Verpflegungs-Anstalt in Patriotischer Weise der Militär-Verwaltung zu Lazarettzwecken zur Verfügung gestellt worden. Das israelitische Krankenhaus ist von den leichten Krankel: geräumt, nur die schweren Kranken sind zurückbehalten worden. Der Schulbetrieb wird eingestellt. — Der Harburger Israelitische humanitäre Frauenverein hat dieser Tage in einer Audienz bei Ihrer Exzellenz der Frau Kommandierenden General sein Erholungsheim in Segeberg mit 70 Betten und gesamtem übrigen Inventar für die Militärbehörde zur freien Verfügung gestellt. — Die jüdische Gemeinde in München hat als erste Gabe zum Roten Kreuz 3000 Mark gespendet. — Die Kölner Synagogengemeinde stiftete 25 000 Mark zur Errichtung von zwei Baracken sowie 10 000 Mark für arme Familien, deren Ernährer zu den Fahnen einberufen sind. — Der Verein „Israelitisches Kinderheim für Westfalen und angrenzende Bezirke" hat, wie uns mitgeteilt wird, sein in Bad Sassendorf belegenes Kinderheim mit etwa 80 Betten als Kriegslazarett zur Verfügung gestellt. — Die jüdische Gemeinde in Ofsenbach a. M. hat ihre im Rohbau fertige Synagoge dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. — Aus Frankfurt a. M. wird gemeldet: Die israelitische Gemeinde hat der Militärverwaltung in der Gagernstraße fünfzig Bettren zur Verfügung gestellt, sowie ferner den Garten des Krankenhauses für die Aufstellung von zwei Döckerschen Baracken. — Die Israelitische Religionsgesellschaft hat für Lazarett- und Quartierzwecke die Räume ihrer ehemaligen Synagoge in der Schützenstraße und den anschließenden Hörsal zur Verfügung gestellt. — Frau Estella Rothschild Wwe., die den Krieg 1870/71 als Samariterin mitmachte und sich das Eiserne Kreuz erwarb, hat sich wieder für den Samariterdienst gemeldet. — lieber eine interessante Erscheinung wird jetzt aus Budapest berichtet: In der ungarischen Gemeinde Baranhasellye hat die jüdische Kultusgemeinde ebenso wie in der ganzen Monarchie anläßlich der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin einen feierlichen Trauergottesdienst veranstaltet. Zunächst hielt Rabbiner S. L. Groß m a n n eine ergreifende Trauerrede, worauf dann der protestantische Seelsorger Alexander C u k e c z die Kanzel in der Synagoge bestieg und gleichfalls eine zu Herzen gehende Rede hielt. An der seltsamen Tranerfeier haben sowohl die Juden als auch die Protestanten der ganzen Umgebung teitgenommen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin»Pankow. Florastraße 58. Verantwortlich für ben Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin.