Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229157--70635-3282992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
78. Jahrgang. Nr. 33 Allgemeine . Berlin, 14. August I9I4 eilung desAuömtums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-pr e', 5; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32b vegrLndet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tinholt* Vettag am 5. August. — Die Woche. — Die Eman- LßLHLIUtL. zipation der Juden in Schleswig-Holstein. Bon Ludwig Geiger. — Aus meiner Wandermappe. Bon Fanny Cohn. — Feuilleton: Der starkeGott. Erzählung von D. Eismann. — Tie Geopferten. Novelle von Oskar Baum,»Prag. — Lesefrüchte. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. -- Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Köln. Oppenheim a. Rh., Duisburg, Hamm i. W., Frankfurt a. M., Wien, Krakau, Buenos Aires. — Von Nah und Fern. Der Settag am 5. pugult. n demselben Tage, an dem in allen christlichen Kirchen Gottesdienst veranstaltet wurde, fand auch in sämtlichen Synagogen ein feierlicher Gottesdienst statt. Rach einem Borspiel wurde Psalm 130 gesungen: Ans der Tiefe rufe ich Dich, Herr! Höre meine Stimme, und Dein Ohr Sei geneigt meinem Flehen. Wenn die Schuld Du aufbewahrest, Herr! — Herr, mein Gott, wer kann bestehen! — Aber bei Dir ist die Vergebung, Und wir nahen in heil'ger Scheu. Ich hoffe auf Gott — meine Seele hofft, Und sie harret auf sein Wort. Meine Seele hoffet auf den Herrn Mehr als Wächter auf den Morgen, Wächter auf den Morgen. Harre, Israel, auf ihn, den Ewigen, Denn bei Gott allein ist Huld Und Erlösung allezeit. Und auch Israel wird er erlösen Bon allen seinen Sünden. Daraus folgte Predigt und Gebet des Rabbiners. Den Schluß machte das Absingen des Liedes: „Heil dir im Siegeskranz". In den Synagogen sprachen die Herren Rabbiner Baeck. Bergmann, B l u m e n t h a l, E s ch e l b a ch e r , P e t u ch o w s k i, Rosenzweig, Stier, Weiße. Zu dem Gottesdienste, der in der Synagoge F a s a n e n st r a ß e stattfand, waren mehrere Tausend gekommen, die die Andacht suchten. Schon eine halbe Stunde vor Beginn waren -auch sämtliche Gänge und Vorräume gefüllt, so daß es sich als notwendig herausstellte, den vielen, die keinen Eintritt mehr finden konnten, durch Anschlag bekanntzugeben, daß nach einer Stunde ein zweiter Gottesdienst stattfinden werde. Der Gottesdienst begann mit dem Psalm 130, der nach der Melodie des Bersöhnnngstages gesungen wurde. Rabbiner Tr. Baeck predigte dann über Psalm 94, 15. Er wies darauf hin, wie die schweren Tage uns alle es hätten tief empfinden lassen, wie das Leben des Vaterlandes unser Leben ist, und wie das Gewissen des Volkes in dem unseren widerklingt. Das Bewußtsein des Rechtes, das klare Gewissen einigte alle; wir alle verstünden einander, weil wir die Pflicht verständen. Diese sittliche Kraft bedeutete mehr als die Menge der Zahl. Es sei kein Krieg um Land oder um Geltung, der jetzt geführt werde, sondern ein Krieg, der über die Kultur und Gesittung Europas entjcheiden werde; deren Schicksal sei in die Hände Deutschlands gelegt und in die Hände derer, die ihm zur Seite treten. Wir dürften zu Gott beten und ans ihn vertrauen, denn beten bedeutete: sich prüfen und sich weihen. Dieses sittliche Bewußtsein werde Deutschland stark machen und es zum Siege führen. Mutig und demütig sollten wir darum der Zukunft entgegengehen; das Recht wird triumphieren. An die Predigt schloß sich nach einer stillen Andacht ein Gebet des Rabbiners. Der zweite Gottesdienst, an dem ebenfalls Tausende von Andächtigen teilnahmen, wurde in ähnlicher Weise abgehalten. Die dichten Scharen derer, die beide Male das Gotteshaus verließen, stimmten vaterländische Lieder an. Die Alte Synagoge in der H e i d e r e u t e r g a s s e war am 5. August, dem allgemeinen Bettage, bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Gottesdienst begann mit dem Gesang des Psalms 144. Vers 1 bis 8, abwechselnd vom Kantor und Chor vorgetragen. Ein Soldat öffnete sodann die heilige Lade und nun wurden ans dem Psalm 118 die Verse 5 bis 16 vorgetragen. Die darauf folgende Predigt des Rabbiners Dr. I. Eschelbacher begann mit dem Hinweise, daß an diesem Tage die Gotteshäuser aller Konfessionen gefüllt sind, alle Deutschen von e i n e r Sorge geleitet, der um unser Vaterland. Der Kaiser hat in seiner Gottergebenheit und seinem Gottvertrauen die Anordnung hierzu gegeben. Aber auch der Trieb des eigenen Herzens führt uns hierher, das in jeder ernsten Schicksalsstunde unsere Augen zu i h nt sich erheben läßt, der allein den Sieg verleiht und der Herr ist über Leben und Tod. Um das Schicksal unseres Vaterlandes handelt es sich jetzt, das im Frieden ist emporgeblüht, in Wohlfahrt ist gediehen, und das in seiner sozialen Fürsorge, im Kampfe gegen Not und Elend vorbildlich allen Völkern ist vorangeschritten. In seiner segensreichen Arbeit wird es jetzt plötzlich gewaltsam unterbrochen, mit Krieg und Verwüstung bedroht. Mit seinem Schicksal ist unser aller Schicksal verbunden, das der Jünglinge und Männer, die hinausziehen müssen zum blutigen Kampfe, wie das ihrer Väter, Mütter, Gattinnen und vieler Millionen Menschen, die um ihr tägliches Brot zu sorgen haben. In dieser Lage blicken wir vertrauensvoll ans Gott und sprechen „auf deine Hilfe hoffe ich, o Herr". Diese unsere Hoffnung ist uns eine feste Zuversicht. Denn Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit, der Geradheit liebt und Frieden. Und unsere Sache ist eine gerechte Sache. Rein und makellos ist der Schild Deutschlands. Und mit dem Rufe zu beu Waffen folgt der Kaiser nur dem Gebote der Ehre und der Pflicht. Wir vertrauen ferner aus die in den Werken des Friedens wie des Krieges gewaltige Entfaltung unseres Staates, auf feine sieggewohnten Waffen, auf die Weisheit des Kaisers und seiner Ratgeber, ans die Tapferkeit und die todesverachtende Begeisterung unserer Soldaten. Klar liegt vor nns allen der Weg, den wir zu gehen haben. Es ist der Weg der Pflicht, der Selbstverleugnung, des Gehorsams für diejenigen, die im Felde stehen, wie für die, welche zu Hause für sie und ihre Angehörigen zu sorgen, der Not ttnd der Bedrängnis anderer abznwehren haben. Da haben wir den Worten des Propheten zu folgen: „Einer helfe dem anderen und zu seinem Bruder spreche er, sei mutig und stark." Das Gefühl des Vertrauens hat uns vor allem zu erfüllen: Vertrauen uns Gott, auf Staat und Volk, auf uns selbst, auf die Zukunft Deutschlands und seiner neuen Blüte nach den Tagen der schwere Prüfung.