Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte die Wirtin nach ein ziemlich großes Paket im Arm nnb meinte, wenn der Herr schon so gilt sei, die fünf Kronen zu überbringen, ob er vielleicht auch das Paket mit Wäsche noch mitnehmen würde. „Das übernehme ich" rief lachend Erzherzogin Zita und streckte die Hände danach ans. In Kolonien ließ der Erzherzog noch am selben Abend den jüdischen Soldaten kommen, richtete ihm Grüße von der Mutter aus, die Erzherzogin gab ihm das Paket mit Wäsche, der Erzherzog das ersparte Geld, das aber mittlerweile -in der Tasche des Boten Zinsen getragen hatte. Diese Episode wird noch' heute in der Garnison und in der jüdischen Bevölkerung in Kolonien vielfach erzählt und — belacht. -- Bor einiger Zeit fand in L e m b e r g eine Konferenz jüdischer Delegierter statt, an welcher Vertreter einer großen Anzahl jüdischer Gemeinden Galiziens, ferner mehrere jüdische Reichsrats- und Landtagsnbgevrdnete teilnahmen. Den Gegenstand der Beratung bildete die Abwehrbewegnng gegen den Boykott der jüdischen Kauflente. Die Konferenz wurde gleich nach deren Eröffnung für vertraulich erklärt und über die Beschlüsse, die gefaßt wurden, wurden keine Mitteilungen ansgegeben. Der Boykott dauert ungefchwächt fort. Von Matz und Ferm — D a s K r a u k e n h a u s der j ü d i s ch e n Ge m eind e iKit nnnnrehr seinen Umzug in den in der Exerzierstraße Nr. 11a errichteten Neubau bewirkt. Auch das Schwesternheim befindet sich seit dein 15. d. M. in dem Neubau Exerzrerstraße Nr. 11a. - - Durch Beschluß des Amtsgerichts Schöneberg ist dir Beschlagnahnie der Druckschrift „Wider das Inden-- und Khnädenregiment, Offener Brief an den Reichskanzler 1914", verfaßt von Emil Witte in Berlin-Friedenau, angeordnet worden. — Die Direktion der Lessing-Hochschule ist Dr. Ludwig Lew in übertragen worden. Der Lehrkörper wird sich zum Teil neu zusammensetzen, und die Vorlesungen werden nach erfolgter Neuordnung wieder über ganz Berlin verteilt werden. — Dr. S alomon, der in die neug-eschcrffene Professur für Kultur und Geschichte Rußlands an das Hamburgische Kvlvnialinstitut berufen worden ist, ist geborener Berliner und erst dreißig Jahre alt. Er hat unter Leitung von Prof. Krumb ach er mib Prof. Schic m a n n in München sich eingehend mit der russischen Kultur und Geschichte beschäftigt. Seit 1908 ist er am Berliner Seminar für osteuropäische Geschichte, das der Leitung von Professor Schiemann untersteht, tätig. Seine Veröffentlichungen beschäftigen sich namentlich mit Studien der russischen Geschichte und haben große Beachtung gefunden. - Die Stadt Neusalz a. O. hat für den Umbau des Realgymnasiums und die Einrichtung der Schule von dem Rentner Süßmann ein Grundstück im Werte von 20 000 Mark erhalten. Zu Iarotschin starb Herr Meyer Ruß, langjähriger Borsihender des Vorstandes und Mitglied der Repräsentantenversammlnng der Gemeinde. Sein Wohltätigkeitssinn und sein reger Arbeitseifer im Dienste der Gemeinde sichern ihm ein treues Gedenken. — Aus Posen wird uns geschrieben: Anläßlich seiner goldenen Hochzeit wurde dem pensionierten Lehrer Hermann Wolfs und seiner Gattin Jenny geb. Kuttner am 4. d. M. die Ehejubiläumsmedaille durch Herrn Rabbiner Dr. Silberberg im Aufträge der Königlichen Regierung im Beisein mehrerer Personen mit einer entsprechenden Ansprache überreicht. Der Jubilar dankte tief gerührt für die ihm zuteil gewordene Auszeichnung. - - -Hauptlehrer Haym m Ostrowo feierte das Jubiläum seiner dreißigjährigen Amtstätigkeit in dieser Stadt. Es wurden ihm mehrfache Ehrungen zuteil. — Zur Enthüllung des Bürgermeister D i s f e r t - Denkmals in Obersitzko waren u. a. auch erschienen: Stadtrat Kronthal aus Posen als Vertreter der „Historischen Gesellschaft" und Stadtrat Mottek aus Wronke. Stadtrat Kronthal gab einen historischen Rückblick der Stadt Obersitzko, die ihr Gründungsjahr znrückdatiert ins zehnte Jahrhundert, und brachte Einzelheiten von dem Werdegang der Stadt, die den Obersitzkonern ebenso unbekannt wie interessant waren. — Aus Arnstadt wird berichtet: Während einer Chorprobe wurden mehrere Schüsse auf die Synagoge abgegeben, die die Fenster zertrünnnerten und die in der Nähe stehenden Damen mit Glasfplittern überschütteten. Der Behörde ist es bisher noch nicht gelungen, den Täter zu finden. Aus Hamburg wird gemeldet: Der Direktor der Dorotheenschnle, Prof. Dr. Hamann, hat an die Eltern seiner Wandervögel ein Rundschreiben gerichtet, in dem er sagt, daß er sich gegen den Anschluß seines Schnl-Wandervogelvereins „Dorothea" an den allgemeinen Wandervogel E. B. wenden müsse, da in diesem gewisse nationale Rassentheorien geltend gemacht werden, die die Eintracht zwischen den zum großen Teil aus Jüdinnen bestehenden Schülerinnen seines Instituts stören würden. — Herrn Justizrat Dr. Ster n in Würzburg ist das Berdienstkrenz vorn heiligen Michael 2: Klasse verliehen worden. — Das Oberlandesgericht Kassel verwarf die von dem antisemitischen Schriftsteller Philipp Staufs in Lichterfelde in seiner Privatklage gegen die Marburger „Hess. Landeszeitlmg" gegen das freisprechende Urteil des Landgerichts eingelegte Revision. Es erklärte ebenfalls die Bezeichnung des „Semikürschner" als „schmutzig", nicht als strafbar. — In Hanau rettete die zwölfjährige Aermchen Rosenthal die fünfjährige Tochter eines Beamten, die in den hochgehenden Katzbach gefallen war, vom Tode des Ertrinkens. — Am 25. v. M. sprach eine Deputation des Verbandes der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen in einer Audienz bei dem Minister für Kultus und Unterricht Dr. Ritter v. Hussarek vor und überreichte ihm eine Petition, welche der Minister sehr wohlwollend entgegennahm. Er versprach eine Berücksichtigung der in der Petiton enthaltenen Bitten. — Das ungarische Amtsblatt meldet, daß der Kaiser auf Vorschlag des ungarischen Kultusministers den Professor an der Budapester Landesrabbinerschule Dr. Ludwig Blau zum Direktor dieser Schule ernannte. Mit dieser Ernennung wird eigentlich nur der faktische Zustand, der seit dem Ableben des Direktors Dr. Bacher besteht, sanktioniert. Dr. Blau führt seit dem Tode Dr. Bachers bereits die Agenden eines Direktors. Wegen Besetzung der durch diese Vorrückung des Professors Dr. Blau freigewordenen Stelle eines Professors der talmudischen Wissenschaften wurde ein Konkurs ausgeschrieben. — In Lemberg fand die Grundsteinlegung des vom kaiserlichen Rat Jakob Stroh mit einem Kostenaufwand von 300 000 Kronen zu errichtenden Heimes für herabgekommene Kaufleute statt. Das Heim, das 30 Familien unentgeltlich Wohnung gewähren joll, wird 1916 seiner Bestimmung übergeben. — Auf dem jüdischen Friedhof in Lemberg wurde die vom Handelskammerpräsidenten Samuel v. H o r o w i tz für 150 000 Kronen errichtete Hermonienhalle für 1000 Personen eingeweiht. — Die französische Regierung sowie die französischen Gelehrten haben dieser Tage zwei jüdischen Mitgliedern des berühmten Rockefeller-Jnstituts Auszeichnungen zuteil werden lassen. So wurde der Direktor dieses Instituts Dr. Simon Flexner zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt und der auch in Europa bestbekannte Anatom Jacques Loew vom Rockefeller-Jnstitut zum korrespondierenden Mitgliedder französischen Akademie der Wissenschaften, und zwar in der Sektion für Anatomie und Zoologie, als Nachfolger des verstorbenen Lord Havebnry, gewählt. — Aus London wird gemeldet: Sir Charles Henry, Parlamentsmitglied und Präsident der Jüdischen Volksküche, gab anläßlich des Großjäh rigwerdens seines Sohnes ein glänzendes Gartenfest, bei dem nicht weniger als fünf Mitglieder des gegenwärtigen Kabinetts anwesend waren. Bei der Schulschlußfeier und Prämienverteilung der Jüdischen Freischule, der größten Volksschule Englands, waren Lord Rothschild, der Präsident der Schule ist, und seine Fr-an anwesend. Rothschild hielt eine Ansprache, in der er über die Bedeutung der Bildung sprach. — Dem „Lodzer Tagblatt" wird ans Kiew telegraphiert: Die hiesige Administrativbehörde hat plötzlich entdeckt, daß das Wohnrecht des bekannten gewesenen Rabbiners Zucker mann, der wegen seiner vielfachen hervorragenden Verdienste mit der erblichen Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet wurde, angeblich nicht ganz in Ordnung sei. Die Polizei beschloß auf Grund dieser „Feststellung", Herrn Zuckermann ans Kiew anszuweisen. Der Hinweis auf das Ehrenbürgerrecht, welches dem Juden in ganz Rußland Freizügigkeit gewährleisten sollte, scheint unbeachtet geblieben zu sein. -- Ministerpräsident Goremykin empfing am 5. Juli eine Abordnung des Kongresses der Vertreter des Handels und der Industrie, die sich über verschiedene Verfügungen der Regierung, hauptsächlich über die Beschränkung der Juden in der Verwaltung der Aktiengesellschaften und bei der Nowgoroder Messe beschwerte. Der Ministerpräsident anwortete ausweichend. — Aus New s)ork wird gemeldet: Der bekannte Philanthrop Julius Roseuwald aus Chicago, welcher bereits einmal 130 000 Mark für zivilisatorische Arbeit unter den Negern gespendet hat, erklärte einem Vertreter der Neger, daß er bereit sei, das Doppelte von dem für Schulbauten in den Negerstädten des Südens zu widmen, was die Negerorganisationen zu demselben Zwecke binnen einer bestimmten Frist aufbringen würde. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin - Pankow, Floraftraße 53. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin.