Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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SlchlsnL. z. Warschau, 10. Juli. Nirgends blüht jetzt die Rassenhetze in solchem Matze, wie in Russisch-Polen. Wirtschaftlicher Boykott, Gesuche von Dorfgemeinden um Ausweisung der jüdischen Bevölkerung, Einäscherung jüdischer Häuser und Verbrennung der darin befindlichen Insassen, brutale Mißhandlungen und grausame Mordtaten, — das ist ungefähr das Ergebnis der Verhetzung, das fast täglich in Stadt und Dorf zu registrieren ist. Einer dieser schrecklichen Fälle kam dieser Tage zur Verhandlung vor dem Warschauer Kreisgericht. Der Sachverhalt ist folgender: Vor einiger Zeit hatte eine gewisse Matuschewskaja, eine Einwohnerin von Schirardowo, Gouvernement Warschau, bei einem Streit eines christlichen Knabens mit einenr jüdischen diesem einen Schlag mit den Worten versetzt: „Ich werde unbedingt wenigstens einen Beilis totschlagen." Beilis ist nämlich in Russisch-Polen seit vorigem Herbst der übliche Schimpfname für einen Juden. Die Matuschewskaja wohnte aber bei ihrem Liebhaber in einem Hause, welches der Jüdin Freudenreich gehört. Infolge stürmischer Proteste ihrer jüdischen Mieter bat nun die genannte jüdische Hauswirtin den Liebhaber der Matuschewskaja, diese aus ihrem Hause zu vertreiben. Wenige Stunden daraus tötete die fanatische Polin mit einer Axt die sechzigjährige Freudenreich, meldete sich dann selbst bei der Polizei und erklärte, daß sie eben eine „Beilissowa" ermordet hätte. Vor Gericht gestand sie ebenfalls ihre Tat und wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die überraschende Milde des Urteils ist geradezu eine Aufforderung zu ähnlichen Mordtaten. Das russische Gesetz hat bekanntlich einen Paragraphen, der jedes Verbrechen, das aus nationalem Hasse resultiere, viel strenger als sonst verurteilt. Es ist also ganz unerklärlich, weshalb im gegebenen Falle von diesem System in solch auffälliger Weise abgewichen wurde. Der Gerichtshof wußte ganz genau, daß momentan in Russisch- Polen gegen die Juden ein Kampf auf Leben und Tod ausgesuchten wird, und der Zivilkläger seinerseits hatte es nicht verfehlt, auf die erschreckenden Tatsachen der neuesten Zeit ausdrücklich hinzuweisen. Wenn nun Mordtaten mit kurzen Gefängnisstrafen bestraft werden, so kann man sich leicht vorstellen, welcher Gefahr insbesondere die Juden ausgeseht sind, die vereinzelt innerhalb einer sanatisierten Bevölkerung wohnen. Das ist nun heutzutage russische Justiz! z. Petersburg, 10. Juli. Abermals kommen verschiedene Nachrichten von Judenausweisungen innerhalb des russischen Reiches. So sollen laut Anordnung der Polizei im Laufe von sieben Tagen 29 jüdische Familien die Ortschaft Radoschtsche (in der Nähe von Lodz) als Nichtwohnberechtigte verlassen, so sind aus dem Kurort Druskeniki viele jüdische Familien ausgewiesen, so finden überhaupt Massenausweisungen aus den polnischen Gebieten statt, und auch in Petersburg sind 90 Juden, weil sie sich angeblich nicht mit ihrem Handwerk befaßten, auf die Proskriptionsliste geraten. Bon prinzipieller Bedeutung ist aber die Bestimmung, welche das Ministerium des Innern betreffs der südrussischen Stadt Nikolajew getroffen hat. Hatte doch um das Wohnrecht der Juden in dieser Stadt Jahre hindurch ein schwerer Kampf getobt. Die Beschränkungen, welche einstmals für Nikolajew erlassen waren, hörten allmählich auf, und vor sieben, acht Jahren spürten die Juden dieser Stadt kaum noch, daß auch ihr Domizilort den Gebieten außerhalb des Ansiedlungsrayons gleichgestellt sei. Allmählich war die Tatsache in Vergessenheit geraten, daß es in Nikolajew ein Ausnahmerecht für die Juden gebe. Als aber vor etwa vier Jahren die schlimmsten Repressalien gegen die Juden einsetzten, da begannen auch hier die endlosen Schikanierungen. Schließlich hatte dann die Petersburger Zentrale darüber zu entscheiden, wie weit die Ausnahmebestimmungen noch heute Gültigkeit haben. Ueber Tausenden von Juden schwebte so längere Zeit das Damoklesschwert der Allsweisung. Nun soll dies Schwert gemäß Entscheidung des Ministeriums niedersausen. Da wird es zweifellos eine Menge neuer Tragödien geben, deren Intensität aber erst allmählich zum Vorschein kommen wird. Von Aah und fern. Herrn Komnierzienrat C. L. Netter, Mitglied des Vorstandes der Berliiler jüdischen Gemeinde, des Aeltesten-Kollegiums der Kaufmannschaft und Senior-Chef der Firma Wolf Netter u. Jakobi, wurde vom Großherzog vor: Baden das Stisterkreuz I. Klasse des Ordens vorn Zähringer Löwen verliehen. — Zum Rabbiner der jüdischen Kolonien in Argentinien hat die Direktion der ICA den früheren Rabbinatsassefsor in Fulda, Dr. Chaim Lauer ernannt. Derselbe stammt aus Ungarn und hat das Berliner Rabbiner-Seminar absolviert. — Dem etatmäßigen Professor an der Technischen Hochschule in Berlin, Dr. Zolles ist der Charakter als Geh. Regierungsrat verliehen worden. —- Die bisherigen Hilssbibliothekare Dr. Hermann P i ck, Dr. Gotthold Weil, Privatdozeut für semitische Philologie an der Berliner Universität, wurden zu Bibliothekaren an der Königlichen Bibliothek ernannt. — Die Handelskammer zu Berlin hat den gerichtlichen Versicherungs- Sachverständigen Herrn Richard Wiener von der Firma Herrmann Wiener in den ständigen Versicherungs-Ausschuß für das Versicherungsgewerbe kooptiert. — In Breslau ist Frau Klara F r e u n d, geh. Jmmerwahr, Gattin des greisen Stadtverordnetenvorstehers Geh. Justizrat Dr. Freund.' — 69 Jahre alt — verschieden. Die Verblichene hatte sich um den Armenpflegerinnenverein und um den Vaterländischen Frauenverein, deren Vorstand sie seit Gründung beider Vereine angehörte, sich sehrverdient gemacht. — Ende dieses Jahres verläßt Herr Landrabbiner Dr. Straßburger den von ihm mehrere Jahre verwalteten Bezirk Hoppstedten, unr das Rabbinat seiner Heimatsgemeinde Buchau (Württemberg) zu übernehmen. Um die Organisation des Gemeinde- und Schulwesens in dem genannten Bezirk hat sich Herr Dr. Straßburger besondere Verdienste erworben. — Herr Lehrer Stern in Alzey feierte am 15. d. M. sein 25jähriges Ortsjubilänm als Lehrer und Kantor der dortigen Religionsgemeinde. — Bei der Anwesenheit Sr. Majestät des Königs Ludwig III. in Würzburg wurde dem Distriktsrabbiner Nathan Barnberger der Verdienstorden vom hl. Michael 4. Klasse verliehen. — Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. hat ein in der Nähe des jetzigen Friedhofs liegendes Terrain für 500 000 Mark angekauft. — Die jüdischen Eheschließungen in Elsaß-Lothringen nehmen immer mehr ab, dagegen steigen die Mischehen; auffällig bleibt auch die Tatsache, daß bei den Juden in Elsaß-Lothringen die Zahl der Selbstmorde sehr zugenommen hat, gegen früher sich sogar verdoppelte. — Aus Paris wird gemeldet: Der Kommandant des 3. Regiments in Rouen, General Velabregue, wurde zum Mitglieds des Obersten Kriegsrates ernannt. General Vala- -breque gehört dem Jwd-entnme an. — Der vor längerer Zeit verstorbene Graf Jsaac deCamondo hat, wie erinnerlich, seine reichhaltige Kunstsammlung im Werte von mehreren Millionen dem Pariser Louvre vermacht. Im Testamente widmete Gras Eanrondo auch die für die Unterbringung und Erhaltung dieser riesigen Kunstsammlung nötige Summe. Vorige Woche wurde nun diese Sammlung, welche in sieben Sälen untergebracht und als Camondo-Museum separat verwaltet wird, in feierlicher Weise eröffnet und dem Publikum Zugänglich gemacht. — Ungefähr 120 der größten jüdischen Kauslente aus Saloniki, die die Behandlung, welche ihnen die Griechen zuteil werden lassen, unerträglich finden, haben beschlossen, nach Sofia überzusiedeln. Sie haben zu diesem Zweck Agenten dorthin gesandt, die Geschäftshäuser und Wohnungen mieten sollen. Infolgedessen sind die Mieten in Sofia in den letzten Tagen erheblich gestiegen. — Russischen Blattern wird aus Teheran telegraphiert, daß die Juden in Persien es nach langem Kampfe durchgesetzt haben, in einer eigenen Wahlkurie Deputierte für das persische Parlament zu wählen. Bisher hatten die Juden in Persien weder aktives noch passives Wahlrecht. —• Die Lodzer jüdische Gemeinde verwaltet eine Stiftung des verstorbenen Kunstmäzens Jakob Herz, aus deren Zinsen 7500 Rubel an jüdische Künstler oder Kunstschüler verliehen werden. Bis zu dem vor einigen Tagen abgelaufenen Einreichungstermin haben sich nicht weniger , als 200 jüdische Künstler, Maler, Bildhauer, Architekten und Kunstakademiker um die Stiftung beworben, ein Beweis dafür, wie stark die Neigung zur Kunst unter der jüdischen Jugend ist. — An der New Aorker Century Opera wurde für die kommende Saison Mr. Zuro als Chormeister und Dirigent engagiert. Zuro ist erst seit acht Jahren in Amerika und mußte seinerzeit das Kaiserliche Konservatorium in Odessa verlassen, weil er als Jude „überzählig" war. Er ging nach München, wo er seine Studien vollendete, war kurze Zeit in Hamburg als Korrepetitor und Dirigent von Konzerten tätig, kam schließlich nach New Bork, wo er die Stelle eines Chormeisters erhielt. Diese hervorragende Stellung tauscht er nun mit einer noch glänzenderen als Dirigent an der Century Opera ein. Verantwortlicher Redakteur: Albert KaH in Berlin * Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich sür den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin.