Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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- 4 - der an ihr tätigen ausgezeichneten Lehrkräfte in Amerika das größte Ansehen genießt. Dozent Dr. Freund ist der Begründer der Röntgenstrahlenbehandlung. Seine zahlreichen Arbeiten ans dem Gebiete des Röntgen- und Lichtheilverfahrens sind in mehreren Sprachen übersetzt worden. Gegenwärtig leitet er das Röntgenlaboratorinm an der Klinik des Professors Finger im Allgemeinen Krankenhanse. Dozent Freund hat bezüglich der Annahme dieser Berufung noch keine Entscheidung getroffen; es werden Versuche gemacht, ihn der Wiener Universität zu erhalten. — Vor einigen Tagen stand die 24jährige, von Rußland zugereiste Jüdin Sarah Billa vor dem hiesigen Strafgericht wegen des Verbrechens der Kindesweglegung. Die Angeklagte erzählte unter Tränen, daß sie in Rußland eine rituelle Ehe mit einem gewissen Birnbaum abgeschlossen habe, worauf sie mit ihrem Mann nach Wien Zog. In Wien habe ihr Gatte ihre Mitgist von 400 Rubel durchgebracht und sei dann nach Amerika ausg-ewandert, sie und ihr Kind in tiefster Not zurücklassend. Sie habe anfangs versucht, als Bedienerin ihr Brot zu verdienen, aber wegen des Kindes sei ihr jeder Posten gekündigt worden. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich au die hiesige israelitische K u l t u s g e m e i n d e. Als russische Staatsbürgerin wurde ihr aber jede Unterstützung versagt; man wies sie an die (antisemitische!) Armenverwaltung der Gemeinde Wien! Ta das Kind ohne Nahrung und sie selbst vollständig, entkräftet war, legte sie das Kind aus dem Garteufenster der Kultusgemeiude nieder und entfernte sich. In der Kauzlei der Kultusgemeinde wurde das Kind gefunden und seine Mutter, die Sarah Billa, der Polizei übergeben. Der Verteidiger Dr. Zeifart plädierte für Freispruch wegen unwiderstehlichen Zwanges: sie wurde trotzdem unter Anwendung außerordentlicher Milderungsgründe zu einer Kerkerstrafe in der Dauer eines Monats verurteilt. Es ist aber sehr traurig, wenn eine Knbtusgcmeinde eine arme verlassene Jüdin an die Armenverwaltung der antisemitischen Gemeinde Wien verweist. Ist denn eine russische Jüdin keine Jüdin? Es wäre zu hoffen, daß solch traurige Fälle sich nicht mehr wiederholen — tut Interesse des Judentums. Ammks. z. New Uork, 20. April. Aus Anlaß eines konkreten Falles, durch welchen sich der angesehene jüdische Kaufmann Littauer in New Port gezwungen sah, von seiner Stellung als „Regent", das heißt als Mitglied der obersten Leitung der Staatsuniversität von New Port zurückzutreten, erfährt man die wenig bekannte Tatsache, daß im Staate New?)ork ein Gesetz .existiert, wonach in den leitenden Körperschaften der höheren Lehranstalten stets ein Jude und ein Katholik Sitz und Stimme haben müssen. Mit diesem Gesetze ist die Absicht verfolgt worden, das; in diesen wichtigen Körperschaften nicht allein die sogenannte amerikaitische, das heißt also die protestantische Konfession vertreten sei und über Erziehungsfragen, in welchen die Religion keine unwichtige Rolle spielt, allein zu entscheiden haben soll. Littauer, von dem hier die Rede ist, war nicht der offizielle Vertreter der Judenschaft, er wurde als angesehene Persönlichkeit von der legislativen Körperschaft des Staates gewählt. Der offizielle Vertreter der Juden in der Board of Regence ist gegenwärtig Mr. Abraham I. Elkus in New Nork, dessen Vorgänger in diesem Amte der auch in Europa bestbekannte jüdische Politiker Eduard Lauterbach war. — Soeben ist der neue Jahresbericht des Generalkomntissars für Einwand e r u n g s w e s e n erschienen. Der Bericht umfaßt den Zeitraum vom 1. Juli 1912 bis 1. Juli 1913. Die allgemeine Einwanderung nach den Vereinigten Staaten betrtlg in d^em Berichtsjahre 1 198 000 Personen, das heißt um etwa 340 000 Personen mehr als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Unter den Auswanderungsländern nimmt Rußland mit 291 000 Emigranten wieder den ersten Platz ein. Unter diesen 291 000 befanden sich 74 000 Juden gleich 25,4 Prozent. Tie Gesamtzahl der jüdischen Einwanderer aus allen Ländern betrug im Berichtsjahre 101 300 Personen; der Anteil der russischen Juden an der allgemeinen jüdischen Emigration belief sich also auf mehr als 73 Prozent. Von den jüdischen Einwanderern haben etwa 59 000 Personen, also fast 60 Prozent, die Stadt und den Staat New Uork als Endziel ihrer Reise angegeben. Unter den jüdischen Einwanderern, die das 14. Lebensjahr überschritten hatten, befanden sich 16 000 Analphabeten. Schon daraus kann man ersehen, wie groß die Zahl der nicht zugelassenen jüdischen Emigranten' wäre, falls die Bildungsprobe, die in dem neuen Einwanderungsgesetzentwurs vorgesehen ist, Gesetzeskraft erlangt. Von Aah und Fern. — D i e G r o ß l o g e für Deutschland VIII 11. O. B. B. erhielt von einem Mitgliede der Deutschen Reichsloge zu Berlin die Mittel zur Errichtung einer M o r i tz - M a n h e i m e r - S t i ft u n g. Die Schenkung erfolgte mit der Bestimmung, daß die Großloge alljährlich ein Preisausschreiben für die beste Bearbeitung eines philanthropischen Themas erlassen soll, in welchem Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit als die Grtindpseiler der menschlichen Gesellschaft behandelt werden sollen. Ausgesetzt sind 4 Preise, und zwar 2000 Mark, 1000 Mark und zwei von je 500 Mark. (Alles Nähere siehe Inserat.) — Professor Dr. Earl Lieb er mann, der fast ein Menschenatter dem Laboratorium für organische Chemie in der Berliner Technischen Hochschule vorgestanden hat, ist, trotzdem er seiner Lehrtätigkeit entsagt hat, der cheniischen Wissenschaft treu geblieben. Er tritt demnächst in das Kaiser-Wilhelm-Jnstitut sür^ Chemie ein, wo ihm in dem Stockwerk des Geheimrats Professor Beckmann ein besonderes Laboratorium eingerichtet wird. -- Der Rentier Josef Simon- 1 oh n in Königsberg i. Pr. beging vor kurzem seinen 80. Geburtstag. Dem Jubilar, der zum Borstande der Synagogengemeinde gehört und Kassierer des „Bundes israelitischer Lehrer" ist, überbrachten Justizrat Holz und Professor Stadtrat Dr. Lnssar-Cohn die Glückwünsche der Gemeinde, während verschiedene Vereine, denen der Jubilar angehört, schriftliche Glückwünsche gesandt hatten. — Alls Hohensatza wird uns mitgeteilt: Abgeordneter Dr. Levy, Vorsitzender des Verbandes deutscher Kalkwerke, ist in den Ausschuß des Zentralverbandes deutscher Industrieller gewählt worden. - Zum Oberkantor der Synagogengemeinde Gleiloitz wurde einstimmig Herr I. R o s e n f e l d , Berlin, gewählt. Herr Rosenfeld ist ein Schüler des bekannten Herrn Kantor I. Schwarz, Berlin W. — Aus Görlitz wird uns geschrieben: Mit Genehmigung des Regierungspräsidenten ist der Rabbiner Dr. Emil Berger aus Berlin zum Rabbiner, Prediger und Religionstehrer der hiesigen Synagogengemeinde vom 1. April 1914 ab gewählt worden. •— Professor Dr. Fritz Stier- Somlo ist zum Leiter des Unterrichts all der Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung zu Köln ernannt worden. — Die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg (Bayern), deren Schüler in allen Gauen Deutschlands ilnd im Allslande als Volksschullehrer und Religionslehrer wirken, wird diesen Sommer ihr 50 jähriges Gründungsjubiläum feiern. Es hat sich ein Komitee gebildet, das zu dieser Feier einen Jubiläumsfonds stiften will, dessen Zweck noch später bekanntgegeben werden soll. — Die feierliche Eröffnung des in Neustadt a. Hardt errichteten Israelitischen Altersheims für die Pfalz wird am Sonntag, den 10. Mai, erfolgen. Es haben bereits acht Insassen in dem Heim Wohnung genommott unb es treffen immer weitere ein. — Herr I. B a c r, Religionslehrer und Kantor der israelitischen Gemeinde zn Ofsenburg, welcher auf eine 50 jährige treue, aufopfernde und erfolgreiche Dienstzeit zurückblickt, wurde mit dem Berdieustkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen vom Großherzog ausgezeichnet. Herr Baer erfreut sich der höchstett Achtung und Verehrung in allen Kreisen der Offenburger Bürgerschaft, die sich mit dem Jubilar über die äußere Anerkennung seines Wirkens freut. — Schweizerische Blätter berichten: Da die deutschen Universitäten den nnmeius clausus gegenüber Ausländern Angeführt haben, hat in Bern ein solcher Andrang russischer Studenten stattgefunden, daß sich die dortigen Universttätsbehörden veranlaßt sahen, ebenfalls zu einer Einschränkung zu schreiten. Die Zahl der zuzulassenden russischen Medizinstudenten wurde auf 60 festgesetzt, während es gegenwärtig 155 sind. Also auch hier eine Prozentnorm. — Jean Henri Spiro, Professor der semitischen Sprachen und Literatur an der Universität Lausanne, starb dort im Alter von 67 Jahren. — In Wien ist im Alter von 63 Jahren der gewesene Gemeinderat Lucian Brunne r gestorben. Derselbe war seiner politischen Stellung nach ein Demokrat im Sinne Kronawetters, hat aber auch mit der jüdisch-nationalen Bewegung sympathisiert. Er hat wiederholt ohne Erfolg für den Reichsrat kandidiert. — Der Wiener Oberlandesgerichtsrat Dr. Preuß hat anläßlich seiner Pensionierung den Hofratstitel erhalten. — Der Maler Jehudo E p st e i n hat in der letzten Wiener Frühjahrsausstellung die jim