Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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s aus einem Verlosungsverein zu einem WohltäLigkeitsinstitut um* zuwandeln. Die wichtigsten Bestimmungen der nach kurzer Debatte angenommenen Statuten sind die folgenden: 1. Jedes halbe Jahr, spätestens vierzehn Tage vor dem 1. April und 1. Oktober, wird nach dem jeweiligen Kasfenbestand eine Anzahl Portionen in folgender Weife verlost und verteilt: Von den eingegangenen Beträgen, Zinsen und fonstigen Zuwendungen bis zu 100 Mark werden nach Abzug der im 8 12, Absatz 2, behandelten 10 Prozent der Beiträge Zunächst 50 Prozent in Portionen von 60 Mark unter die Mitglieder verlost, 50 Prozent an hilfsbedürftige Mitglieder in Teilen bis zu 50 Mark verteilt. Vom 1. April 1917 an werden nur 40 Prozent der verfügbaren Gelder verlost und 60 Prozent verteilt, vom 1. April 1920 an werden 30 Prozent verlost und 70 Prozent verteilt, vom 1. April 1923 an werden 20 Prozent verlost und 80 Prozent verteilt. Vom 1. April 1926 an erfolgt keine Verlosung mehr, sondern von da ab wird stets der ganze verfügbare Betrag verteilt, und zwar unter hilfsbedürftige, in Hamburg ansässige Israeliten. Köln, 16. April. Die Religionsschule der Synagogengemeinde Köln feierte am 29. v. M. im großen Saal der Lese unter der Leitung ihres Direktors Dr. R o s e n t h a l das Schlußfest des Schuljahres. Die Teilnahme war sehr groß. Ein aus Schülern und Schülerinnen gebildetes Orchester spielte unter Leitung des Herrn Baum zuerst Schuberts Festmarsch und erzielte damit, wie auch mit seinen späteren Darbietungen, Largo von Händel, Mendelssohns Marsch aus Athalia, einen Beifall, der fast kein Ende nehmen wollte. Darauf deklamierten Knaben und Mädchen der vier Klassen biblische Heldengestalten, Gedichte von Freund; sie alle verrieten sorgfältiges Studium. Ein kleiner Knirps von nenn Jahren hatte sich sogar ein köstliches kleines Poem, das er vortragen durfte, selbst verfaßt. Hierauf folgte eine Ansprache des Rabbiners Dr. Rosenthal, in der er sich über Zwecke und Ziele der Religionsschule verbreitete. Am Schluß des Programms folgten Lichtbilder aus der biblischen Geschichte. Schweden. F. S. Stockholm, 16. April. Am Donnerstag, 9. April, wurde der Rabbiner unserer Gemeinde, Professor Dr. Gottlieb Klein, zur letzten Ruhe bestattet. Der Beerdigung ging eine ergreifende Feier in der Synagoge voran, zu der sich eine zahlreiche Trauerversammluug eingefunden hatte. Außer den Gemeindemitgliedern waren hervorragende nichtjüdische Vertreter der Intelligenz wie der Beamtenschaft zugegen. Unter den Klängen des Trauermarsches aus Beethovens „Eroica" wurde der mit Kränzen reichgeschmückte Sarg in das mit würdiger Trauerdekoration versehene Gotteshaus getragen und vor der Kanzel, von der aus der Verewigte mehr als dreißig Jahre lang seine Gemeinde belehrt und erbaut hatte, niedergesetzt. Nachdem darauf der Chor einen schwedischen Choral und gemeinsam mit Kantor Saul „Adaunoj moh odom" vorgetragen hatte, bestieg Rabbiner Dr. K o eh aus Gotenburg die Kanzel zu seiner Trauerrede. Er hob die bedeutsame Lebensarbeit des Entschlafenen hervor und betonte den schmerzlichen Verlust, den durch sein Hinscheiden nicht nur die Gelneinde, sondern auch weite Kreise außerhalb derselben erlitten. Ich will, so führte der Redner aus, hier nicht von der Kraft seines Geistes sprechen. So groß die auch war, usnrd sie doch von der Größe seines Charakters verdunkelt. Wer vermochte wie er dem heiligen Geiste zu lauschen, der unsere Schriften erfüllt, wer forschte wie er nicht nur mit dem Verstände, sondern mit dem Herzen, und wer verstand gleich ihm seiner Gemeinde auszulegen, was er fühlte und erlebte! Jene Reinheit des Herzens, die er besaß und die unsere Gedanken hinführt zu den alten Propheten Israels, sie gehörte nicht einem liaiv Glaubenden an, sie war vielmehr die eines Forschers, welcher der modernen Wissenschaft näher stand als irgendeiner. Eine selten hervorragend begabte Persönlichkeit islls, die wir in ihm verloren haben. „Weh über uns, daß wir ihn verloren haben und nie mehr finden werden!" Nachdem der Redner einige warme Worte an die Hinterbliebenen gerichtet, schloß er: „Teurer Amtsbruder, der Herr hat dich gerufen. Zieh hin in Frieden! Deine Tugend geht vor dir her. Segen über dein Andenken! Amen." Es folgte sodann ein kurzes Gebet, worauf Dr. Koch die Beerdigungsliturgie verrichtete. Hierauf sang der Chor „Seele, was betrübst du dich" (mit Sopransolo). Der erste Vorsteher der Gemeinde, Ingenieur Oscar Hirsch, trat sodann an die Bahre und rief dem Entschlafenen im Namen der Gemeinde tief empfundene Worte des Dankes nach. Mit dem Vortrage von Birnbaums El mole rachamim durch Kantor Saul schloß die eindrucksvolle Feier. Unter Orgelktang wurde dann der Sarg aus dem Gotteshause getragen, und es folgte die Beisetzung aus dem Friedhofe. Hier hielt einer der hervorragendsten protestantischen Theologen Stockholms, Dr. S. A. Fries, ein intimer Freund des Verstorbenen, eine Ansprache, in der er den gewaltigen Eindruck schilderte, den Klein, als er in der Mitte der achtziger Jahre an der Universität zu Upsala Vorlesungen hielt, auf ihn, den damaligere Studenten, machte. Er ward begeistert von dem heiligen Feuer, mit dem der Lehrer die scheinbar trockenste Materie vortrug, und das der glühenden Wahrheitsliebe entsprach, die ihm sein Lebenlang nicht verlassen hat. — Am ersten Passahtage ließ Rabbiner Dr. Fried seiner Predigt einen Nachruf auf den verewigten Amtsgenossen voraufgehen, in dem er besonders dessen Verdienste aus dem Gebiete der allgemeinen Religionswissenschaft hervorhob. Anknüpfend an das talmudische Wort: zar li hammokaum stellte er dar, n>ie der Heimgegangene sich berufen fühlte, auf eine größere Gemeinde zu wirken als die, welcher er zunächst seine Lebenswahrheit gewidmet hatte. Der weite Kreis aller derer, die es nach Erkenntnis auf dem Gebiete des Werdens der Religionen dürstet, sollte seine Gemeinde bilden. Und ein anderes Mal mochte der Verewigte ausrusen: der Raum ist mir zu enge. Es war, als ob er fühlte, daß feine Erdentage gezählt seien, daß er nun bald, der Enge des Irdischen entrückt, vereint sein würde mit dem Urquell alles Seins. Der rastlose Wahrheitssucher: nun ist er ganz Licht, ganz Wahrheit, ganz Ewigkeit. Kuhland. X. Petersburg, 16. April. Eine stark besuchte Versammln na der Vertreter der Industrie und des Handels beschäftigte sich dieser Tage mit den Beschränkungen, denen die Juden neuerdings in bezug aus die Beteiligung an Aktiengesellschaften unterworfen werden. S. S. Nowosselow teilte mit, daß gegenwärtig in der Kanzlei des Handelsministers mehr als 300 Statuten von Aktiengesellschaft-en unerledigt blieben, weil das Ministerium des Innern der Bestätigung dieser Statuten Schwierigkeiten in den Weg legt. Das Ministerium des Innern hegt die Befürchtung, daß an den uen zn gründenden Gesellschaften mit Aktien sich Juden beteiligen könnten, denen nicht das Recht zusteht, Immobilien außerhalb des Ansässigkeitsgebietes zu erwerben. Die Auslassungen des Herrn Nowosselow wurden eingehend besprochen, und es wurde darauf hingewiesen, daß die Schwierigkeiten, die dem Entstehen neuer industrieller Unternehmungen seitens der Regierung in den Weg gelegt werden, die Entwicklung der Industrie ernstlich gefährden und ben Zufluß von auswärtigem Kapital eindämmen könnten. Mau bezeichnete die Schwierigkeiten, die von der Regierung geschaffen werden, gerade im gegenwärtigen Allgenblick, wo mau die Handelsverträge vorbereitet, für ganz besonders bedenklich. Es wurde einstimmig beschlossen, sich an den Minister des Innern zll wenden mib ihn zu ersuchen, in dieser Angelegenheit eine Deputation russischer Industrieller, aus lauter Christen bestehend, zir empfaugell. Der Deputation ist allfgetragen worden, daß die gegenüber den Jlideu angewendeten Schwierigkeiten llnd Beschränkungen die Entwicklung der Industrie unbedingt aufhalten müßten, und daß auf diese Weise die Abhängigkeit Rußlands vom Auslande verschärft werde. Die Eindämmung des Zuflusses von ausländischem Kapital, die unvermeidlich eintreten müßte, bedrohe das Land mit einer neuen wirtschaftlichen Krise und mit Arbeitslosigkeit und den damit verknüpften Folgen. — Von 122 jüdischen Privatadvokaten, welche jetzt das Recht zur Ausübung der Advokatur hätten erhalten sollen, wurde im ganzen zwei Advokaten das Advokatenpatent ansgestellt, welches jedoch noch der Bestätigung seitens des Justizministers bedarf. Die übrigen 120 Advokaten wurden auf Grund eines Majoritätsbeschlusses der kompetenten Richterkommission von der Ausübung der Advokatur ausgeschlossen. Unter den Ausgeschlossenen befiitbeit sich auch angesebene Advokaten, welche bis jetzt als Hilfsadvokaten eine allsgedehnte Praxis ausgeübt haben. Trotzdem die ältesten itnb angesehensten Richter in geradezu rührenden Ansprachen die andererl Kollegen von einer solchen Unmenschlichkeit abzuhalten versllchten, hatte die antisemitische Gruppe in der Kommission dennoch die Majorität bei der Abstimmung sich gesichert. Gegen eineu solchen Beschluß 'gibt es kein Rechtsmittel. *