Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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laßt, „der Zustand meiner Äugen ist so ziemlich", ein Satz, der erst einen Sinn gibt, wenn man die richtige Lesart „Peinlich" herstellt. Alle diese Veränderungen und unzählige andere hat der neue Herausgeber vorgenommen. Der Reichtum, der von ihm zusammengebrachten Briese, ist ein ganz außerordentlicher. Man kannte bisher aus dem Zeitraum von 1815 bis 1831 221, in der neuen Ausgabe ist diese Zahl auf 296 gewachsen, also eine ganz außerordentliche Vermehrung. Eine nicht minder wichtige Bereicherung der neuen Ausgabe besteht in den hinzugesügten Bildern. Es sind viele Bilder Heines selbst zum Beispiel von Franz Kugler, Wilhelm Hensel, Oppenheim, Theophil Gassen und gar mancher Unbekannter. Außerdem werden die Porträts vieler Korrespondenten: A. W. Schlegel, Ernst Moritz Arndt, Varnhagen, Jmmermann, Robert und Gattin, M. Moser, W. Menzel und vieler anderer gegeben. Zu diesem Bildnisschmuck tritt dann die ausgezeichnete Wiedergabe einzelner Briese Heines, auch die eines Briefes seiner Mutter aus der Zeit, da sie noch unverheiratet war, hinzu. Der letzterwähnte Brief, unterschrieben Peierche de Geldern, gerichtet an ihre Freundin Hendelche (Helena), Jakob Israel in Wesel vom 24. Februar 1796 in hebräischer Kursivschrift ist deswegen von besonderem Wert, weil er in manchen Gedankengängen und der Ausdrucksweise einen gewissen Einfluß auf den Sohn verrät. Ich lasse diesen Brief, dank dem Entgegenkommen der Verlagshandlung, in Abbildung folgen. Die Einleitung der neuen Ausgabe, der manches von dem, was oben gesagt ist, entnommen worden ist, ist reich an kritischen Bemerkungen. Da es nicht möglich ist, alle Einzelheiten zu erwähnen; so seien nur zwei Punkte herorgehoben: der eine besteht in den mannigfachen Aufklärungen über Heines Gattin Mathilde (richtiger Crescencia, geborene Mirat) und über den ökonomischen Leichtsinn, die tollen Ausgaben, durch welche sie Heines pekuniäre Verhältnisse ruinierte. Ferner die berechnende Art, in der sie bei den Verhandlungen über Heines Nachlaß ihren Vorteil zu wahren wußte; ferner der Nachweis, daß Heines Nachlaß der österreichischen, preußischen und französischen Regierung angebvten, von allen aber abgelehnt wurde, und daß von den Memoiren gewiß nicht mehr als das vor einigen Jahren veröffentlichte Fragment erhalten ist. Heines Briefe bilden eine unentbehrliche Ergänzung seiner Werke. „Wir besitzen", um mit dem nerien Herausgeber zu sprechen, „in ihnen nicht selten die aufschlußreichsten Kommentare zu markanten Ereignissen seines Lebens- und Dichterkampfes. Sie erhellen in ihrem wogenden Auf und Ab von Stimmungen und Verstimmungen manches tiefe Dunkel und bilden den freilich nur notdürftigen, aber doch sehr wichtigen Ersatz für den ungeheueren Verlust seiner Memoiren. Sie ergeben, fortlaufend gelesen, eine Autobiographie von prickelndem Reiz, der um so einschmeichelnder wirkt, je weniger sich in den einzelnen Briefen die Absicht kundgibt, jemals weitere Publizität zu erlangen, die vielmehr bloß dem Adressaten Tatsachen oder Reflerivnen übermitteln wollten. Nie sind Heines Briefe frisiert oder kostümiert, nie kokettiert der Schreiber im entferntesten mit dem Gedanken, daß seine intimsten Bekenntnisse den Weg in die Oeffentlichkeit finden könnten. Frei und ungezwungen gibt sich der Briefschreiber Heine im Lieben und Hasten, im Frohlocken und Grollen, im Ernst und im oft zynischen Scherz. Diese völlige Ungezwungenheit macht Heines Briefe zu den glaubhaftesten Herzensergießungen, die eines niemals missen lassen, daß sie zuverlässige Kunde von Leid und Freud einer hochgestimmten Seele ablegen". Man kann freilich sagen, daß Heines Charakterbild durch eine restlose Veröffentlichung seiner Briefe manches einbüßt, aber die Nachwelt hat das Recht, den Menschen vollständig kennen zu lernen. Das einzige vielleicht, was in den Briefen Heines mangelt, sind wirkliche Liebesbriefe. Was er den Geliebten zu sagen hatte, sprach er in Gedichten aus; daher sind die wenigen erhaltenen Billette an die, die seinem Herzen wirklich nahestanden, frostig und konventionell. Nur die Briefe aus seiner allerletzten Zeit an seine treue Pflegerin, die Mouche, sind wirklich leidenschaftliche Bekenntnisse, „erst in dieser Zeit brausen die wildesten Liebesbeteuerungen, in den unter tausend körperlichen Qualen geschriebenen Billetts auf, lösen sich die süßesten und heißesten Liebesworte von dem Herzen des Kranken, der sie zitternd niederschreibt. Nicht sensitive Zärtlichkeit, die Heine auch in anderen Briefen laut werden läßt, nicht warme Freundschaft, die sonst aus Briefen spricht, sondern ein ergreifender Gefühlsüberschwang findet endlich seinen Ausdruck." Doch dies führt uns bereits in eine viel spätere Epoche. Was den Zeitraum betrifft, der in dem ersten Bande geschildert wird, so sind es einzelne Briefe an die Seinigen, von denen namentlich die an die Mutter einen zärtlichen Ton an sich tragen, an Kameraden und Freunde. Der Inhalt aller dieser Schreiben ist ein ungemein vielgestaltiger; seine persönlichen Schicksale werden behandelt, das Ergebnis seiner Korrespondenten, Ereignisse aus der Umgebung der literarischen und der politischen Welt. Gar vielfach treten die öffentlichen Ereignisse hervor, sehr häufig werden Novitäten beurteilt. Ueber einzelne Arbeiten Heines zur Erklärung mancher Stellen seiner Schriften erhält man die reichste Belehrung. Auffällig und doch vielleicht gerade bei dem Charakter Heines leicht begreiflich ist, daß die Ersten seiner Zeit nicht zu seinen Korrespondenten gehören. Bittschreiben an die Großen der Code finden sich ebensowenig als Huldigungen an die Koryphäen seiner Zeit. Eme Ausnahme macht vielleicht nur Goethe. Aber unter den drei Briefen, die Heine an den Weimarer Patriarchen gerichtet hat, sind zwei nur ganz kurze Widmungsinschristen, und der dritte hält in ganz merkwürdiger Weise die Mitte zwischen Devotion und Selbstbewußtsein. Die Tragödien, die Heine u. a. auch an Goethe sandte, hat er ebenso mit kurzen Worten Tieck, Uhland und Wilhelm Müller übersendet, aber da er von ihnen keine oder keine befriedigende Antwort empfing, setzte er die Verbindung nicht fort. Außer Mutter, Schwester, einigen Großen der Literatur, sind unter den Adressaten die Buchhändler vertreten. An die Verleger der ersten Schriften, an die mancher Zeitschriften, gibt es rnannigfache Sendschreiben, besonders zahlreich sind die Briefe an Cotta und vor allen Dingen an Campe; über die letzteren ist bereits ein Wort gesagt. Aber wie es bei einem Schriftsteller natürlich ist, die größte Zahl der Korrespondenten sind Schriftsteller, Gelehrte, besonders die Kameraden, die wenigstens in der ersten Zeit des Umgangs literarische Neigungen verrieten. Um nur einige merkwürdige Männer zu nennen, sei hier Wolfgang Menzel, Ludolf Wienbarg, Fouque, Varnhagen und Gattin (die berühmte Rahel), Ludwig Robert und seine schöne Frau genannt. Robert und seine Frau entstammten dem Judentum. Unter den jüdischen Korrespondenten seien Joses Lehmann, Immanuel Wohlwill, Karl Herloßsohn und Leopold Zunz erwähnt. Die Originale an die letzgenannten Pnd leider nicht mehr aufzufinden. Bieten schon die Briefe an alle die in den eben gemachten Zusammenstellungen erwähnten ein vielseitiges Interesse, so sind sie doch nicht die Hauptsache. Ganz herrliche, immer wieder und wieder zur Lektüre reizende Schriftstücke sind die an die Jugenbgesährten, z. B. Beughem, Straube, Friedrich Merckel, Sethe, Christiani, Detmold, alle, bis auf den letztgenannten christlichen Ursprungs, während Detmold, der witzige kenntnis-