Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229134--70228-3282562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
s die Stadtverordnetenversammlung durch ihren Vorsteher Michelet, dessen Stellvertreter Geheimen Justizrat Cassel sowie die Stadtverordneten B a m b e v g, Rvseno , L i e b e n o w, Solinger, Hildebrandt, Friedberg, 31 a y und Loeser vertreten. Ferner bemerkte man unter den Anwesenden den Gesamtvorstand des Berliner Vereins sür Obdachlose. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Weiße Daraus würdigte im Namen der Stadtverordnetenversammlung Geheimer Justizrat Cassel die segensreiche Tätigkeit des Verstorbenen. W. Posen, 27. Februar. Das jüdische Mädchenheim hat seine neue Wohnstätte bezogen. Die an die bedeutsame Veränderung und Vergrößerung der Anstalt geknüpften Hoffnungen und Erwartungen haben sich zur großen Genugtuung erfüllt; die neuen Räume haben sich in jeder Beziehung als geeignet sür das Heim erwiesen imd konnte nunmehr achtzehn jungen. Mädchen Ausnahme gewähren. Mit voller Freude kann sestgestellt werden, daß in die neuen Räume der alte Geist der Liebe und Verträglichkeit eingezogen ist. Von den am Schlüsse Des Geschäftsjahres im Heim verbliebenen jungen Mädchen sind: 3 Buchhalterinnen, 4 Stenotypistinnen, 2 Lageristinnen, 2 Lehrmädchen, 1 Putzarbeiterin, 1 Putzte hrmädchen, 1 Verkäuferin, 1 Mädchen besucht das Kindergürtnerinnenseminar und 1 das Lyzeum. Das Heim richtet an unsere Glaubensgenossen -und ihren so oft bewährten. Opsersinn die dringende Bitte, dasselbe mit größeren Spenden zu bedenken, damit der Vorstand bald in die Lage versetzt werden könne, das Stammkapital auf 6 0 000 Nt a r k zu. erhöhen. Der Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit unbemittelter Mädchen Hierselbst hat zu den Penstonskosten einzelner Pfleglinge wieder einen erheblichen Betrag, und zwar 535 Mark, beigetragen und dadurch ermöglicht, daß diese Mädchen nicht nur Ausnahme im Heim, sondern auch die Ausbildung für den gewühlten Beruf ftnben können. Das Freistellenkonto des verstorbenen Mitgliedes Adolf Baruch ist trotz der daraus gemachten Aufwendungen für Pfleglinge dank den Spenden der Angehörigen auf 2029.50 Mark angewachsen. Dem Vereine gehören zirka 240 Mitglieder an. An Spenden gingen 2102 Mark ein. ^2 Homburg, 27. Februar. Der Verein zur Unterstützung dürftiger israelitischer Familien an Sabbatuud Festtagen hielt seine Generalversammlung unter dem Vorsitz des Herrn S. P l o ck i ab. Es sei, so führte der Vorsitzende aus, unbedingt notwendig, daß dem Verein neue Mitglieder zugesührt werden, damit er auch in diesem Jahre seine segensreiche Tätigkeit unvermindert ausüben könne. Aus der alsdann vom Kassierer erstatteten Abrechnung war Zu entnehmen, daß an Jahresbeiträgen 1851 Mark mtb an Legaten und Geschenken 542 Mark eingenommen wurden. Die Ausgaben für Fleisch und Mehl betrugen 2289 Mark und sür Botengehalt 325 Mark, so daß sich ein Fehlbetrag von 312 Mark ergibt. — Ter Israelitisch-Humanitäre Frauenv-erein hielt am letzten Sonntag unter der Leitung von Fräulein SidonieWerner seine 20. Generalversammlung im Logenheirne ab. Aus dem Jahresbericht war zu ersehen, daß die Schöpfungen der Organisation, wie der Arbeitsnachweis, die Säuglingspflege, die mit einer Stillprämie verbunden ist, die Kinderhorte, ferner das Mädchenheim am Grindelberg und das Erholungsheim in Segeberg, eine erfreuliche Entwicklung aufweisen. Als weitere Aufgabe ist eine ausgedehntere Fürsorge für uneheliche Mütter und Kinder vorgesehen und sodann die Gründung eines Klubs sür erwerbstätige Mädchen. Eine ganze Reihe Wohlfahrtsleistungen ergibt sich noch aus dem Zusammenhang des Humanitären'Frauenvereins mit der Zentrale für jüdische Wohltätigkeit, mit der Henry-Jones-Loge und anderen Institutionen. Die Zahl der Mitglieder ist von 600 im vorigen auf 972 in diesem Jahre gestiegen. Herrn Paul L a s c a r wurde nach Erstattung des günstigen Kassenberichts Decharge erteilt. Die Wahl des Vorstandes führte zu einer Wiederwahl, durch Akklamation. L. L Würzbirrg, 27. Februar. In einer Versammlung, die vom Verein für die orthodoxen Interessen des Indent u m s einberusen war, sprach Universitätsprosessor Dr. P i l o t y über die Revision des bayerischen Judenediktes. Der hervorragende Staatsrechtslehrer an der hiesigen Universität gab zunächst ein anschauliches Bild über das noch bestehende Edikt und forderte in klaren, kreisenden Worten die Aenderung desselben. Redner meinte, daß es künftig möglich sein müsse, eine zweite Kultusgemeinde zu gründen neben der bisherigen, ebenso empfahl der Redner die Gründung einer Zentralkasse zur Unterstützung der armen Landgemeinden. In der dem Referat folgenden Diskussion vertrat Rechtsanwalt Dr. Karl R o s e n t h a l den Stand. Punkt, daß die Revision nicht dringend nötig sei. Da aber unter den jetzigen politischen Verhältnissen in Bayern die Revision, weil sie von orthodoxer Seite verlangt wird, doch kommen würde, so würden natürlich aucT} die Liberalen ihre Wünsche geltend machen.. Der Redner meinte ferner, daß die Zentralkasse ohne Aufsichtsbehörde lediglich kleinen orthodoxen Zwerggemeinden zugute tarne, die er, durch die fortgesetzten Zwischenrufe erregt, als Brutstätten der Orthodoxie bezeichnete. Ein Ausdruck, den der Redner selbst sicher am meisten bedauerte. Herr Rechtsanwalt Dr. Haas, der erste Vorsitzende des liberalen Vereins, vertrat dann kurz, klar und treffend den Standpunkt des Vereins und war sür die Revision, die für Gemeinden mit orthodoxen Rabbinaten nur segensreich wirken kann. Der energische Förderer der Revision des in der Tat veralteten Edikts, Kommerzienrat Frankel aus München, griff in äußerst lebhafter Art in die Diskussion ein und zeigte, daß er die Materie vollkommen beherrscht. Doch waren sowohl Orthodoxe wie Liberale sehr wenig von dem übertriebenen Eifer entzückt, und gänzlich verfehlt war seine Erklärung gegenüber dem nichtjüdischen Referenten, daß das Judentum keine Rabbiner zu Trauungen, Beerdigungen brauche. Es ist diese Tatsache so hinlänglich bekannt, wie es ganz selbstverständlich ist, daß auch die Stellung des Rabbiners, ob orthodox oder liberal, eine veränderte geworden ist, und daß heute jeder orthodoxe Rabbiner Trauungen und Beerdigungen zu seinen wichtigen Amtspflichten zählt. Zuletzt sprach dann noch Herr Rechtsanwalt Hvmmel aus Schweinfurt für die Abänderung des Ediktes. Bei den Orthodoxen und Liberalen gibt es Freunde imd Gegner der Sache. Die Freunde der Revision wünschen, daß dieselbe recht bald zum Segen des Gesamtjudentnms Gesetz werde. J. W. Frarrksrrrt a. M., 27. Februar. Im hiesigen Verein für Statistik und Demographie der Inden sprach Herr Justizrat Tr. Dietz über „Zahl, Alter lind Herkunft der Frankfurter Inden". Die Meinungsverschiedenheiten, die über die Zahl der Frankfurter Juden in früheren Zeiten bestanden, sind jetzt geklärt. Das Jahr 1241 bringt die erste Nachricht über die Juden, nämlich die Judenschlacht, bei der 180 Juden ihr Leben lassen mußten. Der Rest, etwa 20, ließ sich taufen. Die nächste Nachricht stammt ans dem Jahre 1349, 1416 hören wir von 13 Haushaltungen, und 1462 beginnt dann zögernd der Rat mit der Erbauung der Judengasse, veranlaßt durch eine Bulle Papst Pius II. Vom Jahre 1500 bis 1604 wuchs die jüdische Seelenzahl von 100 auf 3000. Das Nothschildsche Stammhaus in der Judengasse war ursprünglich in zwei Hälften geteilt, von denen die linke Hälfte die Familie Rothschild bewohnte. Der Redner nannte auch eure Reihe Häusernamen, von denen die Familien ihre Namen herleiteten. Die älteste Familie ist die Familie Zunz, die schon 1435 erwähnt wurde. Suhland. z. Petersburg, 27. Februar. Bis jetzt haben also jene Skeptiker recht behalten, welche behaupteten, daß skandalöse Handlungen in Rußland kein Grund wären, um einen Minister zu stürzen. So hat der Unterrichtsminister Kassv, dessen Name in ganz Rußland der Schande preisgegeben ist, bis zur Stunde sein Portefeuille keinem anderen abtreten müssen. Bon den „Echtrussen" gestützt, sucht er nur jeden Tag nach einer neuen Heldentat, welche die Herzen seiner Getreuen erfreuen und zur schärfsten Agitation für ihn aneisern könnten. Seine jüngste Barbarei ist die Verordnung, daß die Aufnahme der jüdischen Kinder in die mittleren und höheren Schulen durch Verlosung erfolgen soll. Auch bis jetzt war bekanntlich für die Juden die Prozentnorm gültig, allgemein herrschte aber die Regel, daß die besten, fähigsten Schüler den Vorzug hatten. Nun ist es wohl bekannt, daß diese Regel von der russischen Beamtenschaft häufig genug nicht innegehalten wurde: Sie verlangte außer dem guten Zeugnis und nicht selten anstatt des Zeugnisses auch ihren Obolus, wenn das jüdische Kind 'angenommen werden sollte. Häßliche Protektion imb demoralisierende Bestechung waren somit die Begleiterscheinungen der jüdischen Jugenderziehung in Rußland. Scheinbar wird also durch die Verlosung diesem System ein Ende gemacht. Allein in Wirklichkeit dürfte die Verlosung ebenso zur Quelle der Bereicherung für die damit betrauten Beamten lverden. Der Unterschied der bisherigen Situation und der künftigen dürfte nur in folgendem an den