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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang. Nr. 10 Berlin, 6. März 1914 Allgemeine eitung desAudenlums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitt.i,A erscheint wöchentlich. A bonnenrents-P reis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabdiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats profeffor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin S*W., I«r»salemer Straße 46/49, zu richien. Verlag von Rudolf Rlosfe, Berlin. Esther. Dvn Dr. M. Levin. — D ie Woche. — Julius ylUJUU* Zaeoby. Von L. G. - Sieg der Vernunft. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Miß Lily H. Montagu. Eingeleitet und übersetzt von Vlartha Steinitz. — Feuilleton: Kleopatras Wunsch. Von Tadeusz Kouczinski. Uebersetzt von S. Horovitz. — Ein Purimtheater. Von M. Schweitzer, Glogau. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Würzburg, Frankfurt a. M., Petersburg. — Von Nah und Fern. Llther. Zum purimfeste. Von Dr. M. L e v i n. ir haben drei Gedenktage, die uns Kämpfe und Siege in Erinnerung bringen: den neunten Ab, das Chanukkafest und das Purimfest. Anscheinend könnte beim neunten Ab von keinem Siege die Rede sein, denn da ward ja das jüdische Reich aufgelöst, allein, der Gottesbund blieb bestehen, und er erhielt eine neue Aufgabe, sich auch unter den Völkern zu erproben. Das Chanukka - und das Purimfest rufen uns zwei abgeschlossene Siege ins Gedächtnis. Merkwürdigerweise stand man schon früh dem Purimfest mit gemischten Gefühlen gegenüber. Da wird erzählt, Esther sei bei den Weisen mit der Bitte vorstellig geworden: „Begründet mir ein Andenken für die kommenden Geschlechter". Die Antwort lautete: Willst du etwa auch noch unter den anderen Völkern Zorn und Haß wider uns erregen?" I Später jedoch sagte man sich, daß hier die wehrlose Unschuld gegen die machtvolle Bosheit stand, die Wahrheit gegen die Lüge — und so verspürte man auch im Estherbuche das Wehen des heiligen Geistes. Trotz .der dramatischen Uebertreibungen, Unwahrscheinlichkeiten, ja Unmöglichkeiten erklärte man sich bereit, das Buch unter die heiligen Schriften auszunehmerü). Die Synagoge ging noch weiter: während sie am Chanukkafeste das Hallel der Liturgie einfügte, betrachtete sie die Estherrolle selbst schon als ein Halles). Die Esthergeschichte drängt uns das Psalmwort auf die Lippen: „Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue ihm, er wird es schon inachen; er wird deine Gerechtigkeit aufgehen lassen gleich dem Morgenlicht und dein Recht wie Mi tt a g s h el le."') I. Wir unterscheiden Racheakte von Kämpfen der Abwehr. Des Menschen Rache läuft hinaus auf ein: Wie du mir, so ich dir. Darum muß ihm geboten werden: Du sollst dich nicht rächen und nichts nachtragen. Dagegen behält sich der Herr die Rache vor. „Mein ist die Rache und Vergeltung!" Die h Megilla 7a. h Jbid 4a. 3) Jbid 14a. ') Psalm 37, 5—6. Rache Gottes ist nichts anderes als die ansgleichende Gerechtigkeit, sie ist die Sühne des Bösen, die nicht immer gerade die Vernichtung des Frevlers zur Folge haben muß; zumeist aber bereiten sich die Frevler selber ihren Untergang3). Nicht auf Rache, auf Kampf werden wir gewiesen, auf Abwehr gegen Angriff. „Die Hand an das Gottespanier! Krieg für Gott gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht". Bei dem Kampfe gegen das Volk der Amalekiten fordert Mose „Männer", denn es galt einen Waffengang. Bei dem Kampfe gegen einen einzelnen Sproß Amaleks ist es ein Weib, das die Entscheidung bringt. Der Name Esther bedeutet Stern. Im nächtlichen Dunkel erglänzte sie als Abendstern und mit dem anbrechenden Tage als Morgenstern. Ist es nicht wunderbar, während Haman auf den Lauf der Gestirne achtet und in seinem Aberglauben das Los wirft, welcher Monat und welcher Tag der Ausführung seines Vernichtungsplanes am günstigsten sein könnte, daß da ganz in seiner Nähe in der Person Esthers ein Stern ausging, der dem angefeindeten Volk sein Recht bringen sollte! Es ist ein Charakterzeichen des Estherbuches, daß durch zielbewußtes Verschweigen die Handlung fortgesührt wird. Esther verschweigt ihre Herkunft, Haman verschweigt das Volk, gegen das sein Anschlag gerichtet ist, und auch der Name Gottes wird verschwiegen, was uns bei einem Buche, das in den Kanon ausgenommen wurde, also religiös wirken sollte, um so mehr befremden muß. Esther verschweigt ihre Herkunft. Warum das? Bei den Persern gab es doch kein Vorurteil gegen die Juden, und sie fragten weder nach Religion noch nach Abstammung. Ob aber Mardechai überhaupt einem Heiden, und wäre es auch der König, die Tochter hätte geben dürfen? Esther wurde einfach aus seinem Hause weggeholt, eine Weigerung wäre vergeblich gewesen. Er verlangte jedoch, er, der seine Abstammung so offen und nachdrücklich bekannte, von Esther das Gegenteil. Er nahm an, daß Esther bei etwaigen Umtrieben, die einmal ihren Stamm bedrohen könnten, alle Fäden überschauen und dann helfend würde eintreten können. Haman hätte sicherlich zuerst die Königin aus dem Wege geräumt, wenn er ihre Abstammung gekannt hätte. Haman verschweigt den Namen des jüdischen Volkes, weil er wohl wußte, daß seine Anklagen als grundlos würden zurückgewiesen werden. Wenn aber der Name Gottes in dem ganzen Estherbuche verschwiegen wird, und wie es scheint, geflissentlich, so erfahren wir um so eindringlicher, wie im geheimen Hintergründe der Dinge der Hüter Israels waltet, der nicht schläft und nicht schlummert. Die tückischen Anschläge werden mit einem Male vereitelt, als der Morgenstern den Tag der Rettung heraufführt. Jetzt verstehen wir das 1 5) 5. Mose 32, 35.

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