Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 fall Meilitz vor Gericht bringen, da man uns sonst beschuldigen wird, das; nur durch jüdisches Geld gekauft sind." Ein anderer Ausspruch ist charakteristisch für Tschaplinski, den damaligen Staatsanwalt und jetzigen Senator. Als die Besichtigung einer Synagoge nicht diejenigen Tatsachen brachte, welche für den rituellen Charakter der „Affäre" notwendig waren, da bemerkte Tschaplinski zu Krassowski: „Wunderbar, wie doch die Kiewer Polizei erzogen ist; sie will mit dem Gesichtspunkt der Staatsanwaltschaft gar nicht rechnen." Noch deutlicher verdolmetscht Tschaplinskis Willen der Gendarmerieoberst Iwanow, der nach einem Rapport Krassowskis über neue Tatsachen diesem zuruft: „Das altes ist nichts, gebt einen Züden her." Tschaplinski selbst gibt zu. daß er den Krassowski habe verhaften lassen, damit er die Zeugen nicht „lehren" solle. Als Pendant dazu kann sein Geständnis dienen, daß er es war, der die entschiedene Anweisung erteilt hat: „Wagt es nicht mehr, ohne meine Erlaubnis sie (bie Tscheberjak) zu verhaften." Tschaplinski selbst mußte sie also unter seinen Schutz nehmen, da sie alle anderen, Untersuchungsrichter wie Detektivpolizisten, einfache Polizei wie Gendarmerie, immer von neuem verhafteten oder verhaften wollten. Und noch ein wuchtiges Moment wurde, wenn auch nicht ganz, so doch teilweise aufgehellt: die Angelegenheit „Kosatscheuko". -Nosatschenko ist jener von der Bildsläche verschwundene Provokateur, der in; Gefängnis mit Beilis in einer Zelle zusammen war und dann den Beilis beschuldigte, er hätte ihn zu bereden gesucht, daß er bestimmte Zeugen aus der Welt schaffen sollte. Run hat sich zwar schon im Prozeß Beilis selbst die Sinnlosigkeit dieser Beschuldigung herausgestellt, da einer der zwei Zeugen, die angeblich vergiftet werden sollten, der nächtigste Entlastungszeuge des Beilis war. Allein es war bekannt, daß Kosatschenko seine falsche Angeberei bereut und einmal vor -dem Gend-aru;eri.evbersten Iwanow auf den Knien seine niedrige Handlung eingestanden hatte. Iwanow selbst ist während des Prozesses Beilis der Antwort ausgewichen. Nach der kategorischen Bekundung des Mitarbeiters des Kiewljanin Trifvnow hat jedoch der Oberst Iwanow ihm selbst davon erzählt, daß er über das Geständnis des Kosatscheuko Tschaplinski berichtet habe, und daß ihn die Tatsache peinlich berührt hätte, daß die Angeberei des Kosatschenko in der Anklageschrift unangetastet geblieben sei. Wahrlich, in jedem anderen Zoll würden diese bloßstellenden Tatsachen eine ungeheure Sensation darstellen, nur in dem Fall Beilis ist man an alles gewöhnt. z. Kiew, 14. Februar. Mißgestimmt über den Ausgang des Beilis-Prozesses, suchen die Kiew er Gerichtsbehörden nach einem neuen Objekt zu -einer Ritualmordbeschnldigung. Blau hätte es wirklich kaum glauben können, daß ihre Barbarei soweit reichen würde, um den in Fa stow an dem jüdischen Knaben Jossel Paschkow verübten Mord zur Propaganda der Ritualmordidee auszuuutzen. Und docl) ist es geschehen. Wie erinnerlich, wies die Leiche Paschkolos dreizehn Verwundungen auf, eine Zahl, welche den Ritualmordverfechtern wegen ihrer angeblich kabbalistischen Bedeutung besonders zu Herzen geht. Welch ausgezeichneter Hetzstoff untre es doch, wenn es sich um -einen christlichen Knaben handelte! Gedacht, getan! £bwohl die Leiche als diejenige eines jüdischen Knaben rekognosziert U'ar. obwohl alle in dem Ermordeten den vermißten und verschleppten Jossel Paschkow erkannt und die lokalen Behörden auch den Täter, einen verkommenen Bauern, festgenvnunen hatten, hat doch die Kiewer Staatsanwaltschaft der Sache eine unerhörte Wendung gegeben. Sie hat den Bater Paschkows, der Handlnerker ist, und seinem Gesetleu verhaftet, und null ans der Affäre einen neuen Ritualmord machen, inb-em sie den Knaben als christlichen erklärt. Der ruchlose Taliz geht also abermals in Kiew los und versetzt schon die Kiewer Einwohnerschaft, Juden wie Nichtjuden, in fieberhafte Aufregung. Schon hat man nicht nur die lokalen Fastower Polizeibehörden, sondern auch den Kreisarzt aus der Boruutersuchnug ansgeschaltet, schon mischt sich die im Sinne der echten Russen jüngst ausgestnltete Kiewer Detektivpolizei mit ihrem Chef Dnbjago in die Affäre ein, schon hat sich ein fauatisiertes, hysterisches Weib ans Schitomir, eine Christin, eingestellt, lvelche in dem Ermordeten ihren Neffen -erkennen will; kurzum der Fastower Fall, der ohnehin als Widerspiegelung der durch die Kieloer Agitation entfachten Mordgelüste ein tragisches Memneto für die Inden bedeutet, soll nun gegen sie ausgenutzt, für sie eine Katastrophe werde!;. Daß die Mordtat nicht nur ans Konto eines Subjekts zu schreiben ist, wurde von vornherein als Vermutung von verschiedenen Seiten ausgesprochen. Man glaubte jedoch, daß die echt russischen Hetzer, außerstande, regelrechte Pogrome zu veranstalten, vorläufig an einzelnen jüdischen Kindern ihre Rachewut stillen wollten. Die Tatsachen haben bewiesen, daß es weit rassiniertere Absichten waren. Nach den; von Schmakow ausgegebenen Ritnalmordrezept wird ein jüdischer Knabe ermordet und dann als christlicher ausgegeben, und der „Fall" ist da. Daß die Mörder auch Fälscher und Meineidige finden und also eine noch kornpliziertere Angelegenheit als im Fall Justschinski hervorzaubern können, ist klar. In Kiew scheint jetzt der Teufel in höchsteigener Person herumzngehen. Oslsstina. 1. Jaffa, 10. Februar. Die etwa 13 Kilometer südlich von Jaffa gelegene, von den Choweweh Zion im Jahre 1895 begründete Kolonie Kastinje sollte als ,.Musterkolonie" die jüdischen Bauern lehren, wie man durch eigene Arbeit in Palästina selber vorwärts kommen und gleichzeitig der gesamten Kolonisationsbewegung Nutzen bringen könnte. Aber die 20 „ausgesuchten Arbeiter" von Kastinje hatten die auf sie gesetzten Hvfuungen schmählich getäuscht. Jahrelang forderten sie immer neue Zuschüsse und verfielen schließlich, als diese ihnen nicht mehr gewährt werden konnten, immer mehr in Mmut. Der absolute Mangel an jeder eigenen Initiative hatte im Verein u;it der steigenden Beschäftigung arabischer Arbeiter die Kolonie binnen anderthalb Jahrzehnten an den Rand des Verderbens gebracht, Die Araber bestellen die jüdischen Felder nicht besser als ihre eigenen, so daß von einer modernen Bewirtschaftung nicht die Rede sein konnte. Auch hielten die Kolonisten weder Vieh, noch trieben sic Gemüse- oder gar Obstbau, vielmehr beschränkten sie sich aus die Produktion von Getreide. So standen sie sich bald womöglich schlechter noch als selbst die Araber, die zwar gleichfalls in primitivster Weise Getreidebau trieben, im Gegel;st;tz zu den jüdischen Kolonisten jedoch keine Arbeitslöhne zu zahlen brauchten. Unter solchen Umständen war es begreiflich, daß die Söhne der Kolonisten nach erreichter Volljährigkeit dem Beruf ihrer Eltern den Rücken kehrten, die Kolonie verließen, um nach Aegypten oder Amerika auszuwandern. Schon begannen die benachbarten Araber, die von den eingeschüchkerten, alternden Kolonisten nur mangelhaft verteidigten Felder an sich zu reißen und für eigene Rechnung zu bestellen, womit das Schicksal Kastinjes besiegelt wäre, als sich vor zwei Jahren einige kapitalkräftige jüdische Einwanderer bereit erklärten, fünf Kolonisten ausznkaufen und den von ihnen erworbenen Boden eigenhändig oder doch durch jüdische Arbeiter zu bestellen. Zwei weitere Kolonisten verkauften ihren Anteil im Umfange von 70 Hektar an den Nationalfonds,!velcher das Land unter der Bedingung erwarb, daß die Mittel zu seiner Bestellung von anderer Seite hergegeben werden. Der Berliner Verein „Esrn", welcher bei der Gründung von Kastinje mit 20 00K Francs beteiligt war, erklärte sich auch diesmal bereit, sechs Arbeiterin Kastinje anznsiedeln. Dieselben erhielten uebst den 70 Hektar Land und zwei großen Häusern zu ihrer Installation vom Berein ,,Esra" 10 000 Francs unter der Bedingung, diese in 20 Jahresraten ä 5 00 Francs zurückzuzahlen. Die Aktion des Vereins „Esra" zur Verjüngung von Kastinje beweist nun, welchen großen Segen man in Palästina mit einer verhältnismäßig geringen Summe stiften kann. Mit nur 10 000 Francs, die überdies in 20 Jahren zurückgezahlt werden, erhielten nicht nur sechs jüdische Familien eine dauernde Existenz und eine gesicherte Heimstätte als Bauern in Palästina, es wurden dadurch auch einem scheinbar den; unvermeidlichen Untergange geweihten jüdischen Dorfe, frisches Blut und neue jugendliche Kräfte zugeführt. Außer den sechs Arbeitern in Kastinje hat der Berein „Esra" in den letzten drei Jahren weitere 3 7 Arbeiter, also zusammen 43 Familien in Palästina dauernd als Kleinbauern angesiedelt. Von Sah und fern. — Der B c r ein z u r Pflege h e b r ä i s ch e r M u s i k (Dirigent Kapellmeister A. Kellermann) veranstaltet anläßlich seines 10jährigen Bestehens am 23. Februar er., abends 8 U h r iur Blüthner-Saa l unter Mitwirkung namhafter Solisten ein Festkonzert. Karten ä 3, 2 und 1 Mark bei Bote u. Bock und A. Wertheim. — Justizrat Leonhard Fried m a i; n wurde zun; Geheimen Justizrat ernannt. Für sein Ansehen spricht besonders der Umstand, daß er der einzige preußische Anwalt war, der in die Kommission zur Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Strafgesetzbuchs berufen wurde. — Justizrat Eduard G o l d in a n n ,