Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229132--70191-3282523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 da man gebunden sei. auch für die Vorlage stimmen, allein er müsse doch sagen, die Proportionalwahl wird schwerlich den Beifall der alteingesessenen Berliner Gemeindemitglieder finden. Besonders störe ihn. daß die Wühler nicht mehr Persönlichkeiten wählen, sondern die Partei. Bisher sah man aus die Persönlichkeit mehr als ans die Richtung, künftigaber würde es heißen: die Partei gilt alles, die Persönlichkeit aber nichts. Das System der gebundenen Liste hält er für religiöse Gemeinschaften für weniger gut als die freie Liste. Nur mit schwerem Herzen könne man der Proportionatwahl entgegenscben , man möge bedenken, Berlin sei laicht nur die \\VliV Gemeinde, die dieses System einführe, sondern die überhaupt erste religiöse Gemeinschaft, denn die christliche Kirche kenne dieses System nicht. Herr Benas Levh ist gleichfalls der Ansicht, daß eine Milderung des Wahlkampfes nicht -eintreten, die Agitation vielmehr viel aufgeregter sein werde. Er verweist darauf, daß zum Beispiel bei den Kausmannsgerichtswahlen nicht weniger als Pools Listen ausgestellt seien. Er beantragt, daß für jeden Wahlvorschlag mindestens 500 Unterschriften von wahllerechtigten Gemeindemitgliedern b.agebracht lverden müssen. Herr Hlstizrat Breslauer bittet, es bei 500 zu belassen und spricht die Meinung ans. daß man bei der ersten Wahl nach dem neuen nur vier Listen haben werde. Herr Willibald Löwen that v rlveist daraus, daß auch die Anhänger des Parochialshstems für das Proportionalivahlsvstem seien, und durch dessen Einführung daher die Einheitlichkeit der Gemeinde gestärkt lverden würde. Auch Herr S i egsried Lachs, der insbesondere die großen Schwierigkeiten betont, die sich m der Praris noch ergeben werden, kann der Vorlage nur mit bangem Herzen zustinnnen. Ebenso gibt Herr Direktor Dr. M i n - d e n zu, daß man mit der Einführung des Proportionallvahtrechtes einen Sprung ins Dunkle mache. Herr Professor Kali scher ist höchst besorgt, lvie es lverden wird. Er habe leider die Vorlage noch liicht genau stlldierell fömicn uild wird sich daher der Abstimmung enthalten. Es handle sich hier um eine Statutenänderung, lind er bitte, die zweite Lesllng frühestens für die Maisitznng anznsehen. Herr Jnsti.zrät Li li e n t h a l verweist darauf, daß es sich nur um die Vorbereitung einer Statutenänderung handle, nicht um eine Statutenänderung selbst. Es sollen durch die Annahme der Vorlage dem Vorstand nur gewisse Direktiven gegeben lverden. Die eigentliche Statutenänderung lvird erst später kommen. Hier solle lmr beschlossen werden: ^ind Die für oder gegen die Propvrtwualwalst? Das Prvpvrtionallvahlreeht sei das beste. Im übrigen möge man es bei 800 Unterschriften fl'ir den Wahlvorschlag belassen. Schließlich lvird die Vorlage angenommen unter Ablehnung aller Abänderungsallträge. — Hieraus wird zu der Vorlage über die Festsetzung der Liturgie für die Lhil.lgoge Levetzorvstraße das folgende angenommen, nnd zivar gemäß deil Ailträgen der Kommission: Für die Synagoge Levetzowstrasze lvird das Gebetbuch der Synagoge Fasanenstraße eingesührt mit der Maß-, gäbe, daß am Schluß des Gottesdienstes der Rabbiner das Kaddischgebet von der Kanzel vorträgt. In den Ritus der anderen Orgelspnagogen lverden ans d-em Ritils der Synagoge Fasanenstraße die ll.'berteitungen zum Kaddischgebet und die deutsche Fassung des Olenugebets übernommen. Der Rabbiner, der die Ueberleitnngen zunl Oaddiichgebet spricht, trägt auch das Kaddischgebet von der Kanzel selbst vor. Des weiteren lvird der Antrag Löwenthal angeilvmuleil: Aul Eingang des Sabbats soll der Psalm 95 hebräisch vorgetrageil lverden, ablvechsetild volll Ehor lGemeinde) und Kantor, lvie in den alten Orgetsynagvgen. Daran schließt sich das deutsch? Sabbatgebet des Rabbiners. Sodann lvird beschlossen, den Gemeindevorstand zu ersuchen, die Herren Rabbiner aufz-ufordern. Abänderungsvorschläge fl'ir das Barnlizwahgebet zu machen. — Der Tarif für die Vermietung der Plätze in der Synagog? Levetzowstrasze lvird angenommen. Es lverden 998 Herrenplätze nnd 1084 Damenplätze im Gesamtwerte von -10 828 Mark vorhanden sein. Es foTnon dann Wahlen. In die Redaktionskvmlnission werden lviedermn die Herren Geheimrat B l n m e n t h a l, Professor K a l i s ch e r nild als Stellvertreter die Herren Professor Blas ch k e und Dr. M. G i n s b e r g ans drei Jahre wiedergewählt. In deil Vorstand der Synagoge Levetzowstrasze lverden teitlveise mit Zettellvaht die Herren Bernhard Heß, Gustav Leseb e r , Mar Beer, Ismar H a in b ll r g e r uild Tr. Eugen I s r a e l geivählt, ferner in die Ltistlnigskonnnission die Herren Rabbiner Dr. W a r s ch a ner , Sani tatsrat Tr. P. F n ch s , Emil N n r n b e r g , Maurice M a n e s und Baumeister K u z n i tz k y , und in die Verant „ Stelle des verblichenen Herrn Julius Evhn Herr Max U n g e r - Eharlottenburg. Zum Schluß wurden noch einige kleine Beträge zur Deckung notlvendiger Ausgaben bewilligt. Damit schloß die öffentliche Sitzung, eine geheime folgte. 22 Berlin, 17. Februar. Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts Hinallsgehendes Wissen ans dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen lvollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde eingesetzten K o m m ission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte, Hebräisch, jüdische Geschichte, Neligionslehre, Religionsphilosophie und Einleitnngswissenschasten. Gesuche um Zulassung zur Prüfung sind zu richten: An den Schul- und Talmud-Thora-Borstand der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfungsreglements verabfolgt. E. S. Berlin, 17. Februar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 5. d. M. Professor Dr. Moritz Svbernheim einen Lichtbildervortrag: Streifzüge durch Syrien. - Syrien lvar iminer etn Dnrchgangsland, nie von einer einheitlichen Bevölkerung bewohnt. Nach der Mitte des zlveitell vorchristlichen Jahrtausends treteil die nichksemitischen Hethiter, dann die Aramäer ans. Seit 877 v. Ehr. politische Herrschaft der Assyrer. An der Westküste haustell semitische Kanalliter, Phöllizier, Juden. David ver leibte einen großen Teil von Syrien seinem Reiche ein. Im Jahre 605 v. Ehr. wird cs eine Provinz von Babylon, 589 von Persien, 301 selbständig durch die Seleuciden, die Nachfolger der Herrschaft Alexanders des Großen, 64 v. Ehr. römische Provinz. Seit 684 n. Ehr. kommt die arabische Herrschaft, daun vorübergehend die der Kreuzfahrer, 1510 türkische Oberherrlichkeit (von 1886 bis 1840 ägyptisch). Im Jahre 1868 entsteht die erste deutsche Kolonie. Auch'das Religionsgemisch ist sehr mannigfaltig, neben Juden und Mohmnmedanern nebst ihren Sekten kommen Griechisch-Orthodoxe, Römisch- Katholische samt ihren verschiedenen unierten Zweigen, die alten Jakvbiten, delltsche und amerikanische Protestanten vor. Das Oftvorderland ist besonders reich an Steindenkmätern und Felsengräbern. Es finden sich noch Neberrefte der phönizischen Banklinst, von welcher die israelitische abhängig ist, der Keramik nnd SteinschneideklUlst. Mail trifft weniger griechische, um so mehr aber römische Kunstdenkmater. Die altere christliche Kunst schuf große Basiliken. Amh die großartigen Burgen der Kreuzfahrer trotzten vielfach den Stürmen dcr Zeit. Vornehmlich ans die Kunstdenkmäler ging Redner in geistreicher, von tiefer Wissenschaftlichkeit zeugenden Weise ein. Die zahlreiche Zuhörerschaft zollte dem Redner lebhaften Beifall. eil. Thorn, 18. Februar. Am 4. d. M. konnte der weit über das Weichbild unserer Stadt bekannte Rentier, Herr Adolf Jacob, ans eine 25 jährige segensreiche Wirksamkeit als Repräsentantenvvrsteher der hiesigen Synagogengemeinde zurückblicken. Den Kollegen des Jubilars wie dem Gemeindevorstand bot dieser Tag die gewüuschte Veranlassung, ihrem langjährigen Leiter einen kleinen Tankestribnt zu zollen. Zu diesem Zwecke hatten beide Körperschaften beschlossen, Herrn Jacob ein kostbares Geschenk in Gestalt eines silbernen Pokals zu stiften. Bei der Ueberreichung dieses Geschenkes ergriff Herr Justizrat Radi im Aufträge des Borstandes das Wort zu einer gefühlvollen Ansprache, in welcher er die Verdienste des Jubilars mit das hiesige Gemeindewesen hervorhob. Streng in der Handhabung der Formen, besonnen und willig nach innen und außen schädliche Reibungen zu vermeiden, ist es Herrn Jacob gelungen, die Verhandlungen als Streit der Ideen und der Tatsachen zu behandeln, unbeeinflußt von persönlichen Neigungen. — Herr Sanitätsrat Dr. W o lp e sprach im Namen des Nepäsentautenkollegiums nnd wies aüf die vornehme Gesinnung hin, mit der der Jubilar die Geschäfte der Gemeinde leitete und ein harmonisches Zusammenwirken mit dem Vorstand zu erstreben sich bemüht hat. — Den Schluß bildeten die sinnigen Worte des Herrn Rabbiners Dr. No send erg. Der Jubilar dankte in bewegten Worten und versprach, daß, solange Gott ihm seine Frische und Rüstigkeit erhalte, er auch fernerhin dem Heil nnd Gedeihen der Gemeindeangelegenheiten seine Kraft widmen werde. - Abends fand in der Aula des Gemeindehauses ein Kommers statt, an dem sich der überwiegende Teil der Gemeinde beteiligte. Herr Justizrat F e i l ch e n f e l d entrollte in längerer Rede ein Lebensbild