Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 4 Barlin, 23. Januar 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pfeis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 )TT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Negierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Auäolt Alosse, SerUn, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu rich en. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Soziale Ethik im Judentum. Von Großherzogl. Rabbiner IJUiJUU* Dr. Lewit, Alzey. — Die Woche. — Die Jüdin. Besprochen von Ludwig Geiger. — Herberge für jüdische Durchreisende. Von Eska. — Was haben die christlichen Theologen und Priester aus dem Judentum genommen und womit dafür gezahlt? Von Tr. Marens Landau. — Jüdische Lehrkräfte im höheren Lehramt Preußens. Von Dr. Willy Cohn. — Feuilleton: Ter Familiant. Roman von Gustav Karpeles. — Sprechsaal. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Guben. Rybnik, Breslau, Aus der Provinz Posen, Hannover, Wien, Florenz. — Bon Rah und Fern. Lo-islr Ethik im Judentum. Von Großherzogl. Rabbiner Dr. L e >v i t, Alzey. er Verband der dentschen Inden hatte zur fünften Hauptversammlung mit 9. November 1918 unter dem Titel „Soziale Ethik im Judentum" eine Sammlung vvn Aussätzen erscheinen lassen, die aus der Feder anerkannter jüdischer Gelehrten hervvrgegangen sind. (Schon jetzt ist eine zweite Auflage der Schrift notwendig geworden.) In leicht faßlicher Darstellung haben es die Verfasser verstanden, gerade die Probleme der Religion, die in. der Gegenwart im Vordergrund des allgemeinen Interesses auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stehen, uns vorzuführen. Wir erfahren aus Zitaten, die der Bibel und dem reichen jüdischen Schrifttnm entnommen sind, wie das Judentum in seinem innersten Wesen nichts anderes als Menschenfreundlichkeit ist, und wie schon vor Jahrtausenden Fragen, die das i>'V n der Gegenwart in seinen tiefsten Gründen bewegen, im Judentum beantwortet sind im Geiste wahrer Humanität und echten Fortschritts. Der Verband, der als Vertreter der deutschen Judenhcit dafür kämpft, daß den deutschen Juden und ihrer Religion ihr Recht werde, führt in dem Geleitworte des Buches ans, „daß die Anschauungen und Grundsätze über die sittlichen Beziehungen menschlicher Gemeinschaft, die die Kulturwelt unserer Tage mit ihren besten Kräften sich erkämpft, jedoch noch keineswegs verwirklicht hat, im Judentum zuerst sich der Menschheit offenbart haben, in Lehren, deren lichte Höhe seither noch keine Weisheit, keine Glaubenslehre überflogen hat. Von allznvielen wird dies verkannt und das Judentum darum nicht nach Gebühr gewertet." - Das Buch führt durch alle Abhandlungen den Beweis, daß das Endziel der Lehre des Judentums in allen Ausstrahlungen Milde und Nächstenliebe sind. Nicht nur außerhalb unserer Religionsgemeinschaft, sondern auch im eigenen Lager ist die Zahl derer groß, die die jüdische Lehre aus Unkenntnis geringschätzen. Die Folge davon ist der Jndifferentismus gar vieler unserer Glaubensgenossen, die, sonst ausgerüstet mit dem Rüstzeuge weltlicher Bildung, dennoch vom Judentume nichts weiter wissen als einige Formen und Gebräuche, deren Sinn sie niemals verstanden haben, und von der jüdischen Geschichte nur die Vorwürfe kennen, die von den Feinden zu ihnen gekommen sind. | Diese Unwissenheit aber ist die schlimmste Krankheit, hier! müssen alle Hebel angesetzt werden. Gewiß wird in unserer Zeit viel getan zur Hebung dieses Uebelstandes nicht nur in Schule und Haus, sondern auch in Vereinigungen, allein, es fehlen noch immer volkstümlich geschriebene Bücher, die das gesamte Gebiet der Religionswissenschaft nach dem Stand der modernen Forschung zur Darstellung bringen. Ich denke dabei an die religivnsgeschichtlichen Volksbücher des in diesem Jahre zu früh verstorbenen Berliner protestantischen Predigers Schiele, des genialen Herausgebers des Handwörterbuchs „Die Religion in Geschichte und Gegenwart". Ans den besten Federn von Fachmännern hat er gegen achtzig einzelne Volksbücher zur Bibel und Religionsgeschichte veröffentlicht, von denen eine halbe Million Exemplare durch den Buchhandel verkauft ist. Es ist gar nicht zu ermessen, welchen Einfluß auf die religiöse Aufklärung diese kleinen billigen Schriftchen geübt. — Ein solches Kampfmittel in so großem Umfange fehlt jedoch noch auf jüdischer Seite. Unser Buch „Soziale Ethik" sucht in neuen Aussätzen der Erfüllung dieser Aufgabe näher zu kommen. Der erste Aufsatz (S. 9 bis 1ö) betitelt „Die Schöpfung des Mitmenschen" von Rabb. Dr. Baeck in Berlin, gibt in folgenden kernigen Worten den Begriff des Mitmenschen: „Wer immer ein anderer ist, mag er fern oder fremd oder auch feindlich zu mir stehen, er gehört zu mir, als Wesen von meinem Wesen, mit mir von Gottes wegen verbunden. Ich kann an mein Leben glauben, nur wenn ich an das seine glaube. Nur wenn ich vor ihm Ehrfurcht hege, habe ich die Ehrfurcht vor dem, was das Beste, das Menschlichste in mir ist. Damit ist erst der Mitmensch geschaffen: Ich und der andere als sittliche Einheit. Der jüdischen Religion ist das Leben des Einsamen, in wie erhabenen Gedanken und Empfindungen es auch aufgehen mag, ein Stückwerk nur; ihm fehlt zur Bewährung des Menschentums der Menschenbruder." In der folgenden Arbeit „Staat und Gesellschaft" (S. >6 bis 3ö) von Dr. Bernfeld' in Charlottenburg heißt es: „Die sozialen Forderungen des Judentums bedeuten eine völlige Umwälzung im Reiche der Ethik, eine Umwertung der sittlichen Werte. Ueber dem eigenen Interesse steht das der Gesamtheit, und im Widerstreit der Interessen entscheidet nicht die Rücksicht auf das eigene Ich, sondern die Gerechtigkeit und die Menschenliebe, die, göttlichen Ursprungs, zur sittlichen Pflicht geworden ist und durch die staatliche Gemeinschaft Rechtskraft erhalten hat." Die dritte Abhandlung „Recht und Rechtspflege" (S. 36 bis 50) ist vvn dem Vorsitzenden der Vereinigung für das liberale Judentum, Justizrat Bernhard Breslauer in Berlin. Er führt darin aus, daß das jüdische Recht viele Schutzvorschriften kennt, zu denen sich die heutige Zeit erst mühsam hat durchringen müssen. „Am charakteristischsten tritt bei ihm gerade in der Behandlung des Dienst- und Werkvertrages