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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 Und mögen wir bei dieser Betrachtung nicht ans dem Auge vertieren, daß gerade jener religiöse Denker, in dem der jüdische 'Aist, freilich zu feiner Zeit noch in seiner national beschränkten ,^orm, zum Ausdruck gekommen ist, daß I e h u d a H a - T e w i, der Dichter und Denker, unser klassischer Gewährsrnunn ist in der Ablehnung dürrer dogmatischer Scholastik und in ihrer Ersetzung durch die Berufung auf die lebensfrische Tradition, in der allein die wirkliche Religion lebt und wirkt. Seinen Gedanken fühlen wir in Moses Mendelssohn nachivirken, dessen Jugendlehrer Verfasser eines tiefgehenden Kommentars zum Chasarenbuch Jehuda Ha-Lewis ist. Da nun das Leben in der Religion von dem Bewußtsein der (Entwicklung der Tradition nicht zu trennen ist, drängt sich dem gebildeten Bekenner ein wichtiger Folgesatz mit dem ernsten Anspruch auf, gerade auf dem Standpunkte, auf dem wir damit stehen, seine Berücksichtigung als Hauptsache zu betrachten. Wir stehen auf historischem Standpunkte. Unser religiöses Bewußtsein ist miterzeugt in theoretischer Beziehung von historischen Erwägungen, in Praktischer durch entwicklungsgeschichtliche Vorgänge. Noch mehr als den Dogmatikern muß demnach uns T r a d i t i o n i st e n bie wissenschaftliche Pflege unseres Altertums am Herzen liegen. Denn die Erziehung für dies traditionistische Bewußtsein ist unzertrennlich von der Erziehung zur Würdigung des Altertums in seiner historischen Bedeutung, Wichtigkeit, Weihe und Heiligkeit. Die über das Riveau verworrener Schwärmerei und unklarer Romantik sich erhebende Pietät für dasselbe wird erworben nicht durch rückwärtsschauende Sentimentalität, sondern durch ernstes, wahrheitsspähendes Studium. Nur dies wird unsere Achtung und (liebe für den durch das Blut von Märtyrern bezeichneten Entwicklungsweg unserer Traditionen befestigen. Da ist in erster Reihe die heilige Sprache, in der die ältesten Dokumente und Offenbarungen unserer Ueberlieserungen festgesetzt sind; dann die Dokumente selbst, ausgespeichert in einer Literatur, deren jeder Buchstabe Resignation und ethischen Opfermut atmet, die ältesten Monumente unserer Ueberlieserungen und ihrer Deutungen, wie sie unsere Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten ihrer Zeit entsprechend ausgestaltet haben. Die achtungsvolle Versenkung in jene Sprache und jenes Schrifttum darf in dem Erziehungsplan derer nicht fehlen, deren religiöses Bewußtsein sich nicht mit starrem Gegebenen deckt, 'andern Resultat historischen Erkennens ist und sich in der Pflege der in rastlosem Fluß begriffenen und in wirksamem -eben sich betätigenden Ueberlieserungen offenbart. Möge gerade das gebildete Judentum diese Tradition nicht aus dem Strome lebendiger Entwicklung verschwinden lassen. K&L Der familiant Eine Geschichte aus der Gasse. Von ©IIstav Karpeles. III. Und man wunderte sich in der Gasse gar nicht darüber. Erstens kannte die Gemeinde ihren Parnes nur zu gut und wußte, daß mit des ersten Vorstehers Mächten kein ewiger 'Bind zu flechten sei, und daß das Unglück schnell schreitet legen den Verletzer der Vorstehergewalt, und zweitens lag > ja in der Natur der Sache, daß der stolze Jsak die Schande, ie ihm der arme Joel da angetan, furchtbar rächen werde. Warum hat er sich auch so frech gezeigt, als ihm Fortuna ewinkt und für sich und seine Tochter eine so rosige Zukunft msmalte? Warum? Fragt den Vogel, warum er singe, fragt das Herz, warum es liebe und — hasse? Und die verschmähte Liebe Jvssefs war auch nicht wählerisch in ihren Mitteln, in ihrem glühenden Hasse, dem Nachzügler glühender Liebe. Verschmähte Liebe ist bei edlen Natnren gefahrvoll, ein Dolch, geschwungen über dem Haupte des geliebten Wesens, um wie viel mehr erst bei rohen Naturen, wie Jvsfef eine war. Von Jugend auf in Wohlstand, ja in Luxus erzogen und, als das einzige Kind des reichsten und vornehmsten Mannes der Gasse, von Eltern und Lehrern, ja der ganzen Gemeinde verhätschelt, ohne jeden Lehr- und Wissenstrieb, nicht gewohnt, zu leiden und zu entbehren, ein Rvuö der Judeugasse, ein Dandy des Ghetto-und nun kam so ein armes Mädchen aus dem „Gürtel" und weigerte sich, ihn zu heiraten . . . Und je mehr sie sich geweigert hatte, desto mehr war er ihr nachgelausen, bis dann endlich die offizielle Abweisung des Vermittlers durch Vater und Tochter erfolgt war. Das größte Glück bei der ganzen Sache war nur, daß damals keine Seele in der Gasse eine Ahnung von den Dingen hatte, die täglich in der Dämmerung lauer Sommerabende am Teich in der Eck des Gürtel vorgingen, mit einem Worte von dem Liebesverhältnisse Meier Herzfelds und Vögele Rebellers, das selbst dem wachsamen Auge des Gesetzes, einer Vögele Ochs, damals noch vollständig unbekannt war. Das hätte Jossef nicht ertragen, einem Meier Herzseld hintenangesetzt zu werden, dem größten Schlemihl der Genreinde, so einem verdorbenen „Bocher" und armen Dorfgeher er wäre in der Wahnsinnsglut der Eifersucht und verschmähten Liebe vielleicht gar zum Mörder an dem armen Meier geworden. Erst ein Jahr später wurde dies Verhältnis allgemein bekannt und — belächelt. Aber wie gesagt, Jossef Veigelstock hatte damals keine Ahnung davon, und Vögele Ochs zum Glück auch nicht, ebensowenig Löb Tugendreich. Man zerbrach sich wohl den Kops über diese Zurückweisung, diesen Bettelstolz — aber zu einer ausreichenden Erklärung dafür konnte man nicht koinmen. Vögele Rebeller erhielt fortan wegen ihres vermeintlichen Stolzes den Spitznamen „die Prinzessin", unter dem sie in der Gasse allgemein bekannt wurde. Sie war aber auch eine Prinzessin, voller Anmut, Würde und Hoheit, eine liebliche Maid, erzogen in Elternliebe und Gottesfurcht und geläutert in den Prüfungen der Armut und — der Liebe. Seht, wie sie da neben dem schlemihligen Meier einhergeht, und spottet dann weiter ihrer — der „Prinzessin!" Doch lassen wir sie nach Hause gehen in Begleitung ihres Meier, wie wir sie eben in die Gasse einbiegen sahen. Schon ist der liebe „Sabbat" zu Ende; die Leute gehen aus der „Schul", und man wartet ihrer zu Hause. Sie ist also sehr beschäftigt; nun singt sie stets mit ihrer Mutter das bekannte Lied: „Gott von Abraham, Jsak und Jakob, Behüt' dein Volk in deinem Lob, Die liebe Woch' soll uns bekummen. Zu Glück und Segen und Frummen Und zu allem guten Gewinn; Amen!" Halten wir sie also nicht auf, sondern wünschen wir dem jungen Liebespaar aus ganzem Herzen ein volltöniges „Gut' Woch'", wie es da die Leute einander zurufen, die aus der „Schul" konunen, und erzählen wir inzwischen unseren Leser», was das eigentlich ist, eine — „Familie". * Wenn zwei Menschen sich lieben, so heiraten sie sich, das ist so in der Regel oder auch nicht; wenn zwanzigtausend Gulden

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