Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 einzelnen und dadurch, wie er dasselbe in der Erziehung einer Familie widcrspiegeln läßt. Die Anerkennung der Autonomie des individtrellen Religionsbewußtseins gegenüber der Forderung einer scheinbar zeitgemäßen, dabei aber wieder ans die dogmatische Verknöcherung und Verkrüppelung des Traditionellen ausgehenden Ordnung der Religionstatsachen ist ein logisch notwendiges Evrollarium dessen, was wir als Wirkung der lebendigen Ueberlieferung betrachten. Wir erleben dabei sreilich das Schauspiel tausendartiger Mannigfaltigkeit aus einem Gebiete, das man fälschlich als den umfriedeten Raum ewig unveränderlicher, gleichmäßiger Ordnungen betrachtet. Aber in jener individuellen Mannigfaltigkeit pulsiert ja jedes Leben und so auch die lebendig fortwirkende, durch unsere geistige Mitarbeit sich immer neu schaffende Tradition. Indem nur hier nun, wie Sie sehen, zweierlei Betrachtungsweisen der Religionstatsachen einander gegenüberstellen, den T o g m a t i s m u s und den T r a d i t i o n i s m it s , wird es uns auch aus allgemeinen sittlichen Rücksichten nicht schwer, der letzteren den Vorzug vor der ersteren zu geben. Ter Dogmatismus tritt mit dem Anspruch auf, im unbestreitbaren Besitze der Wahrheit zu sein; er schließt seiner Ratur nach alle dogmatischen Festsetzungen ans, die, in einem anderen Kreise mit demselben Anspruch entstanden, gepflegt und gelehrt, seinen eigenen Formeln widerstreben. Das Dogma V a ist der unerbittliche Feind des Dogmas - - a. Sie bekämpfen einander mit Feuer und Schwert itnb Tinte. Tie Toleranz, die innerhalb dieser Religionsart wohl auch möglich ist, gleicht einer notgedrungenen, durch andere Mächte abgerungenen Konzession; sie ist ein schweres Opfer, das der Dogmatismus den Notwendigkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens bringt, oder das Eingeständnis seiner eigenen Schwäche. Die traditionistische Auffassung tritt nicht mit dem Ansprüche auf Ausschließlichkeit auf. Nichts ist ihr fremder als der Spruch: Bei mir allein ist Seligkeit. Sie richtet nicht über Paradies und Hölle. Was sagt sie denn? Sie sagt: Ich habe von dahingegangenen Gellerationen, in deren sittlicher Kontinuität ich stehe, Gedanken und Einrichtungen ererbt, welche das innere Leben dieser Ahnenreihe beseligten, ein Organ lvaren ihres durch die Jahrhunderte itnb Jahrtausende erprobten sittlichen Edelmutes, ihrer idealen Lebensbestrebungen. Das Göttliche in ihrem Leben, in ihrem persönlichen Verhalten und ihrem Fanülienzusanunenhange hat sich in der Form jener Gedanken und Einrichtungen ausgeprägt. Sie haben ihren Weg durch die Geschichte gernacht, haben in ihrer Entwicklung die intellektuelle Farbe angenommen, die ihr die aufwärtsstrebende Gestaltung des menschlichen Geistes mitgeteilt hat, mit der sie niemals in Widerstreit geraten können. Jene Traditionen in Gedanken und Einrichtungen wirken fort in uns als religiöse Gedanken und religiöse Einrichtungen. Sie verleihen unserem Idealismus die sittliche Weihe und Festigung der historischen Kontinuität. Damit ist ein Werturteil garlz subjektiver Art abgegeben ohne Aufdringlichkeit, ohne Anmaßung, ohne Eingriff in die Traditionssphüren anderer. Wir dozieren nicht, wir dogmatisieven nicht, wir polemisieren nicht. Im Gebiete des religiösen Lebens geben wir nicht Antwort auf die Frage: Was ist wahr in Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaft, Geologie und Altertumskunde? wir geben Antwort auf die Frage: Welche Gedanken und Einrichtungen haben das Leben der Vorfahren, deren geschichtliche Erben wir sind, veredelt, den Frieden ihrer Seele gefördert, gegen die Schläge des Schicksals gefeit, dem Göttlichen näher gebracht, damit wir sie auch in unserem eigenen Leben betätigen, tn unserer Familie veranschaulichen und auf dem Wege der Erziehung den nachfolgenden Generationen überliefern? Wir leben damit ein inneres Leben. Und wessen wir vom Werte unserer Traditionen für die Idealisierung, Versittlichung und Beglückung des Leberts überzeugt sind, dasselbe gestehen wir auch den Ueberlieferungen anderer Kreise zu. Jede Religionsform ist die Ausprägung von Ueberlieferungen. Jede ist eine „Fasson der Seligkeit". Diese Anschauung trägt die Duldung, die Toleranz in ihrem Keime; sie ist mit ihr begrifflich verbunden; sie wird ihr nicht als Konzession abgerungen. Unduldsamkeit, Mißachtung, Verhöhnung oder gar lieblose Verfolgung der Überlieferungen anderer sind auf einem solchen Standpunkte nicht nur ethische Verirrung, sondern auch logische Absurdität. Wenn wir nun auch die Frage stellen, in welchem Verhältnis unser eigenes überliefertes Bekenntnis zu den Forderungen einer solchen Religionsauffassung steht, so können wir antworten, das; seine Stellung zu demselben eine günstige ist. Seine reichen Traditionen haben in einer jahrtausendelangen Vergangenheit die Probe abgelegt ihrer E n t w i ck l u n g s - f ä h i g k e i t, das heißt also, ihres Berufes zum tätigen Leben, ihrer Tendenz, tu die Forderungen jeder Zeit und jeden Ortes einztchehen, ihrer Fähigkeit, mit den Fortschritten geistiger Bildung Schritt zu halten. Unabhängig von örtlicher und zeitlicher Beschränktheit, sind sie nicht ausschließlich mit einer bestimmten Epoche der Geschichte verbunden und haften nicht an einer bestimmten Form der Kultur, deren Ueberwindung ihre Selbstzersetzung herbeiführte. Würden sie sich hingegen der Entwicklung abkehren, würde sich innerhalb derselben das religiöse Leben der Gegenwart nicht als überlieferndes Nt i t t e l g l i e d in der unendlichen Kette der Traditionsentwicklung erkennen, so liefen sie Gefahr, in Unwirklichkeit zu erstarren, das Bild einer Phantasmagorie darzüstellen, detn in der religiösen Seele nichts Reales entspricht. Und die günstige Lage unserer jüdischen Religion den hier angedeuteten Ideen gegenüber zeigt sich auch in der Tatsache, daß ihr von allem Anfang an der Dogmatismus fremd ist. Ich spreche diesen Satz mit voller religionsgeschichtlicher Ueberzeugung aus, und es ist mir nicht unbekannt, wie lebhaft seinerzeit um die Fragen gestritten wurde, ob das Judentum Dogmen habe oder nicht - eine im Grunde recht müßige Frage. Die Verfechter der negativen These konnten sich als auf einen klassischen Gewährsmann auf Moses Mendelssohn berufen, der in einer berühmten Stelle seines „I e r u - s a l em" aus dem Gesichtspunkt des Judentums das Dogmenwesen ablehnt. Dagegen gab es auch immer Verteidiger des letzteren als Regulators der jüdischen Religion. Diese konnten jedoch zur Verteidigung ihrer These von der Dogmenhaftigkeit des Judentttms nur literarische Argumente beibringetU). Bewiesen wurde nur die unbestreitbare Tatsache, daß die jüdische Religionsliteratur eine ganz ansehnliche Reihe von Schriften aufweisen kann, in welchen unsere Denker versuchten, unter mitwirkendem Einfluß ihrer philosophischen Bildung den Lehrinhalt des Judentums in ganz subjektiver Weise zu fixieren, nicht ohne von anderen Denkern, die anderen Methoden folgten, bekämpft oder widerlegt zu werden. Die Veranlassung zu solchen Formulierungen bot zumeist die Nötigung zur Abwehr, weniger das Bedürfnis nach positiven unabänderlichen Festsetzungen in theoretischen Bekenntnisfragen. Es gab also dogmatische Versuche in der Literatur, nicht aber definitive kirchliche Feststellungen für die eine oder die andere Formel. Das Judentum war stets der Inbegriff lebender Traditionen, nicht ein System von Dogmen. Die Hauptsache bildete stets das Stehen innerhalb der ererbten Ueberlieferung, der Gedanken, deren Trägerin zu sein die historische Mission des Judentums war und ist. *) Vergl. Leopold Löw, „Jüdische D o g m e n", Budapest 1870.