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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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.uif Staatskosten hatte; nur die Israeliten besitzen in den meisten ZLüdten keine Volksschulen, weshalb ihnen auch durch Erteilung des Aeligionsimterrichts beträchtliche Kosten erwachsen. Soll Hebräisch unterrichtet werden, so ist besondere Genehmigung erforderlich. Der jüdische Lehrer ist mittelbarer Staatsbeamter, seine Anstellung, Verätzung hängen von der königlichen Oberkirchenbehörde ab. Der Lehrer führt den Vorsitz in der Kultusgemeinde. Im großen und ganzen ist nach den Darlegungen der Referenten die Lage der jüdischen Religionslehrer im weitaus größten Teil unseres deutschen Vaterlandes, namentlich in Preußen, die denkbar schlechteste und die Forderungen sämtlicher Referenten gipfelten in dem einen Gedanken, mit allen Machtmitteln aus eine staatliche Regelung hinzuwirken. Tie vorgeschlagene Resolution wurde nach einigen Abänderungen in folgender Fassung angenommen: Der sechste Verbandstag fordert im Interesse des Staates, des Judentums und der israelitischen Lehrerschaft: 1. Die rechtliche Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichtes mit dem der christlichen Bekenntnisse. 2. Die Gleichstellung der jüdischen Religionslehrer nach Pflichten und Rechten mit den Volksschullehrern ihrer Ortsgemeinde. Der Verbandstag beauftragt den Geschäftsführenden Ausschuß, geeignete Maßnahmen zur Erreichung dieses Zieles zu ergreifen. Ihren Höhepunkt erreichte die Tagung bei der Besprechung des Verhältnisses zwischen dem Lehrerverbande und dem Gemeindebunde. Bei fast allen Rednern zeigte sich eine große Verstimmung, bei einigen sogar heftige Erbitterung über die Art der Behandlung einer selch wichtigen Frage seitens des Gemeindebundes. Viele Redner sprachen sich für einen radikalen Beschluß aus, nur die Berliner Herren Delegierten plädierten für eine Mäßigung — int Interesse des Friedens. Die Stellung der Versammlung wurde ganz klargekennzeichnet in der einstimmigen Annahme folgender Resolutionen: Der Verbandstag hält zur Sicherung der inneren und äußeren Freiheit des Verbandes eine A e n - d e r u n g seines bisherigen Verhältnisses 3 u nt D c 111 sch -Israelitischen Gemeinde b und s ü r n 0 t - w endig. Ter V e r b a u d nimmt K e n n t n i s d a v 0 n , d a ß der Deutsch-Israelitische G e m e i u d e b u n d auf die Entsendung eines Vertreters in den g e s.ch ä f t s f ü h r e n - de n A u s s ch n ß des Lehre r v e rb a n d e s verzichtet hat und beschließt, n u n m e h r a u ch s e inerseits auf di e bisherige Subvention seitens des Deutsch-Jsrae-! i t i s ch e n Gemeindebundes Verzicht zu l e i st e u. Der Le h r e r v e r b a n d e r k l ü r t sich bereit, z u r Förderung der gemeinsamen Interessen mit dem L e u t s ch - I s r a e l i t i s ch e n G e m e i n d e b u n d e in A r - 0 e i t s g em einsch af t zu bleiben und beauftragt den Ehrenvorsitzenden und den Vorsitzenden des Versandes, d a r ü b e r in i t dem A u s s ch u ß des Deutsch- /israelitischen G e m e i n d e b u n d e s in V e r h a n d l u n g;u treten. Rothschild, Achim, regt die Gründung je eines Erholungs- Ruins für jüdische Lehrer an der See und im Gebirge an. Ferner Ichlägt er als Verbandsthema für die nächste Periode vor: „Grüni> mt g von Volksschulen au ch in kleineren und mittleren Städten" und gibt folgende Begründung an: Um diese Forderung in die Tat umzusetzen, ist es erforderlich, daß wir die Landflucht bekämpfen, respektive das flache Land wieder besiedeln. Zwecks Sammlung und Sichtung des einschlägigen Materials über Ansiedelungsmöglichkeiter^ Niederlassungsgelegenheiten und Rentanlität der zu begründenden Betriebe landwirtschaftlicher, handwerkicher und industrieller Art beantragt er die Bildung einer Gruppe innerhalb des Verbandes, bestehend aus einer Anzahl sich freiwillig meldender Mitglieder jedes Vereins, die Verständnis für die Materie .md Lust zur Mitarbeit haben. Diese Gruppe ist durch Hinzuziehung on Interessenten aus änderen Berufskreisen zu erweitern. Auf dieser - reiten Basis kann das große Werk erstehen. Den von Kollegen Becker, Wollstein, angeregten wirtschaftlichen weckverband für die Ostmarken achte ich insofern für verfehlt, als a Fehlschlag dieses Versuches noch lange kein Beweis für die Un- > nchführbarkeit unseres Projektes ist. Ich möchte die Frage mit nee Maschine vergleichen, die nur dann funktionieren kann, wenn üe ihre Teile in Bewegung gesetzt werden. Die gesamte deutsche mudenheit muß in gleicher Weise uub zu gleicher Zeit für diese Frage interessiert und Versuche müssen an verschiedenen Orsteu zugleich gemacht werden. Gelingt uns der Plan nicht, dann müssen Nur allmählich mit der Auflösung des jüdischen Lehrerstandes rechnen und mit allen uns zn Gebote stehenden Mitteln die Schließung der Seminare erzwingen, weil wir keine Religivnslehrer ausbilden lassen wollen für Stellen, die mit 500 bis 1000 Mark dotiert sind. Wie sieht es denn heute aus? Unsere intelligenten Lehrer lassen sich einige Jahre auf bessere Stellen vertrösten und wechseln hierauf ihren Beruf, und die minderbefähigten Elemente verblieben dem Lehrerstande. Rach den gegenwärtigen Verhältnissen wird sich auch nur minderwertiges Material für die Ausbildung zum Lehrerbernf mit seinen verlockenden Aussichten auf die Zukunft finden lassen. Ist ein solcher Lehrerstand dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und verwandten Verbände erwünscht? Die Volksschule als die einzigste Institution, in welcher uns volle Gleichberechtigung zuerkannt ist, muß das erstrebenswerteste Ziel aller Verbände bleiben. Wir wollen auf eine Besserung der Verhältnisse hoffen und an der Herbeiführung nach Kräften Mitarbeiten. Der Verbandsbeitrag wird aus 3 M. erhöht. (Antrag Steinhardt s.) Zum Schluß referieren noch Herr Mannheimer, Graudenz, über Normalvertrag und Schiedsgerichte und Herr P e r i tz, Königsberg, über Angestelltenversicherung. Schluß der Tagung 9 Uhr. Kurz vorher sprach noch Kollege Auerbach, Berlin, dem Verbandsvorstande, insbesondere .Herrn Rektor Feiner für seine aufopfernde Tätigkeit in der letzten Verbandsperiode und für seine umsichtige objektive Leitung des 6. Verbandstages den Dank der Versammlung aus, der in ein begeistertes Hoch auf den Verbandsvorstand ausklang. Ein Teil der Delegierten folgte am Mittwoch der Einladung zn einem Ausfluge ins Riesengebirge, der die Teilnehmer in hohem Maße befriedigte. Es waren wirklich erhebende Stunden, die wir in Breslau verleben dursten und jeder trat die Rückreise in seinen Wirkungskreis an mit dem Bewußtsein höchster Befriedigung. Sind auch die Aussichten aus eine bessere Zukunft für den jüdischen Lehrer noch stark getrübt, so bürgt doch der einmütige Geist der jüdischen Lehrerschaft dafür, daß sie den richtigen Weg zu einer besseren Gestaltung der Verhältnissen finden wird. Ich schließe meinen Bericht mit den beherzigenslverten Worten & ichtes : „Wir müssen über die großen Ereignisse unserer Tage, ihre Beziehung auf uns und das, was nur von ihnen zu erwarten haben, mit eigner Bewegung unserer Gedanken Nachdenken und uns eine klare und feste Ansicht von allen diesen Gegenständen und ein entscheidendes, unwandelbares Ja oder Nein über die hierhersallenden Fragen verschaffen; jeder, der den mindesten Anspruch auf Bildung macht, soll das." Unsere Devise laute auch fernerhin: f ü r R eligi 0 n, K u n st und Wissenschaft, für Wahrheit und G e r e ch t i g k e i t. Tradition und Dogma. Vortrag, gehalten in der Synagoge zn Stockholm am zweiten Neujahrstage, 3. Oktober 1913, von Ignaz Goldziher. (Schluß.) ^^amit istabergleichzeitig ein wichtiges Attribut der lebenden Tradition gegeben. Sowie sie sich nicht verträgt mit der Stabilisierung abgestorbener, im Bewußtsein der lebendigen Gegenwart haltloser Formenbildungen, sowie sic es mit aller Entschiedenheit ablehnt, theoretischen oder praktischen Normen, die nur relativen Wert besitzen, absoluten Wert zuzueignen, so kann sie sich auch nicht vertragen mit der Forderung der Unisormierung ihrer Betätigungsmomente. Die kirchliche Gemeinschaft ist eine Abstraktion; wirkliches Leben in ihr Haben das religiöse Individuum und die durch den Geist des erziehenden Individualismus durchdrungene F a m i l i e. In der Seele jedes Individuums wird die Tradition neu geschaffen und ausgestaltet, und diese Neuschaffung und Ausgestaltung sind bedingt durch das ganze individuelle geistige Leben des

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