Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 602 hat uns alles Forschen darüber im Stich gelassen. Aber dieLichtfei-er als einziges charakteristisches Moment des Chanukafestes ist geblieben. War es, daß die trübe Erinnerung an die Hasmonäerkönige ihren Schatten auf das Fest warf, oder hatte eine religiös schwächere Generation Angst, diese Feier zu einer den biblischen Festen ebenbürtigen auszugestalten, die Feier verflachte bald, hielt sich nicht lange auf voller Höhe. — Und dann kamen die Stürme herangebraust. — Das Licht Judäas war erloschen, Rom hat es zertreten, mit seinen rauhen Esauhänden zerdrückt. Und Chanuka hörte auf, das Fest flammender Begeisterung und glühender Siegeslust zu sein, die Fanfare des Chanukaliedes schloß mit Tränen und Seufzern. Ein Jubelfest?! Wozu, wofür? Lichter anzünden, gewiß, die Väter haben es angeordnet, man muß es tun. Aber nur Taten können anbefohlen werden, nicht Gefühle, nicht Empfindungen. Was seit dem Jahre 70 die Judäer an den Abenden des Weihefestes fühlten, war von dem Siegesrausch der Makkabäerkämpfe so weit, so unendlich weit! Man lachte nicht und scherzte nicht, der Jubel war verstummt, man — betete, nur, gehüllt in Schauer und zagende zitternde Hoffnung. * Und endlich erstrahlte ein neues Licht, ein ungeahntes, unerwartetes, ein Licht vom — Westen! Es schuf eine neue herrliche jungkraftstrotzende Kultur: Kunst und Wissenschaft. Und vor ihr versanken die alten Institutionen der Stände, Zünfte und Innungen, die Begriffe vom Staat, von der Gesellschaft erlitten eine revolutionäre Umwälzung, Erwerb und Handel, Verkehr und Industrie nahmen einen ungeahnten Aufschwung und aus dem armen gedrückten mißhandelten und gequälten Juden wurde ein — Bürger. Was Wunder, daß er zugleich ein blinder Schüler der neuen Kultur wurde, jener Kultur, der allein er es dankte, endlich Mensch geworden zu sein! Ergriffen und dankbar ging er auf in der Pflege der Wissenschaft, Staat und Stadt wurden sein Sinnen und Streben. Und sich des Lebens freuen, den Freiheitsbecher bis zur Neige leeren! Mit diesem nicht nur äußeren, sondern auch inneren Wandel hielt die Religion nicht Schritt. Sie, die einst zum Losungswort hatte: „Freuet euch vor dem Herrn, eurem Gott" war in den entsetzlichen Jahrhunderten eine weinende, klagende Religion geworden, mit wehmütigem, müdem Lächeln. Nun soll sie den Weg zurück zur alten Kraft, zum alten Frohsinn suchen! Und da sie nur schwer sich von der gewohnten Enge loszureißen vermochte, ward sie zur Last dem kräftigen jüdischen Jungbürgertum. Darum weg mit ihr! So wie sie war, unbrauchbar; konnte und wollte sie sich nicht erneuern, in die Rumpelkammer der Pietät mit ihr! * Wie selbstverständlich, daß die Juden nunmehr alles schön und gut fanden, worauf das Licht vom Westen fiel. Wie natürlich, daß sie als VoVLürger mit ihren Mitbürgern sich freuen und erheitern wollten. Wie anders waren doch die Feste der Christen: Feste satter, heiterer, glücklicher Menschen, die.sich gütlich taten in harmlosen, manchmal auch derberen Scherzen. Das paßte recht zum Glück der neuen Bürger! Und so begann das Mitfeiern der christlichen Feste von seiten der Juden. Die Erhebung des Sonntags und mancher hoher christlicher Feste zu allgemeinen bürgerlichen Ruhetagen tat das Seine dazu. Und das Endresultat? Der liberale Jude hält den Sonntag und die christlichen Feiertage. Allerdings nur bezüglich der Ruhe und der Lebensfreude, bürgerlich, äußerlich. -* Jedoch dem Zauber eines Festes ist er in unseren Landen auch innerlich erlegen: Tausende deutscher Juden feiern Christi Geburt und des Heilands Kommen in ihren Familien,, als wären sie Christen. Jst's recht so? Gäbe es einen , ehrlichen Christen, der das gut hieße? Wohl heißt es, man wolle, nur den Kindern eine Freude bereiten, genieße nur gleichsam den poetischen Reiz des Festabends, feine köstliche tiefe Sinnigkeit. Zugegeben! Und doch müsset ihr an diesem Abend unwahr werden, unwahr gegen euere eigenen Kinder! Wenn euch die Kleinen an diesem Abend vor dem leuchtenden Weihnachtsbaum mit ihren Fragen bestürmen, müsset ihr alle möglichen Märchen, alle inöglichen Ausflüchte zu Hilfe nehmen, um der Kinder drängendes Fragen, ihre Spannung und Neugier zu befriedigen. Wenn du ihm nicht sagen willst, wir feiern heute des Heilands Geburt, mußt du ein Märchengewebe um dein Kind spinnen, mußt ihm etwas vorstammeln, um es des schönen Abends nicht zu berauben, nach dem es angeblich verlangt. * Wo du doch so wahr sein könntest gegen dein Kind! Feiere nur nicht von Jahr zu Jahr den Abend des 24. Dezember,, sondern des 24. Kislew! Begehe das Lichtfest nicht an dem. Abend der Christenheit, sondern an dem der Judenheit! Was könntest du an diesem Abend alles deinen Kindern erzählen, den Kleinen wie den Großen! Von der Mutter mit den sieben Kindern könntest du erzählen, von Mattithjahn, dem greisen Held und seinen Söhnen, von Juda dem Hammer, von Antiochus dem Shrerkönig und seinen Feldherren, von den Griechlingen und den Frommen, von den gewaltigen Kämpfen und ihrer Bedeutung, von der Tempelweihe und dem Oelkrüglein! Wäre das nicht schöner als alle deine Hirngespinste sind, die du ausklügeln und aushecken mußt, um deinem Kinde das fremde Lichtsest erklärlich zu machen?! Wie wahr könntestdu sein, wie ausrecht und stolz und groß! Wie könnte dein Auge aufflammen in edler, echter, glühender Begeisterung! Und das alles liegt euch so nahe, gum Greifen nahe, ihr braucht nur die Hände danach auszustrecken. Warum ziehet ihr vor unwahr zu sein? 'Feiert das jüdische Lichtfest am Abend des 24. Kislew! * Feiert es voll Jubel itrtb Freude, nicht als Fest des Ghettojuden, sondern als Fest des freien Juden! Lasset das Fest auferstehen, wie es die Juden im Jahre 365 gefeiert haben, ein Jubelfest, eine Dankfeier der Freiheit und der jüdischen Kultur! Wenn die Schule Schammais lehrte, man solle am ersten Abend alle acht Lichter anzünden, warum sollten wir auf diese Sitte nicht zurückgreifen? Ich gebe aber noch weiter. Nicht acht Abende verlanae ich, nur einen Abend-, den des 24. Kislew, aber den voll Glanz und Heiterkeit und Frohsinn. Zündet die Kerzlein der Menora an, lasset sie alle erstrahlen, und in ein Meer von Licht tauchet euer Heim, beglücket euere Kinder mit Geschenken, mit Sviel und Reigen. Wenn heute der 24. Dewmber für das Wirtschaftsleben von größter Bedeuturm ist, soll es auch wenn auch in kleinerem Maße, der 24. Kislew werden. Wie in den christlichen Familien, nach alter, von den Römern übernommener Art, Eltern und Kinder, Freunde und Verwandte sich gegenseitig erfreuen und beschenken. so werde uns. und nach gutem jüdischen Brauch auch für unsere Armen, der Abend des 24. Kislew ein Abend der Bescherung der Freude, des häuslichen Glücks. Ja, selbst wenn ihr in eurem Schönheitsdrang und Gleichheitsstreben eine Menora aus schönen Tannenbäumchen mit acht Zweigen euch verfertigt, und wenn es nicht acht, sondern 80 Kerzlein sind, die ihr zu Ehren des Abends und zur Freude euerer Kinder anzünden wollet, warum nicht? „Die Schönheit Japhets schlage ihr Zelt auf in den Wohnungen Sems" haben schon unsere alten Weisen gesagt (B. Megilla 9 b). Nur sei es am Abend des 24. Kislew! *