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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-21 · Heft 47 (21.11.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77; Jahrgang Nr. 47 Berlin, 21. November 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnrmentr-ssreis: durch den Luchhandel oder die gost (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 JTT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fftr Redaktion anb Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»"', Berlin SWV Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. "buerZankapfel. Von Justizrat Solinger, Oppeln.— Die Repräsentantenivahlen der Berliner jüdischen Gemeinde. — Die Woche. — Die neue Synagoge in Essen. Bon Emil Cohn, Essen.. — Rabbiner Dr. Adolf Schmied! s. A. Von Rabbiner Dr. D. Feuchtw ang, Wien. — Einige Worte zur „Deutschen Geschichte" von Einhart. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! in-Lissa i. P. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Ratibor, Posen, München, Nürnberg, Wien. — Von Nah und Fern. Lin neuer Zankapfel. Von Justizrat Sulinger, Oppeln, er künftig die Geschichte der Juden Deutschlands schreibt, wird nicht umhin können, besonders auf die tiefgehenden Streitigkeiten hinzuweisen, welche gerade jetzt die deutsche Judenheit in feindliche Lager spaltet. Die liberalen Richtlinien, die agitatorisch verwertete Nationalidee der Zionisten, die Frage, ob jüdische Volks- oder Simultanschule' — das sind ebenso viele Sprengmittel wie prinzipielle Streitpunkte, und nur mit Sorge kann der wahre Freund unserer alten Gemeinschaft an die Wirkungen denken, welche solche Erscheinungen in einer Zeit haben müssen, in der die Judenheit heißer als je um die tatsächliche Anerkennung ihrer Gleichberechtigung im Deutschen Reiche kämpft. Da ist es denn doppelt bedauerlich, wenn schon wieder ohne zwingenden Grund ein neuer Zankapfel unsere Reihen zu zerklüften droht. Es ist der -sogenannte numsrus clausus, der diese Rolle zu übernehmen scheint. Seit Jahren tobt unter der deutschen Rechtsanwaltschaft der Streit darüber, ob die immer mehr anwachsende Ueberfüllung dieses Standes eine Einschränkung der Zulassungsfreiiheit erfordert oder nicht. Die Frage kommt nicht zur Ruhe, obwohl schon mehrere Anwaltstage jede Einschränkung abgelehnt haben, und sie ist von neuem dadurch brennend geworden, daß bei einer jüngst veranstalteten Umfrage von etwa 7000 Anwälten rund 6000 sich für die Einführung des „numerus clausus", für irgendeine Beschränkung der Zulassung ausgesprochen haben. Längst hat dieser Streit aufgehört, nur die Juristen zu beschäftigen; kaum eine Tageszeitung gibt es, welche nicht für oder gegen Partei ergriffen hat, und das'ist ja auch durchaus berechtigt, denn der Anwaltsstand und seine Tätigkeit sind für die Allgemeinheit, für die Rechtspflege und das Staatswohl von so einschneidender Wichtigkeit, daß man ohne Uebertreibung jedem sagen kann: ,,tua res agitur, es handelt sich um deine eigene Angelegenheit!" Bis vor kurzem war bei diesem Kampfe eine Scheidung der Geister nach Konfessionen nicht zu bemerken: sowohl aus den Anwaltstagen als auch in der Presse konnte man Juden auf beiden Seiten der Schlachtlinie finden, , wie ja auch selbstverständlich nicht zu bezweifeln ist, daß bei der erwähnten letzten Umfrage unter den 6000 für den numerusclausus Stimmenden sicherlich Tausende von jüdischen Anwälten zu finden sind. Da erschien vor kurzem in der offiziellen zionistischen „Jüdischen Rundschau" ein Aufsatz, in welchem das Eintreten eines jüdischen Führers für den numerus clausus als gegen j ü d i sche Interessen verstoßend hingestellt und beklagt wurde. Der Artikel schloß mit der charakteristischen Mahnung an das gegen den Zentralverein gegründete zionistische Konkurrenzunternehmen: „das wäre eine Sache für den Reichsverband deutscher Juden." Damit ist also jene Standessrage der Anwaltschaft zum konfessionellen Streitpunkt, zum Zankapfel zwischen den Juden selbst gemacht worden, und es ist nicht zu bestreiten, daß die Ansicht der „Jüdischen Rundschau" keineswegs nur von Zionisten geteilt wird, daß sie vielmehr auch unter den übrigen Juden sehr viele Anhänger hat. Das habe ich an mir selbst erfahren, als ich mich. in einer vor dem Breslauer Änwaltstagam 11. Septemberim „Berliner Tageblatt" erschienenen Abhandlung für die Notwendigkeit irgendwelcher Zulassungsbeschränkungen ausgesprochen hatte. Nun ist es gewiß richtig, daß gerade wir Juden bei dieser Frage besonders beteiligt sind; bildet doch der Anwaltsberus neben dem medizinischen das Hauptsammelbecken, welches, den Zufluß unserer akademischen Jugend ausnimmt. Jede Einschränkung trifft also die Juden noch viel empfindlicher als unsere christlichen Mitbürger. Rechtfertigt das aber den Standpunkt derjenigen, die deshalb diesen ganzen Streit zur Glaubenssrage machen, die jeden Juden, welcher.seiner Ueberzeugung folgend für ZÜlassungsbeschränkungen eintritt, am liebsten zum Verräter an der jüdischen Sache stempeln wollen? Prüfen wir also die Sache einmal daraufhin, wie sie denn in jüdischer Beleuchtung aussieht. Da bedarf es zunächst einer kurzen Beschreibung dessen, was die Freunde des numerus clausus eigentlich wollen, denn trotz aller öffentlichen Besprechungen herrschen darüber in der Laienwelt ganz merkwürdige Jrrtümer. Und so hebe ich vorweg mit aller Schärfe folgendes hervor: niemand denkt daran, die freie Advokatur zu beseitigen; niemals wird sich unter der gesamten Anwaltschaft eine auch nur nennenswerte Minorität dafür finden, die Zulassung, zur Anwaltschaft von irgendeiner .Auswahl durch wen immer abhängig zu machen, und noch nie hat sich in den Anwaltsversammlungen oder in der Fachpresse eine Stimme gefunden, die es gewagt hätte, etwa gar "einer konfessionellen Unterscheidung bas Wort zu reden. . Was wir. erstreben, ist kurz gesagt, eine Eindämmung der über mäßigen Konkurrenz in der Weise, daß .für. jede

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