Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 31. Oktober 1913 77. Jahrgang Nr. 44 Illgrmrine Lin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheime« Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen, für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „All gern. Zeitung des Judentum«*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TfttlttfS'ff Religiöse Wechselwirkungen: Vvn Rabbiner Dr. G elle8/ Lß UljulU Lissa. -Die Wache.-Der Beilis-Prozeß. - Julius Epstein. Von L. G. — Eine Schändung des Völkerschlachtfestes. Von Ludwig Geiger. — Nach dem Friebensschlust. Von Dr. AlphonsI. Sußnitzki. — Studien zur englisch-jüdischen Geschichte. Von Felix Liebermann. — Hamburg in seinem Einfluß aus die neuzeitliche Judenheit. Von Dr. D. Leimdörser, Rabbiner und Prediger zu Hamburg. — Die stillen Pogrome. Von Rubin Blank, St. Petersburg. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman bon Ernst Theodor Justi. — Sprechsaal. Der Gemcirrdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Allenstein, Neuinark (Westpr.), Posen, Hohensalza, Bad Ems.'Zürich, Paris, London, Petersburg. — Von Nah und Fern. Lrligjölr Wechselwirkungen. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. erade in unseren Tagen, wo von der hyperorthodoxen Seite durch die Eingabe an das Abgeordnetenhaus das Schisma in der deutschen Judenheit proklamiert worden ist, wo die Gegensätzlichkeit innerhalb per religiösen Anschauungen sanktioniert sein will, dürste es nicht uninteressant sein, die Frage zu erörtern, in welcher Weise die bis dahin bestehende Einheit des religiösen Judentums Deutschlands den reformierenden Einflüssen von. seiten der Andersgläubigen standgehalten. Wenngleich sich die christliche Religion eine monotheistische nennt, weil auch sie sich zrr dem einen Gott bekennt, so ist sie. dennoch keine rein monotheistische. Im Katholizismus ist das Bewußtsein von der göttlichen Macht der heiligen Jungfrau zum mindesten so stärk'wie das von Gott selbst, und im Protestantismus wird durch das Dogma des Gottsohnes die Allmacht und Einzigkeit Gottes eingeschränkt trotz aller Versuche, diese Tatsache durch philosophische Erläuterungen zu negieren. Die einzige wahre monotheistische Religion bleibt somit die jüdische. Sie bildet auch das Ziel, nach dem hin alle anderen Religionen in ihren Grundwahrheiten sich entwickeln werden und müssen. Es ist das Schicksal aller, auf mehreren Dogmen ruhenden Religionen, daß sie ein Dogma nach dem anderen verlieren, und daß sie schließlich nur eines behalten werden, das älteste, das einzige, das — jüdische: den Glauben an den einig-einzigen Gott. Und selbst wenn die Prophezeiungen mancher Gegenwartspropheten eintresfen sollten — meistens ist der Wunsch der Vater dieser Gedanken — daß die Juden dem Untergang geweiht seien, und man dies statistisch Nachweisen könne, so hat in dem Augenblick, wo die anderen Religionen nur noch das einzige Dogma vom Dasein Gottes haben, das Judentum gesiegt, selbst wenn seine Bekenner nicht mehr in der heutigen religiösen Distanz existieren sollten. Die christliche Religion hat nicht nur — wie übrigens auch die jüdische — in der Naturwissenschaft einen großen Gegner, sondern vor allen Dingen — in den getauften Juden. Wer sich als Jude taufen läßt, dem können wir in seinen Gründen zum Uebertritt nicht folgen/wenn er diese aus seiner Ueberzeugung herleitet; zumeist spielen wohl andere Motive die Hauptrolle. Eines aber ist klar: Wer als Jude nichts glauben kann, obwohl die jüdische Religion in dieser Hinsicht keine große Anforderungen stellt — bleibt doch nach dem Talmud der ein Jude, der sich nur zu dem Schüna, zu dem Glauben an das Dasein eines Gottes bekennt — der glaubt als Christ noch viel weniger und bietet somit seinen Kindern, seiner Umgebung ein Beispiel für Antireligiosität. Ein getaufter Jude ist in Wirklichkeit für das Christentum nur ein scheinbarer Erfolg; gar bald zeigt es sich, daß er dem trojanischen Roß gleicht. Erst im Besitz der Christen sendet er ihnen aus ihrer Mitte die gefährlichsten Feinde, die sie bisher nicht gesehen. In den technischen Fragen der Religion, in den Formen, die Ausdruck des religiösen Empfindens sind, erkennt man die Wechselwirkung von Juden- und Christentum. So feiern die Christen zwei Tage Weihnachten, obwohl doch Christus nur einmal geboren wurde, zwei Tage Ostern, obwohl er nur an einem Tage auferstanden sein kann, ebenso zwei Tage Pfingsten. Hier sehen wir die jüdische Sitte, wegen der Unsicherheit der damaligen Kalenderberechnung, zwei Tage zu feiern. Und auch die Sonntagsruhe in rhrer heutigen Gestalt ist — wenn auch als soziales Postulat staatlich garantiert — eine Imitation des Sabbats. Man wird es schließlich natürlich finden, daß das Christentum, weil aus dem Judentum hervorgegangen, von ihm auch am meisten beeinflußt wurde. Weniger zu begreifen ist die Christianisierung der jüdischen Religion. Ohne jeden Zweifel hat hierbei nicht nur die enge Berührung mit den Christen das meiste getan, sondern auch die Erkenntnis, daß die Christen viele schöne Gebräuche haben. So den der Bescherung. Heute finden in großen Städten am Chanukasest öffentliche Bescherungsfeiern statt, bei denen sogar Rabbiner Mitwirken. Bedenkt man, daß Chanuka und Weihnachten fast um die gleiche Zeit stattfinden, hat man die Antwort für diese neue Sitte. Daß das Beschenken der Armen jüdisch ist, wird keiner bezweifeln; daß es zu Chanuka stattzufinden hat — in öffentlicher Feier, wenn auch unter dem Deckmantel des Chanukafestes — ist der Wunsch, dem Christentum etwas Gleichartiges an die Seite zu stellen. Juden pflegten Arme an den hohen Festtagen, an Passah und Purim zu beschenken und — geräuschlos. Auch im Gottesdienst — im orthodoxen wie im liberalen — merkt man den Einfluß des Christentums. Sieht man sich die Amtstracht des Rabbiners an, so unterscheidet sie sich nicht im geringsten von der des christlichen Geistlichen. Beide tragen den „Lutherrock". Und ist.die Mädcheneinsegnung, die jetzt selbst von orthodoxen Rabbinern vorgenommen wird, etwas anderes als das Abbild des christlichen Urbilds? Haben wir nicht auch in veräußeren Form des Leichenbegängnisses viel dem christlichen Bestattungsmodus Aehnliches? Die alte jüdische Sitte verlangt zum Beispiel, daß man die Bahre trägt und nicht fährt.