Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nur dem Fest Charakter; sie schassen aus dem Umwege über das Aesthetische -auch fromme Empfindung. -Besonders der Ethrog! Dies kraftvoll feine, aristokratische, volle und zarte, herbsüße Aroma! Tret' ich am Hüttenfest in mein Zimmer und'spüre-diesen Edeldust da ist es, als umfinge mich körperlich die ewige Kraft und Schönheit! Wie im Würzduft am Saböatabend,' so grüßt im Ethrogdust nicht bloß die Pracht des Südens mit all ihren Zaubern, sondern eine. andere, schönere Welt, „das -Land, das-Land, so hofsrmngsgrün, das Land, wo meine Rosen blnhn", das Land unserer ewigen 'Sehnsucht und unseres Ideals, alles Stolze und Süße, Reine und Feine, davon wir träumen, wenn wir dem Erdgeists ferner sind als sonst, das Paradies der Seele! In dieser Atmosphäre kann -man so wenig einen modrigen Gedanken hegen wie aus weltfremder Bergeshöh. Der Ethrog verwandelt das Haus zum Märchengarten, über den -grauen Alltag weht er den goldenen Schleier einer himmlischen Fata Morgarm, daß wir „ainnen in Gottesfurcht" und „schmecken und sehen das Göttliche", — — wer will ihm religiöse. Kraft absprechen?. Aber auch in der Synagoge kann der Feststrauß größere Wirkung üben, als die meisten denken mögen! Freilich, wenn die Gemeinde nur zusieht, .wie drei oder vier Beamte ihn tragen oder ein Dutzend Waisenknaben, da m u ß das Gemüt leer ausgehen! Wer aber einmal in der „Alten Synagoge" in Berlin — und an anderen Orten wird es ähnlich sein — wer dort einmal gesehen, nein, erlebt hat den wandelnden Palmen'wald durchs Gotteshaus rauschen, oder wer gar im Festzuge dort einmal mitgewallt ist, -dem wird es unvergeßlich in die Seele geprägt sein! Die Massenwirkung jeder Prozession wird -hier gesteigert durch den Gesang, durch das Hosianna in seiner Doppelbodeutung der Sehnsucht nach göttlichem Segen und der festlichen Gewißheit einer glaubenssrohe.n Gemeinde. Dazu das Wispern der Palmen, diesagenhaft -heilige Erinnerungen raunen, und das geheimnisvolle Blätterrauschen, in dein die Menschen von je Gott wandeln hörten über ihren Häuptern, segnend und weihend seine Frommen — wahrlich, ein sinnberückend Spiel! Man klagt so oft über die Abstraktheit moderner Gottesdienste: Sie enthalten nur Worte, nichts als Worte! . O, es gibt schon.sinnfällige Riten, vor denen auch der Aufgeklärteste sich nicht zu schämen braucht! Nur lebendig müssen sie sein, nicht tote Formalität! Gern Gewolltes muß man in ihnen sehen, nicht Pflichterfüllung —Seele, nicht Buchstaben des Gesetzes! — Dafür hat zu sorgen, wer es gut mit dem Judentum meint. Denn nur durch solche gemütanregende Riten bleibt es als Sondergemeinschaft berechtigt und lebendig. Seine Glaubenslehre und- Ethik wollen universal sein und werden es allmählich. Die Konfessional-ität muß also der Kultus bewahren. Eine solche jüdische Sonderkonsession ist -deshalb berechtigt und notwendig; weil alles allgemein Menschliche nur in Sondergruppen würdig gedeiht: „Gar manches Herz verschwebt im allgemeinen, doch widmet sich das Edelste dem Einen!" Darum gilt es, die Riten zu erhalten, welche religiöses Fühlen fördern. — Daß der Lulow zu diesen erhaltenswerten Kultbräuchen gehört, glaube ich gezeigt: zu haben. And ich meine ferner: Ein jüdischer Gemeindovorstand, der sich nicht bloß als Verwaltungsbehörde fühlt, sondern für. die Erweckung altjüdischer und doch moderner Frömmigkeit mitsorgen will, täte nichts Schlechtes, wenn er einmal seiner Gemeinde 100 Feststräuße zur Verfügung stellte! Ich glaube: Ein zweites Mal hakte er es nicht nötig; denn mindestens die . Hälfte der Leute kauft ihn im nächsten Jahre allein! Das Laubhüttenfest aber wäre bald nicht mehr das Aschenbrödel unter den Festen, sondern das fröhliche religiöse Volksfest wieder aus längstvergangenen Zeiten, Dir Woche. , Berlin, den 10. Oktober 1913. -. er Beilisprozeß hat begonnen. Da -diese Uebersicht bereits am. heutigen Tage geschlossen werden muß, so sind wir nur in der Lage, über die zwei ersten Tage zu berichten. Die Zeitungen melden darüber: Kiew, 8. Oktober. -Der Gerichtshof setzt sich wie folgt zusammen: Präsident: Boldirjew; Richter: Wigura, Iurkjewisch, Fürst Schwachow; Staatsanwalt: Wipper. Vor dem Richtertisch befinden. sich viele als Beweisstücke dienende Gegenstände. Der Angeklagte Beilis gibt mit leiser Stimme, aber, ruhig Antwort auf die ihm gestellten Fragen und folgt aufmerksam dem Gange der Verhandlung. Kiew, 8.Oktober. Erst jetzt kann man mit voller Sicherheit fügen, das; der Beilisprozeß nicht vertagt werden wird. Unter den Geschworenen herrschen einfache Bauern vor; sie empfinden den bevorstehenden Prozeß als eine schwere Last. Neun ersuchten um Entlassung, die aber nur zweien gewährt wurde. Die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Maklakow, Grnsenberg, Grigorowitsch und Sarudni. Die heutige Sitzung war mit Formalitäten ausgefüllt. 36 Zeugen sind nicht erschienen, darunter einige sehr wichtige. Unter den Sachverständigen fehlt der Professor Sikorski. Der Gerichtshof beschloß trotzdem, die Verhandlung, sortzusetzen. Kiew, 9. Oktober. Nach Verlesung der Anklageschrift erklärte Beilis, er habe ehrlich gearbeitet, um-sein'Brot zuverdienen und für Frau und Kinder zu sorgen, er sei sich keiner Schuld bewußt, trotzdem habe man ihn plötzlich verhaftet und vor Gericht geschleppt und halte ihn schon 26 Monate gefangen. Er wisse nicht warum. Der Verhandlungsleiter unterbrach ihn mit der Bemerkung, daß er Gelegenheit bekommen werde, alles zu sagen, nur müsse er damit bis zur Eröffnung der Beweisaufnahme warten. - Der Verteidiger Rechtsanwalt Sarudni beschwerte sich heute darüber, daß den Verteidigern seit einer Woche nicht erlaubt wird, mit Beilis unter vier Augen zu sprechen. Der Verhandlnngsleiter erkannte die Beschwerde als berechtigt an und versprach, dafür zu sorgen, daß die Verteidiger mit dem Angeklagten ungehindert sprechen, könnten. Als erste Zeugin wurde dis Alutür des ermordeten Justschinski, die in dem Prozeß als Zivilklägerin austritt, vernommen. Staatsanwalt, Verteidiger und die Vertreter der Zivilklägerin selbst über-, häuften sie mit Fragen, konnten aber aus ihr nicht viel herausholen, da sie über den Mörder ihres Sohnes nichts mitteilen konnte. Beilis war ihr überhaupt nicht bekannt. Große Ueberraschnng bereitete ein von den Vertretern der Zivilklägerin geladener Zeuge, der russische Geistliche Matschugowski. Er erklärte, duß er bei der Beerdigung Justschinskis aus dem-Friedhöfe jndenseindliche Proklamationen sah, die die Juden des Ritualmordes beschuldigten und die Russen zu Judenmetzeleien aussorderten. Der „Verl. Börsen-Eourier" erinnert ferner an folgendes: Gegen das traurige Prozeßspiel in Kiew macht, auch die Geistlichkeit Front. Der römisch-katholische Metropolit in Wilna, Erzbischof Kluczynski, erklärt öffentlich mit Bezug auf den Kiewer Biordprozeß, er sei nach eingehendem Studium der-einschlägigen Literatur zu der Ueberzeugnng gelangt, daß für die Nituälmordverdüchtigung nicht der geringste Anhaltspunkt vorliege. Und die englische Geistlichkeit, Erzbischöfe, veröffentlichen mit den hervorragendsten Vertretern der Wissenschaft gemeinsam ein Manifest, worin erklärt wird, die ganze Angelegenheit sei eine Frage der Menschlichkeit und Zivilisation; die -Blutanklage sei ein Ueberbleivsel aus der Zeit der schwarzen Magie und Zauberei, eine grausame und grundlose Verleumdung des Judentums, eine Beleidigung der Kultur des Westens, eine Schande für die ' Kirchen. : - Auch an tapferen Gegenerklärungen jüdischerseits fehlt es nicht. Ans Einladung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde hatte sich am 6. d. M. in dem großen Musikvereinssaal ein tausendköpfiges Publikum, darunter die angesehensten Vertreter der Wiener Judenschaft sowie zahlreiche Delegationen der größten auswärtigen Kultusgemeinden eingefunden, um gegen den Kiewer Ritualmordprozeß lauten Protest zu erheben. Von mehr als 200 österreichischen Kultusgemeinden,