Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Jahre seine Zigarrenfabrik etablierte. Sein Unternehmungsgeist führte ihn dann zur Herstellung seiner Fichtennadelzigarrcn, für die er eine große Reklame entfaltete, die aber vielleicht auch über seine Kräfte gegangen ist. In der Propaganda für dieses Spezialerzeugnis ging er ganz auf, wie auch die folgende kleine Anekdote beweist. Unser'Erzähler, ein hiesiger Großkanfmann, befand sich gerade in Ulm auf dem Bureau eines Engrosknnden, als zufällig auch Morganthan, mit Vatermörder und goldener Brille, hereintrat; er bat den Mannheimer Berufsfreund, ihn vorzustellen, was dieser auch in der üblichen Weise tat, indem er ihn als- „Herr Morganthan ans Mannheim" bezeichnete. „Was?" meinte hieraus Morganthan, „so stellt man mich nicht vor. Sie nu'issen sagen: das ist der Morganthan aus Mannheim, der, welcher die Fichtennadelzigarre macht; da weiß der Mann, was ich bin." Hinsichtlich seiner Kirchenstiftungen wird auch noch eine andere Version erzählt, wonach er der ersten in Ludwigshafen erbauten Kirche eine Glocke widmete, welche er — seiner Gattin zu Ehren — „Babette" hieß. Es ist übrigens auffallend — so schließt nufer Gewährsmann seine Mitteilungen — daß aus unserer näheren Umgegend eine große Anzahl Männer jüdischer Abstamnnlng in Amerika hervorragende Stellen einnehmen, sei es als Großbankicrs,, Philanthropen und Diplomaten: ich nenne die H a l l g a r t e n, T h a l m a n n, S ch i f f, K n h n, Lob und Co., Strauß u. a. m. Jedenfalls ein gutes Zeichen für unsere gesegnete Pfalz. und Montagszeitung", und jeder Rechtlichdenkende muß ihr recht geben. — Die „Union" berichtet über folgendes eigenartige Vorkommnis in — Frankfurt am Main. Ein Teil des vierten Jahrganges der Handelsakademie in Aussig (Böhmen) trat vor kurzem eine Studienreise nach Deutschland und Holland ■ an. Professor Zeidler, der Leiter dieser Reise, nahm in Frankfurt am Main eine „reinliche Scheidung" vor: Er verfügte, daß die christlichen Schüler im Hotel „Kölner Hof" zu übernachten haben, während er den jüdischen Schülern bedeutete, sich ein anderes Hotel ausznsuchen. Auf entsprechende Vorhaltungen seitens der jüdischen Schüler gab Prof. Zeidler zur Antwort, er könne in dieser Angelegenheit nichts tun, da dieses Absteigquartier schon früher bestellt worden sei. Tatsächlich wurden die jüdischen Handelsakademiker zwei volle Tage in Frankfurt ihrem Schicksal überlassen. Dieser skandalöse Vorfall steht aber nicht vereinzelt da, er ist bereits eine Wiederholung. Vor zwei Jahren unternahmen die Absolventen der Anssiger Handelsakademie eine Reise, auf welcher sie in Frankfurt am Main ebenfalls in dem judenreinen „Kölner- Hof" übernachteten. Der Direktion und den Leitern der Studienreise mußte also die besondere „Organisation" dieses Hotels bekannt sein. Bemerkenswert ist noch, daß die Anssiger Handelsakademie auch von Beiträgen jüdischer Industrieller und Kanflente erhalten wird. Die „Union" hat diesen Vorfall zur Kenntnis der Vorgesetzten Behörde gebracht, deren. Stellungnahme abzuwarten ist. Gefterretch-Ansarn. K. Söieit, 19. September. Unter dem Titel „Gegen einen Gelehrten jüdischer Konfession" schreibt die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" in der letzten Nummer: „Erst jüngst haben wir Gelegenheit genommen, aus das Treiben der. Christlich-Sozialen hinznweisen, das die Besetzung der Lehrkanzeln an unseren Hochschulen mit inländischen Gelehrten zum Zwecke antisemitischer Treibereien zu verhindern sucht.! Lieber einen Ausländer als einen österreichischen Gelehrten jüdischer Konfession ist die Devise. Die Christlich-Sozialen finden bei diesem Treiben auch die lebhafteste Unterstützung der Deutsch-Nationalen, die, wie es scheint, - keine größere Sorge haben, als durch den „Judenpunkt" ihres Programms die Bnndesgenossenschaft mit den Christlich- Sozialen aufrecht zu erhalten. Ein geradezu klassisches Beispiel für ' dieses Treiben ist die Besetzung einer Lehrkanzel an der Ti^-ärKliebfn Hochschule. Die „Reichspost" schreibt darüber wörtlich: „Für die Besetzung der durch die Berufung des Hofrates Professor v. Tschermak nach' Prag erledigten Lehrkanzel an der Tierärztlichen Hochschule in Wien war an erster Stelle Professor Bur i an von der Zoologischen Station in Neapel in Vorschlag gebracht worden. Wie nun bekannt wird, soll Burian übergangen und Dr. Schwarz, Professor der Physiologie an der Wiener Universität, der Jude ist, berufen werden. Das j Gerücht hiervon erregt schon jetzt heftigen Unwillen in akademischen Kreisein welche sich gegen die Besetzung der Dozentur an einer judenfreien Hochschule in der entschiedensten Weise anssprechen. In einer auf der Landstraße veranstalteten Protestversammlung der katholischen, deutschen und deutsch-nationalen Studentenschaft wurde dagegen Stellung genommen und der einheitliche Beschluß gefaßt, gegen die Vorlesungen des Professors Dr. Schwarz sowie dagegen aufzutreten, daß an einer judenfreien Hochschule nunmehr ein Jude Zutritt finde." Man kann die Schamlosigkeit nicht ärger treiben, meint die „Sonn- Sufzlünd. 2. Petersburg, 19. September. Die berüchtigte Partei der echten s s i s ch e n L e u t c beginnt einen neuen Feldzug gegen die jüdische Bevölkerung zu organisieren, den wirtschaftlichen Kamps in'schärfster' Form. .Im. Anschluß an die Nischni-Nowgoroder Messe tagte in > Nischni-Nowgorod mit Genehmigung des'Ministers' vom 18. bis 21. August ein allgemeiner Kongreß der Vertreter der Konsumgenossenschaften des Verbandes des russischen Volkes und der mit diesem Verbände im Kartell stehenden, monarchischen Organisationen. Wie das führende Verbandsorgan „Rußkoje Snamja" erklärt, soll Leitsatz dieser Tagung sein: „Schlage den Inden nicht mit dem Knüppel, sondern mit dem Rubel." Die Konsumbude, die bäuerliche Monsumgenossenschaft mit dem kategorischen Verbot jüdischer Mitgliedschaft, das ist, richtig und systematisch entwickelt, ein so mörderisches Mittel, gegen welches Fortschrittlertum und Konstitutionalismus gar nicht aufkonunen. Alan muß den Juden brotlos machen, heißt es an einer anderen Stelle, dann geht dieser Parasit von selbst fort. Die wahrhaft russischen Leute sprechen offen die Hoffnung aus, daß sie für ihre Bewegung die Gouverneure der einzelnen Gebiete I einspannen und mit staatlicher Beihilfe durchsetzen werden, um die Provinz mit einem Netz antisenritischer Konsumgenossenschaften zu. überziehen. — Die Zeitung „Rjetsch" erzählt die folgende Begebenheit: Der bekannte jüdische Bildhauer Elijahn. G i n s b u r g von der Petersburger kaiserlichen Akademie unternahm kürzlich im Aufträge der Kunstakademie eine Studienreise nach Palta. In Ualta hält der dortige Generalgouverneur strenge Zucht und sieht sehr daraus, daß sich kein Jude in sein Gouvernement hineinschmuggle. Gleich am ersten Tage wurde Ginsburg zum Polizeimeister zitiert,^ der ihn rundweg erklärte, daß er in Ualta nicht bleiben könne, da Spandauer Strasse Propststrasse I ©ösdie- ( 1 Ausstattungen s, Anfertigung \ in eigenen Ateliers , Möbel [i Ständige Ausstellung > \ eingerichteter Zimmer / \ Haupt-Katalog Nr.40 kostenfe. ) N. JSRAEL BERLIN C. 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