Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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s - . ruher Zweigvereins des jüdischen Frauenbundes, Frau Emilie Strauß, erschienen. Bei der Einfahrt in den zum Hospiz ansteigenden Torweg wurde die Großherzogin von den 95 Kindern, die festlich gekleidet Spalier bildeten, mit jubelnden Zurusen empfangen. Bor dem bekränzten Nordportale fand die Begrüßung durch Herrn Geheimrat May er statt, der in seiner Ansprache betonte, wie der Name des Hauses nicht nur eine Ehre für dasselbe, sondern zugleich ein dauernd wirksamer Ansporn für alle an der Verwaltung und Bewirtschaftung Beteiligten sei, stets das Höchste zuleisten. Dank der Anspannung aller Kräfte habe sich denn auch die Anstalt schon im ersten Jahre über Erwarten entfaltet und den guten Ruf Dürrhoims weit über Badens Grenzen hinaus verbreiten Helsen. Die Großherzogin erwiderte mit Worten herzlichen Dankes für Unternehmen und Ausführung der schönen Anstalt und erinnerte namentlich daran, welch große Freude dem teuren verewigten- Großherzog und ihr zu ihrer goldenen Hochzeit durch die Widmung dieses menschenfreundlichen Werkes bereitet worden seitdem sie deshalb besonders warme Teilnahme entgegenbringe. Auch der Frau Geheimrat Mayer dankte die Großherzogin für ihre hingebende Tätigkeit im Interesse der Anstalt und ließ sich hierauf die Schwester Oberin Dorothea Kochmann und den Hausarzt Dr. Harr aß vorstellen. In der Empfangshalle wurden die anderen obengenannten Damen und Herren vorgestellt und von der Großherzogin einzeln ins Gespräch gezogen. Inzwischen hatten sich die Kinder auf anderem Wege in den Spielsaal begeben und mit den Schwestern und Helferinnen Aufstellung genommen. Hier überraschten sie die Großherzogin mit dein Sang „Aus Badenerland", der aus den frischen Kinderkehlen ergreifend klang. Hierauf überreichte ein liebreizendes Mädchen, Selma Fröhlich von Karlsruhe, mit einer poetischen Ansprache einen Nelkenstrauß und wurde dafür von der Großherzogin sehr belobt. Die Verse gefielen der hohen Frau so gut, daß sie sich auch nach dem Verfasser erkundigte und, nachdem sie erfahren, daß es der Vater der Helferin Gretel Strauß von Pforzheim sei, dieser Grüße für ihn austrug. An die Schwestern und Helferinnen sowie an viele aus der großen Kinderschar richtete die Fürstin liebe Worte; sie war nicht wenig verwundert, zu hören, daß unter diesen sich nicht nur solche aus Süddeutschland und der Schweiz, sondern auch aus Berlin, England, ja aus Algier befinden. Aus die große Liegeterrasse heraustretend, bemerkte sie zwei nahezu unbekleidete, von der Sonne ganz dunkelgebrannte Knaben (aus Nürnberg und Würzburg) und ließ sich vom Hausarzt erklären, daß er hier mit bestem Erfolge in geeigneten Fällen die ganztägigen Sonnen- und Luftbäder anwende, wie sic in schweizerischen Höhenkurorten gebraucht werden, und daß er dies ebenso an sonnigen Wintertagen getan habe. Die Großherzogin bekundete ihre Freude darüber, daß das Haus schon im ersten Jahre auch in den Herbst-, Winter- und Frühjahrsmonaten eine befriedigende Belegung von Kindern und weiblichen Erwachsenen aufgewiesen habe, und sprach die Erwartung aus, daß von den in diesen Monaten besonders wirksamen Kuren immer häufiger Gebrauch gemachtwerden würde. Die weitLce. Besichtigung erstreckte sich, aus zahlreiche Räume und Einrichtungen des großen Hauses, und die Großherzogin war voll Lobes darüber, wie praktisch und hygienisch alles bedacht und ausgesührt sei. Auch der Leibarzt Geh. Hosrat Prof. Dr. Dressier sprach seine Befriedigung darüber aus, daß hier in seltenem Maße allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprochen sei. Nachdem die Großherzogin und das Gefolge sich noch in das Gedenkbuch des Hospizes eingezeichnet hatten, verabschiedete sie sich von der Oberin und dem Hausarzt sowie von den Herren und Damen der Verwaltung mit herzlichen Segenswünschen für das weitere Gedeihen der Anstalt. * Grstrrrrtch-Nnssrn. Wien, 5. September. Die „Neue National-Zeitung", deren Herausgeber dem Zionismus einst sehr nahe stand, schreibt anläßlich des hier tagenden elften Zionistenkongresses: „Die Tagesordnung des Kongresses läßt die wichtigsten Problems des Zionismus und des jüdischen Volkstums beiseite: Das Basler Programm, das Parteiprogramm, ein Programmgerippe von provisorischem Charakter, dessen baldigste Ausgestaltung von der Programmkommission selbst in Aussicht genommen wurde, besteht seit 36 Jahren unverändert fort. Wohl wird innerhalb der Partei ein heftiger Kampf geführt zwischen „politischem" und „praktischem" Zionismus, zwischen Diplomatie und Palästinaarbeit, aber eine Klärung dieser fundamentalen Divergenzen im Nahmen des Programms wird von keiner der Parteien angestrebt. Sie fühlen sich beide offenbar nicht fähig, Ziel und Taktik des Zionismus in einer prägnanten, die Wünsche der hinter ihnen stehenden Massen ausdrückenden Form zu fixieren. Und. so sehen wir zionistische Kongresse ohne Programmdebatte. Es wird lediglich um die Macht gekämpft. Diese Macht bestand bisher in der Leitung des Aktionskomitees, womit die Verfügung über die Parteieinnahmen verbunden war. Das jetzige Aktionskomitee geht weiter. Es will auch die- Herrschaft über die P a r t e i b a n k e n, die ^bisher vom Aktionskomitee autonom waren, an sich reißen. Der Wiener. Kongreß steht im Zeichen dieses Kampfes! Bleibt da noch Zeit für theoretische, Fragen wie Programm, oder gar für das wichtigste Problem der jüdischen Volksmassen: die Emigration? . . . Ein jüdischer Schriftsteller hat berechnet, daß in den letzten dreißig Jahren aus Rußland nach Amerika zirka 1500 000 Juden ausgewandert sind; nach Palästina dagegen in demselben Zeitraum bloß 20 000. Und neue Auswanderermassen aus Rußland, Rumänien, ja selbst Galizien, drängen nach. Sie ziehen fast alle nach Nordamerika, und es werden noch Jahrzehnte vergehen, bis Palästina auch nur zehn Prozent des Jahreskontingents aufnehmen wird. Die zionistische Partei ist gern breit, diesen ärmsten Emigranten Schekels abzunehmen, um davon ihre Presse zu subventionieren und ihre Reisenden zu erhalten. . Die Emigranten erhalten aber nicht einmal einen Rat; sie müssen selbst dazu schauen, wie sie sich Hinüberhelsen und. im Menschenozean eine Existenz schaffen. Ihre Enkel werden einmal, wenn sie zur Welt kommen und auswachsen sollten, die hebräische Universität in Jerusalem besuchen dürfen So was nennt sich nämlich — Kulturzionismus. Der Kongreß arbeitet nur für die Enkel! Wer arbeitet für uns, unsere Brüder und unsere Kinder?" Luszlsnd. z. Petersburg, 5. September. Nach den bisherigen russischen Gesetzen wurden ausländische Juden, die dabei betroffen wurden, daß sie ohne besondere Erlaubnis außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes Handel treiben, mit der zwangsweisen Verschickung in dem Ansiedlungsrayon und Konfiskation der Vorgefundenen Waren bestraft. Laut einer Verordnung des Ministers des Innern Maklakoff werden ausländische Juden im ebenerwähnten Falle von nun ab bloß zu einer Strafe von 300 Rubeln ohne Verschickung und ohne Kon-, fiskation der Waren verurteilt werden. — Der Kiew er Universitätssenat wandte sich' an den Bildungsminister mit der bezeichnenden Anfrage, was mit den fünfzig jüdischen Studenten zu geschehen habe, die sich für die pharmazeutische Fakultät angemeldet haben, da sich für das Studium der Pharmazie christliche Hörer in so verschwindender Zahl meldeten, daß die Anwendung der Prozentnorm für jüdische Hörer praktisch undurchführbar sei, es sei denn, daß die Vorlesungen für Pharmazeuten überhaupt ausgelassen werden. Die Antwort des Bildungsministers war eine starke Rüge, in welcher dem Senate bedeutet wurde, daß er sich ohne Rücksicht auf die Konsequenzen strikte an die vorgeschriebene Prozentnorm für jüdische Hörer zu halten habe. — In gut informierten Kreisen ist das Gerücht verbreitet, daß die Regierung sich gegenwärtig mit einem Gesetzentwurf beschäftigt, der den Juden die Errichtung eigener Mittelschulen an gewissen Stellen innerhalb des Ansiedlungsgebietes gestattet. Gleichzeitig mit diesem Gesetze soll jedoch der Ausschluß der Juden aus sämtlichen staatlichen Mittelschulen ausgesprochen werden. Dieser Gesetzentwurf soll das Geisteskind des Schuldirektors S m i l a n i n o w in Odessa sein. Es wird an-, genommen, daß die Regierung mit diesem Gesetze bald herausrücken wird, so daß. es spätestens für das Schuljahr 1914/15 in Kraft treten würde. — Folgender Fall wird hier viel besprochen: Vor ungefähr 25 Jahren war ein jünger Jude namens Skop nach Amerika ausgewandert, ohne seiner Wehrpflicht genügt zu haben. Jetzt war er zur Hochzeit eines Verwandten nach Rußland* zurückgekehrt, wo ihn die Polizei sofort, verhaftete. Als 46 jähriger Mann wird er nun seiner Wehrpflicht genügen müssen. Skop, der inzwischen ein reicher Fabrikant geworden ist, hat 30 000 Rubel deponiert, um wenigstens - bis zur Gerichtsverhandlung aus freiem Fuße bleiben zu können. ' * ' Von Mh und Fern. Den Charakter als Sanitätsrat haben erhalten: die Aerzte Dr. Edmund F a l k, Dr. Salomon L a s e r st e i n, Dr. Franz Lehmann,