Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Kleidungsstücke und Schuhwerk zu überlassen, die wir auf Wunsch abholen zu lassen gern bereit sind. Wir haben oft Gelegenheit, würdigen, durchziehenden und auch hiesigen Armen solche zu überweisen und sie vor den Unbilden einer rauhen Witterung zu bewahren. Sind wir doch in einzelnen Fällen genötigt, in Ermangelung gebrauchter Bekleidung neue für besonders Bedürftige zu beschaffen, und geben wir uns der Hoffnung hin, daß diesmal unserer dringenden Bitte entsprochen werden möge. Für die freundliche Förderung, die unserem Verein durch Zuwendung von Geschicken und größeren Gaben für den unangreifbaren Kapitalstock zuteil geworden ist, sagen lvir an dieser Stelle den verehrlichen Gebern unseren wärmsten Dank. — Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß laut letztwilliger Bestimmung der verstorbenen Eheleute Jakob und Mathilde Strauß dem eisernen Stock ein Vermächtnis von 5200 Mark zugeflossen ist. J. W. Hagenau, 15. August. Im verflossenen Schuljahr wilrde das hiesige Gymnasium von 6 Israeliten unter 149 Schülern und die Realschule von 40 Israeliten unter 179 Schülern besucht. Den Religionsunterricht erteilt Herr Rabbiner Levy in wöchentlich sechs Stunden. In der Schulkommission ist die jüdische Konfession-durch Herrn Sanitätsrat Dr. W e i l l vertreten. Die höhere Mädchenschule zählt 27 Schüleriunen, welche durch Herrn Lehrer Picard in zwei Wochenstunden in der Religion unterrichtet werden. Der Kommission dieser Schule gehört Herr Hopfenhändler Sylvain Levy an. Das katholische Schwesternpensiouat St. Philomeue nimmt prinzipiell keine jüdischen, wohl aber protestantische Schülerinnen aus. . * Gesterretch-Nngsrn. IC.. Wien, 19. August. Wie alljährlich, wurde auch dieses Jahr der 18. August, der Geburtstag unseres erhabenen Monarchen,-sehr festlich und feierlich begangen. Selbst in der kleinsten jüdischen Landgemeinde fand an diesem Tage ein Festgottesdienst mit Predigt statt, an dem nicht nur die Gemeindeangehörigen, sondern^ auch meistens die Spitzen der staatlichen und städtischeil Behörden teilnahmeu. Ganz besonders feierlich wurde des Kaisers Geburtstag in St. Pölten begangen, woselbst die neuerrichtcte Synagoge eingeweiht und ihrer heiligen Bestimmung übergeben wurde. Dieses Gotteshaus wurde aus Anlaß der 65jührigeu glorreichen Negierung -unseres allgeliebten Landesvaters Kaiser Franz Josef I. errichtet und bildet einen architektonischen Schmuck für die ganze St-adt. Die Festrede hielt der Ortsrabbiner Dr. Schächter. — Am IG. d. M. beging der Rabbiner von Karlsbad, Dr. Ignaz Ziegler, sein 25jät,riges Amtsjubilüum. Der weil über die Grenzen Böhmens hinaus bekannte Rabbiner wurde, lute die „Allgemeine Zeitung des Judentums" schon vor "sillgen Wochen berichtete, gleich nach seiner Absolvierung des Rabbiuerseminars in Budapest im Juli 1888 zum Rabbiner von Karlsbad gewühlt, und am 15. August desselben Jahres trat er dort seinen Posten an. Dr. Ziegler genießt den Ruf als der beste jüdische Kanzelredner in Oesterreich und hat sich auch aus dem Gebiete der jüdischen Literatur rühmend hervorgetan. Bekannt ist sein epochales Werk „Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz", zu welchem der bekannte Jenenser Philosoph Rudolf Euckcn das Geleitwort geschrieben hat. Ziegler ist auch Mitbegründer des Kaiser- Franz-Joses-Negierungsjubilällms-Hospizes für arme Israeliten, welches vielen hunderten armen Juden die Möglichkeit gibt, in Karlsbad die Kur zu gebrauchen und Genesung zu finden. Die Feier des 25jährigeu Amtsjubiläums dieses äußerst tüchtigen und beliebten Rabbiners bildete ein freudiges Ereignis im iuternatioualeu Publikum dieses berühmten Weltkurvrtes; der herrlich geschmückte Tempel konnte kaum alle Festteilnehmer fassen, die gekommen waren, an dieser' Feier teilzunehmen. Erhebend und ergreifend wirkte die Predigt, die der Jubilar bei dieser Gelegenheit hielt; ebenso schön war die Ansprache, die der Präsident der Kultusgcmcinde, kaiserlicher Rat Moser, an den Gefeierten richtete. Ziegler erhielt aus diesem Anlaß viele Hunderte Gratulationen aus allen Weltteilen, herrliche Blumengeschenke und viele Aufmerksamkeiten auch seitens des Kurpublikums. Diese erhebende Feier wird allen Festteilnehmcrn noch lange in lebhafter Erinnerung bleiben. — In Neuberg in Steiermark hat kürzlich eine Schanspielergesellschaft ihren Musentempel aufgeschlagen. Nun sucht diese Gesellschaft auf folgende Weise die Sommergäste zum fleißigen Besuch anzuregen: sie läßt von Haus zu Haus Theaterzettel verteilen, auf dem sich der bezeichnende Vermerk befindet: „Der zahlreiche Besuch der Einheimischen mtb der christliche n Fremden i st e r w ü n s ch t." Juden sind -also von diesem zweifelhaften Kunstgenuß ausgeschlossen. Sie werden diesen „Schmerz" Wohl ruhig ertragen ' * Amerika. Fr. New Aork, 10. August. Die bekannte New Horker Zeitschrift „M a c C l u r e ’ § Al a gazi n e" veröffentlichte kürzlich einen Artikel, der interessante Angaben über die wirtschaftliche Tüchtigkeit der eingewandertcn Juden enthält. Nach den Erhebungen des Verfassers begannen äußerst zahlreiche jüdische Einwanderer in der Bekleidungsindustrie, als gewöhnliche Schneider, die sich alsbald des Rufes großer Geschicklichkeit erfreuten. Früher war dieser Erwerbszweig fast ganz in amerikanischen und deutschen Händen. Die Juden haben ihn industrialisiert. Mit. 50 bis 100 Dollar mieteten sie eine Wohnung, zu deren Verwalter sie später ausrückten. Durch große Sparsamkeit und unendlichen Fleiß suchten sie das Haus zu erwerben. Nach zehn bis fünfzehn Jahren rückten sie so in die Stellung des Deutschen, Irländers, des Alnerikauers. Heute sind fast sämtliche Großgrundbesitzer in N e w P o r k Juden. Ebenso beherrschen die Juden das Theater. Eine der größten amerikanischen Banken gehört der Familie S e l i g m a n n , die aus ganz kleinen Verhältnissen hervorgegangen ist. I a m e s, der einzige Ueberlebeude von sieben Brüdern, erzählt, daß ihm im Alter von 16 Jahren die Mutter 40 Dollar in einen Beutel genäht habe, den er um den Leib gürtete. Weinend gab sie ihm den Abschied nach Amerika. Er fcim nach Pennsylvanien. Im nächsten Jahre besaß er bereits 1000 Dollar, die er sich als Kaufmann erworben hatte. Mit seinen Brüdern gründete er ein Modemagazin, das zu den größten New Horts gehörte. Ein anderer Einwanderer, Otto Kahn,'der jetzt als Eiseubahnkönig gilt, war der Sohn eines Nt a n u h e i m e r Bankiers, der keineswegs zu den ersten gehörte. — Heute klingen diese Berichte schon fast wie Märchen. 1 * ' Von Sah und jfem. — Die jüdische Friedhofsanlage an der Heerstraße ist von der- 'Regierung genehmigt worden. Das Gelände liegt südlich von Spandau. Außer dieser Stadt hatte auch die Gemeinde Seeburg protestiert. Diese Gemeinde zog ihren Protest gegen eine gute Entschädigung zurück, während der Spandauer Einspruch unbeachtet geblieben ist. Das Terrain gehört der Neuen Boden-Aktiengesellschaft. — Bei dem am 24. August nachmittags 3 Uhr auf dem Sportplatz 8es Sportklubs, Ehartottenburg, Königsweg, stattfindenden Meeting des Bar- K v ch ba gelangt erstmalig auch! ein Wanderpreis der Großloge für Deutschland U. O. B. B. für die Meisterschaft im Fünfkampf zum Austrag. Die Stiftung des Preises entspringt der Initiative des auf dem Gebiete der Jugendpflege hochverdienten Großpräsideuten Geheimrnt T i m e n d o r f e r. — Dem dirigierenden Arzt der dermatologischen Abteilung am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in. Berlin, Sanitätsrat Dr. Wechsel mann, ist das Prädikat Professor beigelegt worden. — Am 15. d. M. beging die Firma Gebr. Tietz in Berlin das Jubiläum ihres hundertjährigen Bestehens. — Dem Kaufmann Herrn Leo Heilt) om in Berliu- Charlottenburg ist der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Aus Hohensalza wird uns geschrieben: Herr Rentier Heymann Freudenthal, das langjährige Mitglied des Repräseutantenkollegimus der jüdischen Gemeinde, beging am 3. August seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, dem an diesem Tage zahlreiche Ehrerweisungen zuteil wurden, erfreut sich in weiten Kreisen der jüdischen Gemeinde und unserer Stadt großer Hochachtung und Wertschätzung. — Donnerstag den 17. Juli ist von Bremen die 83. Gruppe jüdischer Emigranten nach Galveston eingeschisft worden, welche unter der Verwaltung der jüdischen Emigrationsgesellschaft die Auswanderung unternimmt. Die Gruppe besteht aus 500 Passagieren, von welchen 100 den Rest der früheren Gruppen bilden. Von den neuen Emigranten sind 285 Männer, 86 Frauen und 54 Kinder. Meistens sind es Handwerker und Arbeiter, Geschäftsleute befinden sich in dieser Gruppe 42, Handelsaugestellte 30. — Herr Landgerichtsrat Max Rad lau er in Halle a. S. ist zum Geheimen Justizrat ernannt worden. — In Höxter verschied der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Philipp Netheim. Seine treue Fürsorge für die Gemeinde erwarb ihm allgemeine Achtung mtd Verehrung. — Aus Hannover wird uns geschrieben: