Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 29 Berlin, 18. Juli 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den.Buch,.; Handel oder die Post (ist Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich.3- JTI. — Postscheckkonto 32$.. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson . Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen - für Redaktion .und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu rich en. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin: Unhillt Konsessionelle. Volksschulen. Von Rabbiner Dr. S alo- ' monsk'i, Frankfurt a. Q."j—; Die Woche. — Karlsbader Bädebriefe.' Von Ludwig Geiger. II.'—^ Edvard Brandes, der dänische Finanzministor.' -Von Ada Adders. — Ansprache des Vertreters der Grosilvge,, Komnierzienrat,. M Mi.m i li a n t e i n. auf der Delegiertenversaminlung des .Verbandet jüdischer Jugendvereine Deutschlands in Frankfurt"ü. M.' — Die^Mohelsrage im '.'.I/Vnivere ' IsrnelUo". Von Sanitätsrat Dr.: Scherbel in, Lissa i. P. Feuill eton: Ter Antisemit. Roman von Ernst,TheodprJusti, III. — Lit.erar i j ch e M i t t e i l p n g e n. Der Gemeindebyte (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau,Dresden, Ems, Magdeburg, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Wien, New Uorf. Von Nah und-Fern. ■ konfksüünelle Volksschulen. Bon Rabbiner' Dr. S n l o m o n s ki, Frankfurt a. O. ^W^aß die Religion"ein' wertvoller und notwendiger Bestandteil des öffentlichen Schulunterrichts sein muß wird heute selbst von denen, die in ihr nur Bildungsmaterial sehen, mit erfreulicher Deutlichkeit zugegeben. Um die wenigen Fanatiker, die das Gläubenswort bei -der Erziehung verdammen, wird es still und stiller, um so lauter aber schallt der Ruf der überzeugten Anhänger der Religion, die in ihrer Üebertragung " auf "die Jugend heilige Pflicht sehen und darüber klagen/ daß sie als bloßes Unterrichtsfach die Lehrtätigkeit, nicht genügend befruchte. Nur die getrennte Erziehung im Bekenntnis, die Scheidung her Jugend nach der Glaubenszugehörigkeit lasse des Lehrers Werk erst zu gedeihlichem Ergebnis kommen. Darum seien konfessionelle Volksschulen eine Notwendigkeit. Diese Anschauung, welche, wie das Schlagwort zeigt, bei den kirchlichen. Kreisen entstanden und mit bekanntem Eifer und Geschick erfolgreich verfochten, von Staats wegen gebilligt und unterstützt worden ist, hat auch innerhalb der jüdischen West.Freunde gefunden und auf die Lehrer Einfluß gewonnen, so daß auch dort der Wunsch nach neuen jüdischen Volksschulen die Gemüter bewegt. Außer Frage steht, daß auch die höheren Schulen, wenn die religiöse Trennung der Volksschule erreicht ist, gespalten werden sollen, aber - zurzeit wird diese. Förderung noch nicht betont. Darum soll hier „ohne Zorn und Vorliebe" erwogen werden, was die deutsche Judenheit bei der Einführung der jüdischen konfessionellen Volksschulen zu gewinnen und zu verlieren hat. Zunächst klingt es/' verwunderlich, daß die erprobten Männer des Lehramtes, .da sie.,stets, wie die Mehrzahl ihrer Kollegen, der Simultan- oder paritätischen SchuleJ aus Ueberzeügung das Wort geredet haben, jetzt das Heil in der jüdischen Schule sehen. Sie wünschten früher Raum für alle BMnntnisse' und hielten den gesonderten Religionsunterricht als eingefügtes Fach für ersprießlich. Die Lehrer verwahren sich auch - Nh Simultan- oder konfessionslose Schulen, paritätische, vpn Falk genanntin-denen.die Schüler der verschiedenen. Konfessionen'den religiösen Unterricht gesondert (unter Leitung der Kirche) erhalten. jetzt dagegen, daß sie anders dächten. Sie fördern die konfessionelle Volksschule, so wird erklärt, nur unter einem bitteren Zwange, sind heute noch unbedingte Anhänger der allgemeinen Schule, haben aber alles Hoffen verloren, daß ihre Zeit so bald wiederkommt. Wie die christliche Jugend, .so müsse darum die jüdische konfessionell unterrichtet werden, wenn sie nicht verloren gehen solle. Der in der Volksschule vorhandene, vorwiegende tendenziöse Geist gefährde das . Judentum, denn die Religion spinne ihre Fäden bis zu den ihr fernen Nebenfächern. Aber das nicht allein! Man wollte die. Teilung bei der Regierung; Zionisten und Antisemiten seien sich einig. Und wirklich muß man auch bei einiger Skepsis gegenüber dieser vielfachen und zum Teil seltsamen Neigung annehnien, daß hier mit einem Schlage eine große Sorge von uns genommen würde. Welch ein Ausblick! Moderne, große, öffentliche jüdische Volksschulen, ähnlich den wenigen Musterinstituten der Großgemeinden, Vernichtung der häßlichen Zwergschulen, würdige Stellung und schon so lange erstrebte Sicherung unserer verdienten Jugendbildner! Wer hat es 'noch nicht drückend empfunden, wenn er den ergrauten Lehrer im kleinen Ort besuchte und ein Wehgefühl, sagen wir wahrer: Beschämung empfand über des Geschickes Laune, das uns glücklicher machte, aber kalt ließ bei den Leiden unserer edelsten Streiter, ihrer Not im Alter, ihrer Furcht, vor dem Rückgang der Gemeinde, der. Bosheit ihrer Häupter! Alle Anerkennung den wackeren Männern, denen das Lehrerelend mit zum Beweggrund für die konfessionelle Schule wurde, zumal keineswegs diese wichtigen, materiellen Interessen allein den idealgesinnten Lehrerstand leiten. Aber sprechen 'denn die verlockenden Aussichten nicht mit? Endlich würden Ordnung und Harmonie in den Wirwarr kommen! Die jüdischen Seminare würden aufblühen, der Vorzug des ftimmbegabten Kollegen oder gar des ungeprüften Kantors hörte auf, das Schächtämt käme nicht mehr in Frage, der Lehrer.fände als Lehrer sein Brot! Auch die oft vermißte Mitarbeit des Hauses wäre vielleicht entbehrlicher als bei der schwierigen Tätigkeit des oft ungünstig angelegten, an Stundenzahl eingeengten Religionsschulunterrichtes. Das alles sei zugegeben! Warum also ein Widerstand gegen die so motivierte konfessionelle Volksschule? Bevor ihre Nachteile erörtert werden, sei betont,, daß ihre Forderung nicht ganz konsequent erscheint. Ein Vergleich der jüdischen Volksschüler mit dem starken Prozentsatz! der höhere Schulen besuchenden Kinder zeigt ohne weiteres, , daß gerade der Anhänger der jüdischen-Volksschule folgerichtig jüdische Gymnasien/Realanstalten Und Lyzeen erstreben müßte. Denn die Besserstellung der dort im Kollegium vereinzelten jüdischen Lehrkräfte kaUn doch, unmöglich die' religiöse Gefahr für die Schüler beseitigen. Wer die koUsessionelle Volksschule will, muß sich auch zu jüdischen höheren Lehranstalten bekennen. Das ist aber nicht geschehen-.- - - '