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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-06-27 · Heft 26 (27.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Wallung -nur solche Männer gewählt werden, die, von echtem Gefühl für das Judentum beseelt, es als ihre vornehmste Pflicht betrachten, für die religiösen Bedürfnisse sämtlicher Gemeindemitglieder, gleichgültig zu welcher jüdischen Glaubensrichtung sie sich bekennen, zu sorgen und auf Schaffung aller erforderlichen religiösen Einrichtungen hinzuwirken. An der Spitze des vorbereitenden Komitees stehen die Herren Siegfried F e l s e n st c i n und Hermann W i t t n e r. L2 München, 20. Juni. Die „Bayer. Staatszeitung" vom 7.d. M. bringt folgenden Artikel: Aus dem Kreise der jüdischen Glaubensgemeinschaft wird uns geschrieben: „An: 10. Juni sind hundert Jahre verstrichen seit der Publikation des Edikts, dessen Bestimmungen noch heute maßgebend sind für die Beziehungen der israelitischen Kultusgenwinden zum Staate. Durch verschiedene Ministerialentschließungen interpretatorisch ergänzt, bildet das Edikt noch heute den Ausdruck dessen, was in bezug auf den Gedankenkomplex Staat und Kirche für die bayrische Judenheit Rechtens ist. Wenn einem Gesetz, nach dazu in unserer gesetzgeberisch so fruchtbaren Zeit, ein so ehrwürdiges Alter beschwden ist, wenn es so viele Umwälzungen, wie sie das 19. Jahrhundert in sich barg, überdauert, dann kann es ein schlechtes Gesetz nicht sein. Und in der Tat fühlten sich unsere jüdischen Mitbürger bis vor ganz kurzer Zeit sehr wohl unter dem Regime des Ediktes. Aber seit etwa sechs Jahren tobt innerhalb der bayerischen Judenheit ein heftiger Kampf. Ein großer Teil wünscht ein neues Gesetz, ein anderer möchte dem Judcnedikt eine noch sehr lange Lebensdauer gönnen. Wiederum ein Teil erhofft von einem neuen Gesetz eine staatskirchenrechtliche Unmöglichkeit, die Regelung innerkirchlich'er Verhältnisse durch die gesetzgebenden Jaktoren. Auch die Erwartung wurde laut, daß eine Art Landeskirchennmlage auch für die Anhänger des jüdischen Glaubens eingeführt werde, daß ferner die finanzkräftigen Kultusgemeinden den leistungsschwachen beistehen müssen durch gesetzlichen Zwang. Im gärenden Parteienkampf fehlt es auch nicht an Hoffnungen religiös-revolutionärer Art, welche den bisher maßgebenden Einfluß der Rabbiner gebrochen zu sehen wünschen. Schließlich möge nicht unerwähnt bleiben, daß ernste Männer besorgten Herzens von einer Aenderung der bestehenden Bestimmungen den Zerfall der Judenheit in zwei bekenntnismäßig streng geschiedene Konfessionen befürchten. Sv wogt es hin und her, und der Gegensatz hat schon manchen Widerhall auch in den Parlamenten gefunden. Unser Kultusministerium hat auch diese Frage mit vollem sittlichen Ernst erfaßt. Wenn das Judenedikt zu Grabe getragen werden sollte, andere Grundgedanken wird auch ein neues Gesetz nicht bringen können. Und so wird es auf alle Fälle dem Geiste nach weiterleben!" „Wir geben", bemerkt die Redaktion der „Bayer. Staatszeitung", „diese Ausführungen so zur Kenntnis, wie sie uns zugegangen sind, ohne nach der einen oder anderen Richtung dazu Stellung zu nehmen." 2Q Hörde, 20. Juni. Ein sehr geschätztes Mitglied der jüdischen Gemeinde, einer der angesehensten und beliebtesten Bürger der Stadt H ö r d e, der Kaufmann Julius Blank wurde am 17. d. M. nach urplötzlich ihn am Vadeplntze ereilten Tode zu Grabe gebracht. Härder und Dortmunder Zeitungen widmeten dem Verblichenen warme Gedenkworte. Ein fast endloses Trauergefolge erwies dem Heimgegangenen^ die letzte Ehre, und die zu beiden Seiten der Hauptstraße bildende Volksmenge gab in stillem, ernstem Verhalten kund: ein braver, allen wohlwollender Mitbürger ist uns so jäh entrissen worden. Am Grabe wurde Herr Lehrer und Prediger I. Stern in schlichter, meisterlicher Liede der Dolmetsch der Schmerzensgefühle der hartbetroffenen Familie und des ganzen Ortes und hob u. a. hervor: das heute als das bedeutendste am Platze geltende Geschäftsunternehmen des Herrn Julius Bla nk, aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen, weist auch nicht einen Schatten auf seinem Entwicklungswege auf. Gleichbedeutend mit seinem redlichen Schassen war auch sein mildtätiger Sinn. Lehrer L a z a r us, Lübbecke, ein Schwager des Verklärten, rief im Namen der Verwandten Dankesworte dem Betrauerten ins Grab nach. Es bleibe nicht unerwähnt, daß die jüdische Gemeinde in Horde den Entschlafenen noch wenige Wochen vor seinem Tode zu ihrem ersten Vorsteher gewählt hatte. Ehre feinem Andenken! Gesterretch-Angam. K. Söicit, 20. Juni. Unter der ' Ueberschrift „Ein edler P r i e st er" erzählt das „Prager Tagblatt" vom gestrigen Tage folgende wahrhaft rührende Begebenheit aus dem israelitischen Präger Friedhof. Am letzten Mittwoch starb in der Landesirrenanstalt in Prag der jüdische Patient Salomon Hartmann und am Freitag sollte dessen Beerdigung stattfinden. Da Hartmann keine Angehörigen hatte und mittellos war, stattete die Israelitische Beerdigungsbrüderschaft das Begräbnis aus. In der Leichenhalle war nun der Sarg aufgebahrt; es war kein Trauernder gekommen, dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen, nur das amtierende Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa mit den üblichen Funktionären waren in der Halle anwesend. Dort bot sich ihnen ein ergreifendes Bild: vor der Leiche kniete ein katholischer Geistlicher, ein würdiger alter Herr, dem die Tränen über die Wangen rollten. Es war Pater B. Dvläk, der katholische Seelsorger des Allgemeinen Krankenhauses. Mit vor Rührung bebender Stimme erzählte er: „Der Verstorbene und ich waren Jugendfreunde gewesen; nach Absolvierung des Gymnasiums in Neuhaus bezogen wir die Prager Universität, Hartmann wandte sich der Medizin zu und ich der Theologie. Er schlug sich mit Privatstunden leidlich durch, verfiel aber nach zwei Jahren in geistige Umnachtung, so daß er der Landesirrenanstalt übergeben werden mußte, in welcher er nach 45 jähriger Internierung nun vom Tode erlöst wurde. Da es sein Krankheitszustand erlaubte, wurde er in der Küche beschäftigt. Ich täuschte ihn über seine wahre Lage und meinte gar oft, um ihn zu trösten, daß wir beide in gleicher Stellung sind, beide an derselben Anstalt beschäftigt. Allwöchentlich besuchte ich meinen armen Kollegen." Nun trat der Vorbeter an den Sarg, rezitierte die üblichen Gebete, und der.ärmliche Kondukt bewegte sich zum Grabe. Als nun die ersten Schollen aus den Sarg rollten, trat auch Pater Dolük heran, verrichtete ein kurzes Gebet und rief seinem Freunde ein Ileguieseat in pace (Ruhe in Frieden) nach und warf drei Schaufeln Erde pietätvoll ins Grab. Auf die Anwesenden hatte diese von wahrer Nächstenliebe eines katholischen Geistlichen zeugende Freundschaft zu seinen: unglücklichen jüdischen- Jugendfreunde ergreifend gewirkt. Pater Dolak versprach auch, das Grab seines Jugendgenossen oft zu besuchen und zu schmücken. — In der am Sonntag stattgefundenen Generalversammlung der Prager Israelitischen Beerdigungsbrüderschaft wurde der Beschluß gefaßt, anläßlich des 70. Geburtstages des verdienstvollen Präsidenten der Chewra Kadischa Herrn David Lieben eine Stiftung für israelitische Bräute ins Leben zu rufen, die den Namen des Jubilars führen sollte. Präsident David Lieben, der vor einigen Tagen seinen 70. Geburtstag feierte, ist durch seine aufrichtige Frömmigkeit und eminente Gelehrsamkeit auf talmudischem Gebiete bekannt und gehört infolge seiner seltenen Charaktereigenschaften zu den angesehensten Mitgliedern der Prager Kultusgemeinde. — Am 18. >d. M. beging in Karlsbad >der langjährige Vorsteher der dortigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr Ludwig Moser, seinen 80. Geburtstag. Ludwig Moser hat sich um-das Aufblühen der Karlsbader Kultusgeureinde außerordentliche Verdienste erworben, er ist der Schöpfer vieler humanitärer Institutionen, die geradezu mustergültig sind und musterhaft geleitet werden, ferner Gründer und Förderer vieler wohltätiger Stiftungen und Einrichtungen und edel, hilfreich und gut den Armen und Notleidenden gegenüber, an denen in Karlsbad wahrlich kein Mangel ist. Der Jubilar wurde wiederholt für sein edles, selbstloses Wirken auf kulturellem und humanitärem Gebiet vom Kaiser ausgezeichnet und steht in Stadt und Land in höchstem Ansehen. Auch wir schließen uns den Glückwünschen seiner zahlreichen Verehrer und des Vorstandes der Karlsbader Kultusgemeinde an und rufen dem noch jugendlichen Jubilar, zu: ad multos annos. Von Mh und Fern. — Anläßlich des Negierungsjubiläums des Kaisers sind außer den in der vorigen Nummer genannten noch folgende Glaubensgenossen mit Auszeichnungen bedacht worden: Herr Stadtältester Dr. Weigert, Berlin, erhielt den Kronenorden zweiter Klasse, Herr Kaufmann Landsberger, Charlottenburg, den Roten Adlerorden vierter Klasse. Ebenso erhielten Stadtrat Wiener in Kattowitz den Roten Adlerorden vierter Klasse und Dr. Paul Schottländer in Breslau den Kronenorden dritter Klasse. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Lüneburg, Herr Bankier M. I a c o b s o h n, wurde zun: Kommerzienrat ernannt. — Herr Rabbiner Israel Nobel, ein Sohn des Rabbiners Joseph Nobel in Halberstadt, ist zum Rabbiner der jüdische Gemeinde in Schneidemühl gewählt worden. Er amtierte bereits seit sieben Jahren in Filehne und war in der Zwischenzeit zweimal nach anderen Gemeinden berufen worden; so an die Gemeinde Ahawas Scholaun zu Berlin und an die Synagogengemeinde Kiel, — Der jüdische Turnverein „Bar Kochba" in Hamburg hat, wie in der letzten Monatsversammlung berichtet wurde, einen orthopädischen Kursus einmal in der Woche für die dieser Uebungen bedürftigen Schüler in der Talmud-Thora-Realschule eingerichtet. Die

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