Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang. Nr. 26 Berlin, 27. Juni 1913 Allgemeine Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32h. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/HZ, zu rich en. Verlag von Rudolf Aloffe, Berlin. ffttftnff Aus der Welt der Verlorenen. Von Kreisrabbiner IJUlJull* Dr. Max Beermann, Insterburg. — Die Woche. — H. Jadlowker. — Kissingor Badebrief. Von Benas Levh, Berlin. — Der VI. Deutsch ^Israelitische Verbandstag. — Die Juden in den Konfidentenberichten 1833 bis 1847. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Ghetto. Eine alte kleine Geschichte. Von Ellyn Karin. — Druckfehldrberichtigung. Der Gemcindebote lVeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Lissa i. P., Breslau, Greifswald, Leipzig, München, Hörde, Wien. — Von Nah und Fern. . Aus der Welt der Verlorenen. Von Kreisrabbiner Dr. Max Beer mann, Insterburg. 4^7 P weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, und doch A sind es schon säst 15 Jahre, die seitdem verstrichen sind. Zum erstenmal betrat ich damals als junger Seelsorger die Strafanstalt. Weder Universität noch Seminar hatten den Jünger der Theologie für die schwierige Tätigkeit, die seiner in der Seelenpflege der Gesunkenen wartete, irgendwie vorbereitet. Krohnes Werk über Gefängniskunde, ein großzügiges und peinlich genaues Lehrbuch, wurde mit Feuereifer durchstudiert. Dieser immer noch sehr brauchbare, nach Umfang und Inhalt ziemlich vollständige Grundriß der Gefängniswissenschaft konnte immerhin zur ersten Orientierung auch für Seelsorgerzwecke dienen und machte den Anfänger mit den leitenden Gedanken des modernen Strafvollzuges vertraut. Dann gings an das Studium von zirka 30 umfangreichen Personal- und Prozeßakten jüdischer Detinierter. Damals war die Dezentralisation der jüdischen Strafgefangenen wohl schon ministeriell verfügt, aber immerhin befanden sich in der Jnsterburger Anstalt, die neben der in Rawicz die jüdischen^ Sträflinge erhielt, zirka 30—40 Juden. Abend für Abend saß ich in der ersten Zeit meines hiesigen Aufenthaltes vor meinem Studiertisch und arbeitete dicke Aktenbündel durch. Staunenden Ailges und bewegter Seele sah ich eine ferne und fremde Welt vor mir erstehen, die Welt der Verlorenen! Wie sollte ich jenen Unseligen und Unglücklichen beikommen! Da der Giftmörder, der den Mordversuch mit 18 Jahren Zuchthaus büßen mußte, hier die Meineider, Hehler, Einbrecher, Notzüchter, Taschendiebe, Fälscher, Hochstapler und Zuhälter! Wie sollte ich den hartnäckigen Leugnern den Weg zum Geständnisse bahnen, dem Verzweifelten neue Hoffnung, dem Willenssiechen Kräftigung und Aufschwung vermitteln, wie vor allem die rechte Einsicht gewinnen in das Labyrinth der Verbrecherseele, und wie die klare durchdringende Erkenntnis mir erwerben von den sozialen Schäden, die zum Emporkeimen des Verbrechens Mitwirken? . : Heute hat der Seelsorger, der sich auf dies leidumdüsterte Gebiet begibt, einen lichtvollen Führer bei seiner Arbeit an den Gestrauchelten in Aschaffenburgs grundlegendem Buch, „Das Verbrechen und seine Bekämpfung" (Heidelberg, Universitätsbuchhandlung). Ich will im folgenden weder eine Kritik noch eine Inhaltsangabe dieser prächtigen Einführung in die dunklen Hallen der Kriminalpsychologie geben; — übrigens bildet diese Schrift zugleich einen hervorragenden Beitrag zur Reform der Strafgesetzgebung, deren erste Resultate von allen sozial Interessierten jetzt mit Spannung erwartet werden. — Ich will mich an dieser Stelle nur auf die Darbietung der Gedanken beschränken, die auch dem gebildeten Laien ein Verständnis für die eigenartigen Schwierigkeiten der Seelsorge im Strafvollzüge eröffnen können und geeignet sind, ihn für verständnisvolle Fürsorge, zumal für die Entlassenen, von neuem zu gewinnen. * Was ist das Verbrechen? Ist es ein Ausfluß krankhafter Seelenstörung und Willensverderbnis des einzelnen oder ein Ergebnis der ungesunden, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Man kann sagen: die soziale D r u ck g e st a l - tung bildet den Nährboden für viele Rechtsbrüche. Dazu kommt dann die Unfähigkeit des einzelnen, dem Drucke der äußeren Anlässe zu widerstehen. Man spricht so von individueller Dranggestaltung. Das Verbrechen ist also im wesentlichen ein Produkt zweier Faktoren, einmal der Unzulänglichkeit des einzelnen und sodann der schlechten Zustände des Gemeinschaftslebens. Tatsache ist, daß soziale Ursachen, äußere Verhältnisse Mitwirken, das Verbrechen hervorzurufen. Schon der jährliche Temperaturwechsel scheint für Ebbe und Flut im Anschwellen der Zahl der Verbrechen nicht gleichgültig zu fein. Ferri zeigt, daß Unzuchtverbrechen in Frankreich in der schönen Jahreszeit etwa von März bis Juni am stärksten sind; ich kann durch meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen und durch Studium statistischer Versuche bestätigen, daß in Deutschland die Zahl der Unzuchtsverbrecher im Juli am höchsten steigt. Uebrigens liegt auch der Höhepunkt der Selbstmordneigung im Sommer. Man wird also von periodischen Schwankungen des psychologischen Gleichgewichts im gewissen Sinne reden können. Anderseits darf man sich nicht verhehlen, daß der Sommer mit seinen vielen Gelegenheiten zum Aufenthalt im Freien die Unzuchtsverbrechen in Wald und Feld erleichtert, während die Eigentumsverbrechen im Winter mit seinen größeren Ausgaben und schwierigeren Erwerbsverhältnissen begreiflicher sind-. So hat überhaupt der wirtschaftlich arme Osten ein höheres Prozent an Diebstählen aufzuweisen als der glücklichere Westen. Religion und- Familienleben haben zweifellos einen gewissen Einfluß auf das Verbrecherwesen. Bei den Juden sind