Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang. Nr. 25 Berlin, 20. Juni 1913 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu rich:en. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ‘fTttfttftl'f Die deutschen Juden und die Landwirtschaft. Von Robert Löewenthal. — Die Woche. — Zur Frage der Dezentralisation der jüdischen Gemeinde Berlin. Von HermanVeit Simon. — Zadoc Kahn. Von Ludwig Geiger. — Professor Robert Davidsohn. — Wie das Judentum Mission treibt. Von Rabbiner Dr. Norden in Elberseld. — Ein Jahrhundert bayerisches Judenedikt. Von L. F. — Jacob Rodriguez Pereira, der erste jüdische Taubstummenlehrer. Von I. Kolodzinsky, Weihensee. — Feuilleton: Ghetto. Eine alte kleine Geschichte. Von Ellhn Karin. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Pinne, Breslau, Leipzig, Aachen, Mannheim, Wien, Marschau, Kiew. — Von Nah und Fern. Die deutlchrn Juden und dir Lsndwirtlchakt". Von Robert Löewenthal. III. as Ziel aller Bestrebungen, die Landwirtschaft zu fördern, muß auf die Schaffung kleiner oder mittlerer Betriebe gerichtet sein. Weder der Großbetrieb mit seinen recht- und besitzlosen Lohnarbeitern noch die Genossenschaft, die den Besitz des einzelnen ausschließt, bilden die Zukunft der deutschen Landwirtschaft, sondern diese liegt in den Familiengütern. Hat doch selbst der deutsche Reichskanzler Herr v. Bethmann Hollweg diesen Grundsatz in einer Sitzung des Reichstages im Winter 1912 bei Beratung der Maßnahmen gegen die Fleischteuerung ausdrücklich anerkannt. Die Regierung überhaupt betätigt sich schon seit langer Zeit in der Schaffung kleinbürgerlicher Existenzen, und was sie aus politischen Gründen in der Ostmark (wenn auch nicht in immer sympathischer Weise) tut, das müssen wir Juden um unserer selbst willen tun. Für diejenigen jüdischen Landwirte, die Vermögen genug besitzen, erledigt sich die Frage der Selbständigkeit ziemlich leicht. Sind sie außerdem noch gute Fachleute, so können sie sich getrost überall niederlassen. Aber jüdische Landwirte mit Vermögen sind sehr dünn gesät, und ich darf vorläufig diese — zwar sehr erwünschte, aber leider kaum vorhandene — Gattung Landwirte wohl aus dem Kreis meiner Erörterungen herauslassen, trotzdem vieles von dem, was ich zu diesem Punkt noch zu sagen habe, auch auf sie paßt. Heute ist es etwa so, daß, wenn ein jüdischer Landwirt sich selbstständig machen will, er sich zuerst nach einem Gut umschaut. Hat er dieses gesunden, so schreibt er Briefe von einer Stiftung an die andere und bittet um ein Darlehen, das gewöhnlich — da Land ein teurer Artikel ist — nicht gerade gering ist. Hat er nun das Geld erhalten, so fängt er mit Sorgen und unverhältnismäßig hohen Schulden an, und, es braucht nur *) Artikel 1 und 2 vergleiche Nr. 21 und 22. einmal eine Mißernte in den ersten Jahren einzutreten, so ist unser Landwirt sein Gut samt seinem guten Namen und die Stiftungen sind ihr Geld los. Oder die Stiftungen stecken, um nicht alles zu verlieren, noch mehr Geld in das Gut, und unser Bauer arbeitet nur um die Zinsen, wenn er nicht alles im Stich läßt und in der neuen Welt ein neues Leben beginnt. Jedenfalls wird bei der Gründung von einzelnen Existenzen sehr viel Geld verpulvert, das gespart werden könnte, wenn man statt dessen zur Gründung von Kolonien überginge. Diese empfiehlt sich auch schon aus dem Grunde, daß die einzelnen jüdischen Bauern einen Rückhalt aneinander haben, was bei der Einzelsiedlung nicht der Fall ist. Sie können so gemeinsam größere Maschinen benutzen, können Molkerei- und Einkaufsgenossenschaften bilden, und sie können bis zu einem gewissen Grade ihren religiösen Bedürfnissen genügen, können auch wohl einen Lehrer anstellen und eine Synagoge bauen. Wie aber soll das Geld für diese Kolonien beschafft werj den? Wie will man es möglich machen, einen Bauernstand zu schaffen, der weder auf Schulden noch auf Wohltaten seine Existenz gründet? Die hier entwickelten Ideen des Lehrers Rothschild dürften eine recht glückliche Lösung der Frage darstellen. Eine Gesellschaft, die ein Areal kauft und es an Interessenten verpachtet, sollte gebildet werden, und zwar sollten die Mitglieder der Gesellschaft ihr Geld ebenso verzinst erhalten wie die Aktionäre irgendeines Industrieunternehmens, nämlich vom Reingewinn. Natürlich müßte auch den Pächtern Gelegenheit gegeben werden, das Land, das sie bebauen, als Eigentum zu erwerben, und könnte man dies so einrichten, daß ein bis zwei Prozent der Pachtsumme als Abzahlung gelten, nicht zur Verteilung gelangten, sondern neuen Landanschaffungen verwandt werden müßten, so daß der Landbesitz der Gesellschaft immer der gleiche bliebe, trotzdem die Zahl der jüdischen selbständigen Bauern im Wachsen wäre. Der Gesellschaft müßte gleichzeitig eine Kreditgesellschaft angegliedert werden, die den Kolonisten das Geld zur Beschaffung des Inventars und das Betriebskapital vorschießt, und dieses müßte mit dem Grundstück zusammen verzinst und amortisiert werden. Eine weitere Frage wäre es, ob die Gesellschaft sich auch mit der Heranbildung des Nachwuchses befassen soll. Dies wäre, meiner Ansicht nach, zwar das Ideal, ist aber nicht durchzuführen und scheidet aus der Diskussion, da man Erziehung und Geschäft nicht miteinander verquicken soll, und ein rein geschäftliches Unternehmen, das keinen Groschen geschenkt nimmt, soll die Gesellschaft sein, die weiter keine Aufgaben hat, als die Interessen der an ihr beteiligten Personen zu wahren, denn nur dann wird sie wirklich etwas Ganzes schassen. Natürlich muß sich die Gesellschaft an jedem Pachtgut das Vorkaufsrecht sichern, und zwar zu einem Preise, der ihr gegenüber die Bodenspekulation aüsschließt.