Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-25 · Heft 17 (25.4.1913) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229087--69387-3281686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

77. Jahrgang Nr. 17 Berlin, 25. April 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 40/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße *6/*9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Nationalität und Religion. Von Dr. Ziegler, Karlsbad. — jJUljlUl« DieWoche. — Brief aus China. Von Bruno Schindler.— Aus den Memoiren eines jüdischen Großkaufmanns. Von Dr. Adolph Kohut. — Uiiterricklsfragen. Von Hermann Vogelstein. — Eine Denkschrift über die Errichtung eines Lehrerseminars für die Juden Süd- und Neuostpreußens. Von Jacob Jacobson. — Feuilleton: Ter General von Chammerow. Purimhumoreske von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. .Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Posen, Krotoschin, Breslau, Leipzig, Neustadt, Frankfurt, Heidelberg, Wien, Florenz, Petersburg. — Von Nah und Fern. Mationslitst und Srligion. (Ium passahfeste.) Von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. vr einigen Wochen stand ich bewundernd, fast in Anbetung versunken, vor dem gewaltigen Moses des Michelangelo am Grabmal Julius II. zu San Pietro inDincoli.. Welche ungeheuere Kraft liegt in dieser Gestalt, welche titanenhafte Macht; was Nietzsche unter seinem „Uebermenschen" sich gedacht und vorgestellt hat, durch Michelangelo ist es vor Jahrhunderten in der Mosesstatue Wirklichkeit geworden. Es ist ganz merkwürdig, daß Nietzsche, der ja am Alten Testament in erster Reihe die unverdorbene Naturkrast verehrt, nirgends dieses Moses Erwähnung tut. Und doch hat Michelangelo nur einen kleinen Bruchteil des unfaßbar großen Mannes verewigt: die große, heilige-Zornesgebärde; es brauchte noch des Meißels eines ähnlichen Künstlers, um Moses intuitiven Geistesslug wiederzugeben. Denn auch hierin ist er bis heute unerreicht geblieben. Schon wie er den aus der Sklaverei befreiten Menschenhausen zur Nation macht und diese Nation an die Gottesidee schmiedet, ist eine Tat, der an weitausschauender Größe keine ähnliche in der Weltgeschichte zur Seite steht. Die n-ächste Folge jeder Freiheit ist der Individualismus: sie kann ohne ihn eigentlich gar nicht fein. Daß er ein großer Segen der Menschheit ist, wer könnte daran zweifeln? Aber seine Gefahr ist nicht zu verkennen. Der Individualismus führt leicht zur Selbstsucht, zum Egoismus. Das Verlangen, die eigene Persönlichkeit voll zur Geltung zu bringen, macht rücksichtslos gegen andere. Hat das bei bedeutenden Geistern seine Berechtigung, so gereicht es zum Unheil, wenn es Zeitstimmung und Mode wird. Diesen, das Ganze untergrabenden Gefahren des Individualismus arbeitet mit gutem Erfolg das Nationalgefühl, das Nationalbewußtsein entgegen. Das Individuum, das einzelne, lernt wieder einem Gangen sich unterordnen, unterwerfen, seinen Willen unterdrücken' zugunsten .einer höher stehenden Einheit. Bei gesunden Völkern sehen wir daher immer das gesteigerte Nationalgesühl den Individualismus ablösen. Jedoch auch Nationalbewußtsein führt zu häßlichem Egoismus, wenn auch nicht des einzelnen, so doch der Nationalität. „Durch Nationalität zur .Bestialität," sagt Grillparzer mit gutem Recht. Alle Erfahrungen der Geschichte bestätigen das bei allen Völkern, und unsere Zeit ist geradezu das Opfer dieser Strömung, die im Militarismus der modernen Staaten ihren furchtbaren Ausdruck findet. Es mußte aber das alles kommen als Gegensatz zu dem alles auflösenden Individualismus, der als Begleiterscheinung der Freiheit des Liberalismus die nationalen Einheiten zu zermürben drohte. Nun bedarf es aber wieder eines Heilmittels gegen die Ausschreitungen, den Egoismus des Nationalgefühls. Es müßte ein Mittel sein, das Freiheit und Nationalgefühl gleichsam bindet, sie beläßt, zugleich in Schranken hält. Dies Heilmittel ist die Religion, ist der weltumfassende Mosaismus in seinem Wesen, in seinem Kerne. Der Mosaismus lehrt uns 'in Gott die Summe aller Sittlichkeit verehren und im Menschen das Ebenbild Gottes sehen, das Gott auf Erden annähernd verwirklichen soll. Dieser grundlegende Gedanke des Mosaismus hebt das Individuum aus sich und über sich selbst, aber auch über seine Nationalität heraus. Er lehrt nicht etwa das Uebersließen in einen weltentrückten Kosmopolitismus, er anerkennt den gesunden Egoismus sowohl des einzelnen wie der Nationalität, aber läßt uns das'Menschheitsgefühl nie verlieren. Das hat Moses den Israeliten verkündet in dem Moment, da er Israel die Freiheit gab, mit ihr das gesteigerte Nationalgesühl, beide aber mit der Religion, mit seiner Gottesidee unlöslich verbindend. Das freie Israel soll, vom ersten Augenblick seines Entstehens angesangen, das Volk Gottes sein. Das erste der zehn Gebote lautet: „Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich hinausgeführt habe aus dem Lande Aegypten, aus einem Hause von Sklaven!" Nun soll es in unseren Tagen anders werden, nun sollen wir aus den zehn Geboten neun machen. So verkündet es ein großer Teil unserer Nationalen. Nicht Mehr sollen Religion und Volkstum in Israel unlöslich eins sein, Israel soll ausschließlich Nationalität sein, Religion Privatsache.- Der Genius Israels soll sich nur der ^Nationalität zuwenden, nicht der Religion. Ist es nicht sonderbar, daß gerade jene, die das Wort Assimilation hassen, die von einer Reform des Judentums nichts wissen wollen — nicht etwa aus Religiosität, sondern aus politischem Jsolierungsdrang — die größte Assimi- ' lation an das moderne Nationalitätsbewußtsein vollziehen, die revolutionärste Reform, die jemals verkündet wurde in- Jsrael seit seinem Bestände. Einst hat es geheißen: „Sage den Israeliten: „Ich bin JHWH!" Ich ziehe euch heraus von den Lastarbeiten Aegyptens, ich rette euch von ihrem Sklavendienst, erlöse euch mit ausgestrecktem Arm und großem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.