Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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l 106 - „Dank! Dank!- Sie haben ihn gerettet!" ~ „Nicht ich, seine gute Natur hat ihn gerettet." - „Ich weiß es besser. Die anderen hatten ihn ausgegeben, Sie allein haben den Kampf mit dem Tode ausgenommen und ihn b-ezwungen." . „Jch.wäre ohnmächtig gewesen ohne Sie, gnädiges Fräulein. Wenn Sie am Bette standen und Ihre Augen voll Vertrauen auf mich richteten, da sagte ich mir: Du darfst nicht unterliegen, sie rechnet aus dich! -Ihre Zuversicht flößte mir Kraft ein, schärfte meine Sinne, und so . . ." •- „Und so," fiel sie mit einem Lächeln unter Tränen ein, „so bin ich es gewesen, die das Wunder vollbracht hat." . „Gewiß," sagte er eifrig. „Uns Aerzten wird vieles zur Last gelegt ohne unser Verschulden, aber wir werden astch bis- - weilen gepriesen ohne Verdienst. Mancher Erfolg, der uns zugeschrieben wird, ist auf ganz andere Ursachen zuruckzuführen. In den Krankenstuben werden Mächte wirksam, die mit unserer Kunst nichts zu tun haben, Kräfte, die wir nicht entfesseln, kaum kennen, und die statt unser, oft gegen uns, die Heilung übernehmen." „Sie suchen nach Gründen, Ihr Verdienst zu schmälern, lieber Herr Doktor. Es wird Ihnen nicht gelingen. Zugegeben, daß es Fälle gibt, wo psychische Einflüsse aus der Umgebung des Kranken aus den Krancheitsverlauf einwirken — hier konnte allein der Arzt helfen." ' „Wir wollen nicht streiten," versetzte er lächelnd. „Ich schlage vor,- wir wählen den Patienten selbst zum Schiedsrichter. Jetzt will ich aber schnell noch etwas äusschreiben." ,. Er ging an den Tisch und fetzte -ein Rezept auf, wahrend sie neben ihm stand und zusah, wie seine Hand, eine schmale, edle, gleichsam beseelte Hand, über das. Papier flog. „So," sagte er,, als er fertig war. „Ich nehme das Rezept , in die Apotheke mit und bringe die Tropfen her, um sie Ihrem Herrn Vater persönlich zu reichen, sobald er erwacht. Er hat, was ich begreife, die Lust am Einnehmen verloben und einen , Widerwillen gegen alle Medizin, Nützt aber nichts, d i e muß - er nehmen." .. „Lieber Herr Doktor," bat sie, nach dem Matte greifend, „lassen Sie das Rezept hier, ich schicke es in die Apotheke. Sie dürfen-sich deshalb nicht wieder her bemühen. Ich mache mir schon Vorwürfe, daß so viele Leidende.unseretwegen Ihre Hilfe entbehren müssen. Auch der berechtigte Egoismus hat seine Grenzen." „Sie können unbesorgt sein," war seine Antwort, „ich komme schonbei meinen Patienten herum. Sie glauben nicht, was man allmählich für eine Virtuosität in der Zeiteinteilung erlangt." „Sagen Sie lieber: in der Aufopferung. Ich weiß sehr wohl, daß Sie oft über Ihre Kranken-Essen und-Schlaf versäumen." - - „Ach, glauben Sie das nicht. Ich bin ein Schlemmer von Natur, und Schlaf -- Gott sei Dank, ich schlafe auf Kommando, selbst beim Treppensteigen, wenn Sie befehlen. Also —. darf ich die Medizin bringen?" „Sie guter Herr Doktor!" . „Guter Herr Doktor! Es ist ja nichts als Eigennutz. Ich möchte mich am liebsten gar nicht wegrühren, so interessiert mich der Fall. Es ist ein Phänomen, eine der seltensten Komplikationen verschiedenster'Krankheiten; und zu beobachten, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, ist so lehrreich, so — —" „Jetzt sagen Sie doch nicht ganz die Wahrheit, Herr Doktor! Ist es wirklich nur der interessante Krankheitsprozeß, der Sie fesselt, und nicht auch ein -wenig der Kranke selbst?" Doktor Deutzer sah das. schöne, junge Mädchen an, mnP sein Gesicht leuchtete. - I ' „Ja, mein.liebes,r...gnädiges. Fräulein/'.t erwiderte; er. „Lassen Sie mich noch-mehr sägen: der-ganA/stille Zauber dieses Hauses'ist es,--der mich herzieht. Zürnen Sie, dem Ruhelosest'nicht, wenn ihn die Sehnsucht erfaßt, an dem Glstcke^der Friedlichen teilzunehmen, und wäre es; auch nur für Äugenblicket" ' . . ' . Er hielt inne/als 'schwankte er, ob er weiter sprechensollte. Ihre-Blicke aber schienen ihn dazu auszufordern. ^,Seit meiner frühesten Jugend," fuhr er fort, „ist mein Leben ein unausgesetzter Kampf. Zuerst mit der Not. Um ' studieren zu können,- mußte ich mir die.Pfennige abdarben, atemlos von Haus-zu Haus, von - Arbeit zu. Arbeit rennen, bis das nächste? Ziel /erreicht war. ■. Dann nahm der Daseinskampf andere Formen an, aber, er war fast noch schwerer. .Der Arzt kann feiste Dienste nicht aufdrängen, er muß Rücksichten aller Art üben, unddöch sühlt auch er den Hunger und,'will leben . und sich betätigen. Und dann, als die schlimmsten Sorgen überwunden und. Ruß und Vertrauen gewonnen waren, dann begann erst der Riesenkamps: das unablässige Ringen mit -dem Leiden und, was-das Bitterste von allen: ist,-das Ringen mit der eigenen Ohnmacht, dem ewigen i§noramus . v Ergriffen von dern seltsam wehmütigen Ton, in dem er, der berühmte und erfolgreiche 'Arzt, dieses Selbstbekenntnis, vorbrachte, hatte sie zugehört. Als er nun mit einem Seufzer schwieg, sagte sie:, - . ),Und dennoch beneide ich den Mann, der alles der eigenen Kraft verdankt,.- von. niemandem gestützt, sich emporgerungen hat zur Höhe menschlichen Wirkens, keinemverpflichtet, aber Tausende beglückend, wie ein Fürst, ja größer als ein Fürst, denn er spestdet nicht Gnade, sondern Liebe." " „Und doch wie ein' Fürst," versetzte, erlächelnd, „denn er findet feinest Schmeichlers" ' :; „Der es aber von Herzen aufrichtig meint." - „Und eine ehrliche Gegenrede, sreundlich stusnchmG. wird. Was vermag der beste Arzt ohne jene hilfreichen ^Genien, die seiner. Spur folgen, die den Hungernden Brot, den Haltlosen und ' V erzweifelnden - Mut und Trost bringen? Sein Wissen .und.seine.Kunst 'ist Ehren, aber die Barmherzigkeit, die mit- . trägt,-.die ausrichtet ustd fröhlich macht, sie hat höheren Wert." - So sprechend, ergriff er ihre Hand und küßte sie. „Was-tun Sie> Herr Doktor?" ries sie errötend. „Ich küsse die Hand, die Schmerzen lindert und Tränen stillt." . ' . ' " - Er verneigte sich vor ihr -und ging ... ' Verwirrt und bewegt zugleich blickte sie ihm nach. .Seit Jahren — seitdem sie an der Hand einer mütterlichen Freundin in den Dienst der Nächstenliebe getreten war —- kannte sie ihn als.den menschenfreundlichen Arzt, den uneigennützigen Helfer. Bei ihren Pflegebefohlenen, in den Häusern der Aermsten und.-Elendesten war sie ihm ustzählige Male begegnet. Nie hatte sie ihn-anders als ernst und verschlossen gesehen, von jener WortkäLgheit, die auf ein starkes Innenleben, eine beständige Denktätrgkeit schließen läßt, und die man oft gerade bei Männern ist verantwortlichen Berufen findet. Kein Wort Über sicht felbsstserneArbeit, feine Kämpfe war je über seine Lippen - gekommen: Nun auf einmal hatte er seine Seele vor ihr Mlsgeschlossen, sie einen Blick in'seine verschwiegene Gedankenwelt tun lassen. Und was trieb chn dazu? War es das Hochgefühl des Siegers, das stolze -Bewußtsein, der hoffnungslos' erschienenen'-KrankheiL Herr geworden zu sein? .Sie Hatte, ihst oft in Ähnlichen Lagen beobachtet,- nie hatte er eine Aeußerung der Selbstzufriedenheit getan, kaum-daß ein unmerkliches Lächeln dieFieude am Gelingen andeutete. - - - - . (Fortsetzung , folgt.) -------