Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Bevölkerung, welche von russischen Emissären gegen die Juden und Polen ausgehetzt wurden. Man drohte den Dorfjuden mit Pogromen, verweigerte die Einlösung der bei Juden kontrahierten Schulden, ja, man nahm ihnen vielfach, ohne daß sie Widerspruch zu erheben gewagt hätten, ihre Warenvorräte weg. Die Negierung — das muß ausdrücklich hervorgehoben werden — tat ihr möglichstes, um Ordnung zu schassen und die Unruhe und Erregung zu bannen. Doch hatte sie nicht überall vollständigen Erfolg, da sie in Anbetracht der bedrohlichen Stimmung von äußerst schärfen Maßnahmen absehen mußte, um die Beunruhigung nicht noch mehr zu steigern. Die wilden Instinkte der irregeleiteten Bevölkerung sind noch immer nicht beruhigt. Namentlich im Nordosten des Landes treten bedauerliche Erscheinungen zutage. Erst vor einigen Tagen wurden einige Bauern wegen ihres exzessiven, antisemitischen Benehmens arretiert. Dieser Antagonismus Zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung, so führt das „Lemberger Tageblatt" an leitender Stelle aus, ist nur künstlich durch unverantwortliche Pogromagitation herausbeschworen worden, und diese Kalamität ist leicht geeignet, das ganze Land in ernste Sorge zu versetzen. Es sei, meint das genannte Blatt, die vornehmste Pflicht der ruthenischen politischen Führer, aufklärend zu wirken und ihre Volksgenossen vor solchen Exzessen gegen die Juden nach russischem Muster (!) zu warnen. Die Nuthenen, welche jetzt eine eigene Universität beanspruchen, sollten durch ihre Handlungsweise beweisen, daß sie sich von den finsteren, mittelalterlichen Anschauungen emanzipiert haben. — Am 3. Oktober 3911 entdeckte der Wiener Astronom Negierungsrat P a l i s a einen Planeten, der in astronomischen Kreisen großes Interesse erweckte. Dieser Planet führt die provisorische Bezeichnung „M. T. 1911". Die Astronomen der Wiener Sternwarte haben nun beschlossen, dem neuentdeckten Planeten zur dauernden Erinnerung an Albert Freiherrn v. Rothschild, dem die Wiener Sternwarte und die Astrononrie... in Oesterreich so ungemein viel Unterstützung und Förderung zu danken haben, den Namen „Albert" zu geben. Es sollte diese Namensgebung ein Zeichen ihrer Dankbarkeit sein, indem sie ihrem Mäzen ein Denkmal setzen, von dem mau wohl sagen kann, daß es „aere perreruiius" ist. 22 Trenes6ri (Oberrrngarn), 6. Februar. In der Nacht des 18. Januar ist der allverehrte, ob seines tiefen theologischen Wissens und seiner streng konservativen Lebensführung in allen Kreisen der ungarischen Judenheit hochgeschätzte Oberrabbiner unserer altehrwürdigen Kultusgemeinde, Dr. Moritz Diamant, im 75. Lebensjahre plötzlich heimgegangen. Der Verklärte wurde im April 1836 in Bvgdany (Komitat Preßburg) geboren. Er gehörte zu den Liebliugsschüleru des Preßburger Oberrabbiners A. S. B. Schreiber (Kathab Hofer) und des Prager Oberräbbiners S. I. Nappaport. In Prag absolvierte er die sechs Klassen der Mittelschule mit vorzüglichem Erfolge als Autodidakt und in Preßburg die siebente und achte Klasse, Uw er im Jahre 1860 mit Auszeichnung maturierte. Dann bezog er die Wiener Universität, wo er im Jahre 1863 das Doktorat erhielt. Rabbinerdiplome (Hattarvth) bekam er von den bedeutendsten rabbinischen Kapazitäten Ungarns, unter anderen von den Oberrabbinern Schreiber-Preßburg, I. A. Landesberg-Großwardein, M. Perles- Grvß-Karol und Dr. E. Hildesheimer-Eisenstadt. Im Jahre 1864 heiratete er die Tochter des Großwardeiuer Oberrabbiners Landesberg und blieb bis zum Jahre 1868 an dessen Seite. Beim Landeskongreß im Jahre 1868 vertrat er den Wahlbezirk Belenyes und gehörte zu den eifrigsten .Anhängern Hildesheimers. Einige Monate vor dem Kongreß wurde er in der Statusquogemeinde Losoncz zum Rabbiner gewählt, wo er fast 15 Jahre hindurch eine segensreiche Tätigkeit entfaltete. Im Jahre 1883 folgte er dem Rufe der Trenesoncr Gemeinde, die viele namhafte Talurudgelehrte zu ihren Mitgliedern zählte. Auch hier erwarb er sich die ungeteilte Liebe und Hochachtung aller Kreise der Gemeinde. Von der großen Wertschätzung des Verklärten legte die Trauerseier sprechendes Zeugnis ab. Die Scheidemauer, welche in Ungarn die einzelnen Kultusgemeinden infolge ihrer Zugehörigkeit zu den religiösen Parteien (Kongreß,. Orthodox, Statusquo). voneinander trennt, hat sein Heimgang uiedcrgerissen. Bei dem am 21. v. M. stattgefundenen Leichenbegängnisse Uwren die Gemeinden Oberungarns ohne Unterschied auf ihre Parteistellung burcE) größere Deputationen vertreten. Leichenreden hielten die Oberrabbiner Dr. Rosenberg-Vrighyhely (im Aufträge der verwaisten Gemeinde), Dr. Diamant-Vukovar (Söhn des Heimgegangenen), Laudesberg-Szeghalom (Schwager des Verblichenen), Stein- Nagyszombat, Dr. Vajda-Losoncz, Dr. Diamaut-Marienbad (Nesse des Verstorbenen), Dr. Klein-Nyitra, Dr. Friedmann-Zsolua, ferner Rabbiner Reich-Nagyszombat und der Vorsteher der Kultusgemeinde H. Käeser. Das Andenken Dr. Moritz Diamants wird nicht nur in seiner Geuieinde, sondern im ganzen ungarischen Judentum ein gesegnetes bleiben. * Malten. r. Florenz, 5. Februar. Unser Oberrabbiner Dr. S. Margul i e s, der eine dreiwöchige Reise durch Lybien machte, um die Verhältnisse der dortigen Juden zu studieren, erstattet folgenden interessanten Bericht: ' Die Hauptgemeinden sind Tripolis, Bengasi und Derna. Außer diesen gibt es noch viele kleine Gemeinden im Lande zerstreut liegend. Alle aber sind streng religiös imfr beobachten besonders streng den Sabbat. „Es war mir eine Freude, dort eiuen Sabbat zu verleben, weil ich die ganze Heiligkeit dieses Tages unter diesen frommen. Juden empfand; alle Geschäfte sind geschlossen, nur die Lehrhäuser sind offen, und die Rabbiner und Lehrer halten Vorträge. Die Kinder haben eine gute jüdische Erziehung in den Schulen, und es gibt wohl kein Kind, das nicht gute tallnudische Kenntnisse besitzt.' Viele jüdische Kinder besuchen auch die italienischen Schulen, wo sie schon früher die italienische Sprache erlernten, besonders das weibliche Geschlecht, das Hebräisch nicht lernt. Der neue Oberrabbiner von Tripolis muß vor allem die Gerichtsbarkeit der Juden ordnen. Noch ist derselbe nicht ernannt. Im allgemeinen sind die italienischen Behörden den Juden günstig gestimmt, und werden sich diese einer vollen Glaubens- .und persönlichen Freiheit unter dein neuen Regime erfreuen dürfen." Rabbiner Dr. Margulies sprach den Wunsch aus, daß neben dem italienischen Krankenhause auch eine jüdische Abteilung eröffnet werde, damit jüdische Kranke rituell (eben können. Diesem Wünsche wurde von dem Letter des Hauses sofort entsprochen. Im übrigen war Dr. Margulies entzückt von dem schönen Familienleben der Juden in Tripolis; von ihrem prächtiger Menschenschläge, von ihrem sympathischen Wesen und vor allem von ihrem jüdischen Denken; sie wenden sich allen möglichen Berufen und Gewerben, auch den schwierigsten zu. Er hofft, daß von Tripolis aus ein neuer jüdischer Geist über die Juden Gesamtitaliens ausströmeu wird. * Frankreich. z. Paris, 7. Februar. Unter den drei Damen, die kürzlich das Kreuz der Ehrenlegion erhielten, befindet sich auch Frau B a r v n i n Ja m e s v. R o t h s ch i l d, eine Tochter von Baron M a her C a r l v. Rothschild, dem vorletzten Chef des Frankfurter Bankhauses. Wie der „Figaro" mitteilt, hat die Baronin diese Ehrung schon längst verdient, denn sie hat ihr Leben sozialer Wohltätigkeit geweiht, io ob ei sie ihre Mildtätigkeit ganz im stillen ausübt, oft durch Mittetsprrsoneu, so daß die Ilnterstützten den Namen der Wohltäterin gar nicht erfahren. In Frankreich hat die Baronin eine Reihe von Schulen und Spitälern für Unbemittelte errichtet, von denen das Kinderhospital in Berck-sur-Mer ihre Lieblingsschöpsung ist. Auch für ihre Vaterstadt Frankfurt a. M. hat sie ihren sozialen Sinn betätigt, indem sie dortige Anstalten oft mit Zuwendungen bedachte. Unteranderem hat sie vor einigen Jahren im Verein mit ihren beiden Schwestern, der Baronin Salomon v. Rothschild in Paris und der Lady Rothschild in London, der Freiherrlich Carl v. Rothschildschen öffentlichen Bibliothek die erforderliche erhebliche Summe zur Verfügung gestellt, um das zur Erweiterung der Bibliothek notwendige Hausgruudstück Untermainkai 14 erwerben zu können. ■* Van Ksh und Fern. — Die Waisenko m in i ssiv n der Berliner jüdische u Gemeinde sucht geeignete Pslegestellen für Säuglinge und Kinder im Alter bis zu. drei Jahren. An Verpslegungskosten werden bis zu 40 Mark monatlich gezahlt; Auslagen für Bekleidung werden besonders vergütet. Meldungen sind an das Zeutralbureau der jüdischen Gemeinde, Oranienburger Straße 29 III, zu richten. — P r o f e s s o r D r. James Israel, dirigierender Arzt der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde in Berlin, vollendete am 2. Februar das 66. Lebeusjahr. Der Gelehrte, einer der hervorragendsten Chirurgen Deutschlands, hat auch eine sehr umfangreiche