Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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referierte, was in der brennend gewordenen Frage, die Regelung der Kultusverhältnisse der Inden Südtirvls betreffend, bisher geschehen sei. Redner führte aus, das; der Anstoß zu dieser Bewegung von der politischen Behörde ausgehe, welche angesichts des bevorstehenden Inslebentretens einer jüdischen Knltusgemeinde in Innsbruck vor der Frage stehe, ob die südlich vorn Brenner wohnenden Juden der künftigen Gemeinde in Innsbruck einverleibt oder aber eine selbständige Institution für sich bilden sollen. Da die von der am Weiterbestehen der bisherigen Verhältnisse bedeutend interessierten „Königswarter Stiftung" an die politische Behörde erstattete Entschließung, wonach die Juden Südtirols der Knltusgemeinde Innsbruck unter der Bedingung zngewiesen werden sollen, daß ihnen eine Reihe von selbständigen Rechten, insbesondere in der Finanzgebarnng, eingeräumt werde, unmöglich als allerseits befriedigende Lösung angesprochen werden könne, eine solche Schössling eines „Staates im Staate" unzählige Schwierigkeiten biete und kaum Aussicht habe, in absehbarer Zeit Gesetzeskraft zu erlangen, legte hierauf Herr Rabbiner Dr. K u r r e i n in Beantwortung der aus der Mitte der Versammlung an ihn gerichteten Fragen den Rechtsstandpunkt dar. Nach einer sehr erregten Debatte, an der sich die Herren Dr. B ermann, Spitzer, Dr. S t e i n, Dr. W a s s i n g und andere beteiligten, beantragte Herr Dr. Gold st-ein, eine legale Basis in der Form zu schassen, daß ein Komitee gewählt und damit betraut werde, die Wahl eines „Kultus-Komitees" auf Grund des derzeit für die Juden Tirols geltenderr Statuts der Knltnsgemeinde Hohenems in Vorarlberg vorzubereiten und zu leiten und welches weiterhin den von der Versammlung'auf Antrag des Redners mit allen gegen eine Stimme gefaßten Beschluß, sich sofort im Prinzip für die Schaffung einer autonomen Knltusgemeinde in Südtirol mit dem Sitze in Meran auszusprechen, den nicht anwesenden für diese künftige Gemeinde Wahlberechtigten mitzuteilen und deren nachträgliche Zustimmung durch llnterschrlft einzuholen hätte. Nach Annahme dieser Anträge schloß der Vorsitzende, Herr Dr. W a s s e r m a 11 n> in vorgerückter Stunde diese für die künftige Gestaltung der Knltnsverhältnisse der Inden Südtirols bedeutsame Kundgebung. K. Wien, 1(3. Januar. Vorgestern erschien der Präsident unserer Kultusgemeinde, Dr. Alfred Ster n, beim Bürgermeister Dr. W e i s k i r ch n e r, um mit ihm wegen des neuen Kinderspitals ans der Wasserwiese im Augarten zu konferieren. Bei diesem Anlaß wurde auch die Frage der Errichtung eines — zweiten Kinderspitals besprochen. Bekanntlich hat Baron K ö n i gs war t e r vor einer Reihe von Jahren einen Beitrag von etwa 800 000 Kronen ebenfalls zum Zwecke der Errichtung eines Kinderspitals gespendet. Da jedoch die Zinsen dieses Kapitals nicht ausreichen, um ein Spital zu bauen und zu erhalten, ist das Geld einfach liegen geblieben. Unter Dr. Lueger taucht dann der Plan ans, diese Stiftung zu Zwecken der Erwecke-- rung des St.-Anna-Kinderspitals zu verwenden, wogegen jedoch das Kuratorium der Stiftung Einsprache erhob. In der Besprechung zwischen Dr. Stern und Bürgermeister Dr. Weiskirchuer ist es bisher noch nicht zu einer Entscheidung gekommen. — Die Frage der Landtagswahlresorm in Galizien, die sehr viel Staub ausgewirbelt hat, ist in den wesentlichsten Punkten bereits erledigt. In mehreren galizischen Städten sollen in Zukunft für die dort wohnenden Polen und Juden Majoritäts- und Minoritätsmandate mit 40 und 30 Prozent der abgegebenen Stimmen eingesührt werden. Aus diese Weise werden für die Juden ungefähr acht Mandate sichergestellt. Zieht man die Vertreter der Handelskammern noch in Betracht, so lverden die Inden im besten Falle ungefähr zwölf Mandate innehaben, obwohl ihnen ihrer Bevölkernngszahl nach 11 Prozent, das sind mindestens 23 aller Mandate, gebühren. Diese offenkundige Zurücksetzung der jüdischen Bevölkerung, so bemerkt mit Recht die „Sonn- und Montagszeitung", lvird unbedingt solvohl dem. Lande als auch denr Gesamtstaate Schaden bringen. Am allerwenigsten. steht diese Praxis den Polen an, welche über schlechte Behandlung und Bedrückung in Preußen und Russisch-Polen klagen, wenn sie dort, wo sie die Macht haben, diese rücksichtslos unter Mißachtung der primitivsten Gerechtigkeitsgrnndsätze zu ihren Gunsten ausnützen. — Der Landtag der Bnkolvina, der am 13. d. M. geschlossen wurde, nahm die neue Landtagswahlordnungsvorlage an. Prof. Dr. Kelln er stellte den Antrag, daß die Deutschen und die Inden, die bis nun eine Kurie bildeten, fortan getrennte Kurien bilden sollen. Ans diese Weise, so führte er ans, wird den Deutschen ihr Besitzstand an Mandaten linter allen Umstünden gesichert bleiben und auch die Iüdenfrage, ohne daß die Nationalitätenfrage für das übrige Oesterreich, präjudiziert würde, rein in wahlpolitischer Beziehung für die Bukowina gelöst werden. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. üuszlLnd. z. Odessa, 17. Januar. Täglich kommen jetzt zahlreiche jüdische Familien nach Odessa, die aus dem Wolhynier, Kiewer -und Podolier .Gouvernement vertrieben wurden. Das Verbrechen dieser vertriebenen Juden bestand darin, daß sie in den einzelnen Dörfern Gutsverwaltnngen innehatten oder sich selbst mit Gemüsegärtnerei befaßten., Wie. begründet jedoch diese Maßregel war, mag aus dem Umstande, ersehen iverden, daß die Gutsherren ganz 'spontan sich bei den Lokalbehörden, einige von ihnen sogarin Petersburg dafür einsetzten, daß die Juden nicht vertrieben werden, da sie dadurch großen Schaden erleiden würden. Zum Teil -lvar diese Intervention auch erfolgreich. Biele von den Vertriebenenwohnen schon seit Jahrzehnten in diesen Dörfern und leben mit den Bauern in dem allerbesten Einvernehmen. Ein Beweis hierfür ist die Tatsache, daß die Bauern die vertriebenen Juden in ihren Wohnungen verborgen hielten, dannt die Polizei den Answeisungsbefehl nicht durchführen könne. In vielen Dörfern haben die Bauern Geldsammlungen veranstaltet, am die vertriebenen jüdischen Familien zu unterstützen. In anderen Dörfern wieder haben die Bar lern die Familien der vertriebenen Juden bei sich behalten und sich bereit erklärt, diese solange selbstlos ansznhalten, bis das ausgewiesene Familienoberhaupt i» der St-adt, die er mm aussuchen mußte, eine Existenz gefunden hat, oder dem von den Bauern überreichten Bittgesuch eventuell Folge gegeben werden wird. Bezeichnend ist auch die'- Tatsache, daß das eindrrrckivollste Gesuch zugunsten der Juden aus dem Wolhynier Gouvernement abgesnudt wurde, in welchem sich auch das berüchtigste Potschajewer Kloster befindet, in welchem die blutrünstigste Pogromliteratur fabriziert und über ganz Rußland verbreitet wird. — Bei den in der Duma vorgenommenen Wahlen in die einzelnen Kommissionen -und Ausschüsse des russischen Parlaments wurden der jüdische Abgeordnete Dr. Woinasch in den Ausschuß zur Vorbereitung von Gesetzesvorlagen sowie cki den Ausschuß für Handel und Industrie und Dr. Hurewitz irr den Ausschuß für Bildungs- und Kultusangelegenheiten gewählt. * Amerika. z. New Nork, 12. Januar. Vor einem Richter des East End fand dieser Tage die Verhandlung eines Prozesses statt, dessen Ergebnis für die Bestrebungen der Antimissionsliga von großer Bedeutung ist. Der Missionar Natan Friedmann, ein getaufter Jude, verlangte die Verhaftung eines jüdischen.Mädchens, weil es ununterbrochen vor dem Missionshause stehe und das Publikum an dem Besuch der Missionshalle hindere. Friedmann plädierte, daß Amerika ein freies Land sei, in welchem jeder seinen Gottesdienst nach eigenem Geschmack abhalten kann. Schlagfertig erwiderte der Richter hierauf, daß gerade, weil Amerika ein freies Land sei, das verklagte Mädchen das Recht hatte, die Besucher der Missionshalle vor dem Eingänge darauf aufmerksam zu machen, daß der Zweck dieser Missionshallen die Taufe der Juden sei. Das betreffende Mädchen, die siebzehnjährige Panline Nothberg, erklärte zunächst, daß es Mitglied der Antimissivnsliga sei und bei ihrem Verhalten den Gesichtspunkt vertreten habe, daß die Freiheit der Religionsübnng vor allem die Offenheit voranssetze, daß jeder Kultus sich als solcher deklariere, der er sein will. Die Missionshallen bedienen sich aber der unlautersten Versührnngsmittel, die Aufschriften über der Eingangspforte seien durchwegs hebräisch und jüdisch, wodurch viele Inden der Meinung sind, daß es sich um eine jüdische Synagoge oder ein jüdisches Lehrhaus handle. Sie habe bloß ihre Gewissenspslicht erfüllt, ihre Glaubensgenossen aus diese Irreführung aufmerksam zu machen,.und daß es eine Irreführung war, gehe schon daraus hervor, daß die meisten, als sie die Aufklärung vernahmen, das Missionshaus überhaupt uicht betreten haben. Der Richter teilte den Standpunkt des' Mädchens, loies den Kläger energisch zurecht und sprach Fräulein Nothberg frei. * Von Kah und jfrru. — Beim diesjährigen Krönungs- und Ordensfest erhielten -unser Herr Chefredakteur Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger den Noten Adlerorden vierter Klasse und Geheimer Justizrat Cassel, den- Kronen-