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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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—— 45 - sei hier nur eine Abhandlung vom Jahre 1786: „Etwas über die ersten natürlichen Rechte des Menschen, nebst Anmerkungen über einige Aussätze in Moses Mendelssohns Schrift „Jerusalem'") namhast gemacht, worin den geistreichen Ausführungen des modernen Sokrates und seiner Bedeutung aus dem Gebiete der Philosophie besonderes Lob gezollt wird. So wird der „vortreffliche Phaedon" gerühmt und auf die Rechtstheorien Mendelssohns hingewiesen. Mendelssohn wird als Schöpfer einer vernünftigen Rechts- und Staatslehre gepriesen und auf Grund der in den philosophischen Schriften des Denkers entwickelten Anschauungen ein staatsrechtliches System zu begründen gesucht. Mendelssohn habe die Moral, die Ethik und das Gesetz zur Grundlage des Staates gemacht. Ebenso wird in einer in dem Jahrgang 1787 veröffentlichten Artikelserie über die Kantsche Philosophie Moses Mendelssohn und seine Philosophie kritisch gewürdigt und ihre Bedeutung analysiert. Stets wird von Mendelssohn als von dem „berühmten" Weltweisen, dem erleuchteten Propheten der Vernunft und dem umfassenden Geist gesprochen. Speziell werden seine großen Verdienste betreffs der Religionserkenntnis nachdrücklich betont. In dem Streit, den Mendelssohn mit Jakobi um den angeblichen Spinozismns Lessings führte, wird für den ersteren Partei genommen, obschon Jacobi zu den intimsten Freunden Wielands zählte. Wieland hatte große Sehnsucht, Mendelssohn persönlich kennen zu lernen. Wiederholt trug er sich mit der Idee, ihn einmal in Berlin aufzusuchen, doch zerschlug sich dieselbe stets und so kam sie nie zur Ausführung. Wie sehr jedoch sein Herzenswunsch dahin ging, den von ihm so hoch verehrten Gelehrten und Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sehen, ersieht man schon aus einem Briese von ihm an seinen Freund Jacobi. (Erfurt, 25. Januar 1.771.) Dort schrieb er unter anderem: „Warum konnte ich doch die Reise nach Berlin nicht mit den Freunden meines Geistes und Herzens, mit meinem Gleim und Jacobi mitmachen? In ihrer Gesellschaft Sulzern, Moses Mendelssohn und Ramlern kennen zu lernen! Ich gestehe Ihnen, daß ich nichts weniger als gleichgültig bei dem Beifall der beiden Letzteren bin, dessen sie mich in so lebhaften Ausdrücken versichern." Der Tod Mendelssohns erschütterte ihn aufs tiefste, denn er verehrte in ihm auch das Ideal eines vorurteilslosen und toleranten Aufklärers, der die Vernunft in all seinen Handlungen und in seinem ganzen Tun und Lassen sich zum Leitstern gewählt hat, gerade wie er, dessen ganzes Sinnen und Trachten stets darauf ausging, die Menschen aufzuklären und dadurch zu verbessern und zu veredeln. Hat doch kein Geringerer wie unser Dichterfürst Goethe in der herrlichen Rede, die er in der Weimarer Loge Amalia unmittelbar nach dem Ableben Wielands gehalten hat, die Bedeutung des letzteren für den Humanismus mit den treffenden Worten gekennzeichnet: „Woher kam die große Wirkung, welche er aus die Deutschen ansübte? Sie war eine Folge der Tüchtigkeit.und der Offenheit seines Wesens. Mensch und Schriftsteller hatten sich in ihm ganz durchdrungen: er dichtete als ein Lebender und lebte dichtend. In Versen und Prosa verhehlte er niemals, was ihm augenblicklich zu Sinn, wie es ihm jedesmal zumute sei, und so schrieb er auch urteilend und urteilte schreibend. Aus der Fruchtbarkeit seines Geistes entquoll die Fruchtbarkeit seiner Feder .. . . Da nun bei ihm der Mann und der Dichter eine Person ausmachten, so werden wir, wenn wir von Jenem reden, auch Diesen zugleich schildern. Reizbarkeit und Beweglichkeit, Begleiterinnen dichterischer und rednerischer Talente, beherrschten ihn in einem hohen Gradei aber eine mehr angebildete als angeborene Mäßigung hielt ihm das Gleichgewicht. Unser Freund war des Enthusiasmus : im höchsten Grade fähig . . . Er war nicht zum Parteihaupt geschaffen, wer die *) 4. Quartal, Seite 41 ff. Mäßigung als Hauptmaxim anerkennt, darf sich keiner Einseitigkeit schuldig machen. Was seinen regen Geist aufreizte, suchte er durch Menschenverstand und Geschmack bei sich selbst ins Gleiche zu bringen . . . Nur in dem, was der Mensch tut, zu tun sortsährt, worauf er beharrt, darin zeigt er Charakter: und in diesem Sinne hat es keinen festern, sich selbst immer gleichem Mann gegeben als Wieland. Wenn er sich der Mannigfaltigkeit seiner Empfindungen, der Beweglichkeit seiner Gedanken überließ, keinem einzelnen Eindruck Herrschaft über sich erlauben wollte, so zeigte er eben dadurch die Festigkeit und Sicherheit seines Sinnes. Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber niemals mit seinen Gesinnungen." Lrnedirtus Leoits: Der König non Iuds? Besprochen von Ludwig Geiger, icht von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart oder richtiger von der Zukunft berichtet der vorstehende Roman. Er soll aber kein bloßes Dichtwerk, sondern in gewissem Sinn eine Parteischrist sein. Es ist in dem Werk von einem wirklichen Königreich Juda die Rede, das in unbestimmter Zeit, jedenfalls nicht vor ein paar Jahrzehnten sich gebildet hat. Den Inden in Deutschland nämlich ist es immer schlechter gegangen, infolgedessen ist bei ihnen der nationale Gedanke stärker erwacht, und etwa tausend soldatisch ausgebildete Juden und getaufte Juden find unter der Führung eines Herrn v. Simson, dessen Familie seit Generationen zum Christentum übergegangen ist, nach Palästina ausgewandert. Sie erobern durch einen kühnen Handstreich Jerusalem, bilden teils durch Einheimische, teils durch Zuzug hauptsächlich verstärkt ein starkes Heer und schlagen die Türken. Freilich erleiden sie dann infolge des Verrats eines der Ihrigen eine schwere Niederlage, sammeln sich aber wieder und bringen den Türken schwere Verluste bei. Das jüdische Reich wird gebildet, das durch drei" Landtage,, einen deutschen, mohammedanischen, jüdischen regiert wird. Der letztere trifft namentlich für Schule und Leben die strengsten Bestimmungen nach mosaischem Gesetz, es kommt zu einer furchtbaren Revolution seltenster Orthodoxen, die dann aber unterdrückt wird, und der jüdische Staat, anerkannt von den europäischen Mächten, mit vollkommen freier Duldung aller Religionen, einer -idealen Vereinigung des Judentums und Christentums, einer Mischung aller möglichen Nationalitäten, geht einer glücklichen Entwicklung entgegen. Von dem eigentlichen Roman soll nur ganz kurz die Rede sein. Er besteht im wesentlichen darin, daß ein Major de Spinoza, ein intimer Freund des Generals, späteren Königs v. Simson, eine Türkin heiratet, die mit allen Kameraden liebelt, mit dem König in einer höchst anstößigen Situation betroffen wird, und daß de Spinoza durch diesen, wie er meinen muß, Verrat seines Freundes tödlich, getroffen, die Seinen verrät. Schließlich wird er gefangen und hingerichtet. Zu dem Romanhaften gehört auch die Geschichte eines katholischen Priesters Wilhelm und einer jüdischen, von ihm geretteten Frau, eines Priesters, der den strengen Katholizismus verläßt, eine freie Gemeinde begründet und Wunder der Tapferkeit- sowie Großtaten der Menschenliebe verrichtet. All dies Romanhafte will jedoch der Verfasser nicht als Hauptsache erklären, sondern es kommt ihm hauptsächlich darauf an, „Entwicklungen nachzugehen, Möglichkeiten aufzuweisen, Probleme zu stellen". Und da muß man sagen: das Ganze ist völlig verkehrt. Wir halten von unserem Standpunkt aus die Bildung eines jüdischen Staates für eine Unmöglichkeit sowie für das größte U Der König von Inda.. Eine Geschichte, die einmal währ werden könnte. Bon Benedietns Levita. Dieterichsche Verlagsbuchhandlung (Theodor' Weicher), Leipzig, 1912.

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