Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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44 inzwischen einen Hausstand gegründet; ihre Lage ist wahrlich nicht beneidenswert! Ihr Gehalt beträgt 3.50 Mark den Tag bei freier Wohnung, also ungefähr so Viel, wie'jeder zweitklassige Maurer verdient. Und dies bei sechsjähriger Vorbildung . und der Erfüllung mehrfacher Staatsprüfungen! Trüber wird ihre Lage bei Krankheitsfällen, wo fie eine Remuneration nur im Gnadenweg zu erlangen vermögen, und noch schlimmer ergeht es beim Todesfall des Lehrers seiner Witwe, die keinen Anspruch auf Pension hat, höchstens privat durch den Verein israelitischer Lehrer -einen geringen Zuschuß erlangen kann. Ebenso prekär wäre in solchem Falle auch die Lage der verwaisten Kinder. Das Bewußtsein der . ungenügenden Versorgung der Familie wirkt lähmend auf die Berufsfreudigkeit dieser Lehrer, und noch mehr schwindet ihre Hoffnung angesichts der Tatsache, daß so manche Stelle, die heute noch definitiv besetzt ist, mit Abgang des jetzigen Inhabers unbedingt mit einem Verweser besetzt wird oder gar völlig eingeht. Das sind trübe Aussichten für diese Schulamtsverweser, und nur die rettende Tat der Großgemeinden, die der Zentralkirchenkafse genügende Mittel zur Verfügung stellen, kann hier Wandel schaffen. Der neugewählte Beirat zur israelitischen Obevkirchenbehörde, dessen Mitglieder zum Teil den Landgemeinden entnommen sind, sollte es als 'seine vornehmste Aufgabe betrachten, den unständigen israelitischen Schulamtsverwesern zu ihrem Recht zu verhelfen, jenen Verwesern mindestens vom 30. Lebensjahre ab das Desinitivum zu verschaffen und sie ihren anderen Kollegen gleichzustellen. Wird hierin nicht ein durchgreifender Schritt vorwärts -gemacht, so bleibt mit Sicherheit der Nachwuchs aus. Seit Jahren hat sich in Württemberg kein Zögling mehr dem israelitischen Schulamt gewidmet, und bei Fortdauer der jetzigen Lage wird der Zugang vollkommen aufhören. Man muß da in der Tat beim Vergleich mit der offiziellen Vereinsansprache zum 30. Dezember nach Goethes „Faust" ausrufen: „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!" ' FL Christoph Martin Mieiond in keinen LeÄehungen?u Inden und Judentum. Von Dr. Adolph Kohut. II.. ehnlich äußerte sich der Verfasser gegen Professor Riedel bald nach dem Erscheinen seines kulturgeschichtlichen Romans „Agathon": (Biberach, am 4. Februar 1768.) „Sie sagen mir ohne Zweifel so viel Gutes von dem „Agathon" . . . Indes gestehe ich Ihnen doch sub sigillo confessionis, daß ich selbst etwas auf dieses Buch halte'und daß die deutschen Kunstrichter und Leser zusammen genommen durch ihre mehr als phlegmatische Gleichgilltigkeit über ein Werk von dieser Art meine Erwartungen übertroffen haben. Seltsame Nation, wer würde für Dich arbeiten wollen, wenn der Reiz der Musen nicht mächtiger wäre, als Deine Indolenz! Doch es soll mir genug-sein, prineipibus piaeuisse vires, und ich Habe das Vergnügen, Ihnen zu sagen, daß Zimmermann und Moses Mendelssohn unter diesen sind."Z In der Tat zählte „Agathon" zu den Lieblingsbüchern Mendelssohns. In diesem Sinne schreibt er einmal an Jakob H. Obereit in Lindau, den Schützling Wielands: „Versichern Sie die schöne Metaphysikerin — als welche die Psyche im „Agathon" erscheint — meiner aufrichtigsten Hochachtung, lieber würde ich Liebe sagen, wenn zwei Metaphhsiker sich lieben könnten, bevor sie wissen, ob sie beide aus einer Schule sind"... Erinnerten doch manche philosophischen Ausführungen Wielands in seinem „Agathon" an die Jdeengänge des Denkers Mendelssohn in feinen zahlreichen Schriften, die sich mit der Weltweisheit, der Metaphysik und der Psychologie befassen! y Vergl. daselbst 1. Band, Wien 1815, Seite 181. Im übrigen glaube man nicht, daß der Verfasser des „Phaedon" ein bedingungsloser Verehrer Wielands gewesen wäre und alles über Bausch und Bogen gelobt hätte, was er verfaßte. Manche feiner Arbeiten forderte seinen Widerspruch hervor und er zögerte keinen Augenblick, das, was ihm mißfiel, offen auszusprechen, denn die Wahrheit ging ihm über alles und in dieser Beziehung kannte er keine Rücksicht, weder gegen Freund noch Feind. So hat er zum Beispiel das Drama Wielands „Johanna Gray" in der damaligen namhaftesten Zeitschrift „Berlins Bibliothek der schönen Wissenschaften" scharf getadelt und auch an einem anderen Trauerspiel, von ihm betitelt: „Klementine von Porretta", fand er nichts Beifälliges, vielmehr erklärte er in seinen Literaturbriefen: „Das Ding, das Herr Wieland ein Trauerspiel nennt, istein verfehltes Produkt." Welchen Respekt übrigens Wieland vor Mendelssohn hatte, beweist schon der Umstand, daß er gegen die Aeußerungen desselben öffentlich und brieflich nichts einzuwenden hatte, obschvn er gegen andere aburteilende Kritiker, wie zum Beispiel gegen Gotthold Ephraim Lessing, sich mit aller Kraft wehrte und nicht allein in seinen Briefen gegen sie räsonierte, sondern auch in Repliken und Dupliken gegen sie öffentlich austrat. Selbstverständlich befand sich unter denjenigen, die Wieland zu Beiträgen für den von ihm gegründeten „Teutschen Merkur", dessen Redaktion er von 1773 bis 1789 führte, dringend einlud, auch Moses Mendelssohn. Um seiner Bitte noch besonderen Nachdruck zu geben, richtete er an ihn ein Schreiben, das schlagend beweist, wie sehr er dem großen Denker und Schriftsteller zugetan war: „Mich däucht", so heißt es in dieser Zuschrift unter anderem, „es würde mir um die Hälfte leichter ankommen, an Moses Mendelssohn zu schreiben, wennwir einander nur eine Viertelstunde gesehen hätten. Und gleichviel bin ich unzufrieden mit mir selbst, daß es nur schwerer werden soll, weil wir uns nie gesehen haben. Kennt nicht einer des anderen besten Teil? Ist kein Verständnis zwischen unseren Seelen? Keine Sympathie zwischen unseren Herzen? Gehören wir nicht zu einer Klasse? Wo sollte man Freunde auf diesem Erdenrund suchen, wenn die von unserer Art es nicht waren? Es ist etwas in mir, das alle diese Fragen beantwortet. Meine Schüchternheit ist fort. Ich besorge keinen Augenblick mehr, daß Sie, bester Moses, bei diesem Briefe nicht enrpfinden sollten, was ich empfand, da ich ihn schrieb. Ich grüße Sie mit dem heiligen Namen dev Freundschaft; mein Herz sagt mir, daß ich die Ihrige, daß Sie die meinige verdienen. Nun sage ich Ihnen nichts weiter über diesen Punkt. Sollten wir einander nicht schon lange so gut kennen, um ohne Dolmetscher immer in des anderen Seele zu lesen? Ich sende Ihnen die Anzeige eines „Teutschen Merkur", den ich unternommen habe. Ich wage es nicht, einen Moses Mendelssohn um Beförderung meines Vorhabens, noch weniger, um Uebernahme eines so mechanischen Amtes, als das Amt eines Kollekteurs ist, zu ersuchen. Er wird jenes ungebeten tun und vielleicht auch dieses seiner nicht unwürdig hätten, wenn er mein Vorhaben billigt. Aber wenn ich Sie, mein vortrefflicher Fre.und, bitten könnte, nur dann und wann (denn ich kann nicht unbescheiden sein), den „Teutschen Merkur" mit kleinen Beiträgen zu bereichern!. Wenige Bätter von Ihnen werden ihm einen so viel größeren Wert geben. Tun Sie es, bester Moses, machen Sie mich so glücklich, wenn es anders ohne Ihre Beschwerde geschehen kann." ' 1 ,1' i *1 Gern wäre Mendelssohn der Einladung Wielands zur Mitarbeiterschaft gefolgt, aber seine schon damals tief erschütterte Gesundheit machte es ihm zu seinem Bedauern unmöglich, am „Teutschen Merkur" tätig zu fein. In dieser damals tonangebenden Zeitschrift finden wir gar manches anerkennende Wort über den Denker und Schriftsteller Moses Mendelssohn. Alls der Fülle der Auslassungen^