Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 3 Berlin, 17. Januar 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements»preis: durch den Luchhandel o/er die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT.— Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu rich en. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Tlllflftlt Die neu er. Verhältnisse aus dem Bcilkcm. — Die Woche.- Die jüdischen Dumaabgeordneten. — Reiseerinnerungen an Spanien. Von Caspar Lazarus. — Christoph /Martin Wieland in seinen Beziehungen zu Juden und Judentum. Von Dr. Adolph Ko Hut. — Brief aus London. Von"Dr. I. CH ohne r. — Feuilleton: Maser. Von MeTr7Gol dschmidt. Deutsch von Jda Anders. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Letzte Nachrichten. $9 Der Gevnindebote «Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hohcnsalza, Posen, Rhbnik, Breslau, Hannover, Jrankurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Die neuen Verhsltnille suk dem löslksn. er wechselvolle Gang der Londoner Verhandlungen, die dem blutigen Ringen auf der Balkanhalbinsel ein Ende bereiten sollen, gestattet auch in seinem gegenwärtigen Stadium die Hoffnung, daß das Friedensziel dennoch erreicht wird. Die Veränderung der Karte des Balkans, die politischen Umgestaltungen, die der Friedensschluß herbeiführen wird,, sind zwar bisher nur in großen Umrissen erkennbar, lassen aber keinen Zweifel darüber zu, daß sie sehr wesentlicher Natur sein werden. Neben der allgemeinen Bedeutung, die der Balkankrieg und seine Folgen für die europäische Staatengeschichte und das Wirtschaftsleben hat, dürste selten ein früherer Krieg so stark das spezifisch jüdische 'Interessengebiet berühren, nicht wegen der Anzahl der Juden, die im türkischen Reiche leben und die durch die Kriegswirren ebenso in Mitleidenschaft gezogen worden sind wie der nichtjüdische Teil der Bevölkerung der Balkanlande. Es sind insgesamt vielleicht 600 000 jüdische Seelen, die in den Gebieten wohnen, die der Krieg berührt. Gewiß ist es bisher, daß, wie überall so auch hier, in dem Balkankriege unsere Glaubensgenossen vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht stärker in. Mitleidenschaft gezogen worden sind als die Nichtjuden. Von der durch den Krieg herbeigesührten Stockung des wirtschaftlichen Lebens mußte die. jüdische Bevölkerung stärker betroffen werden, weil sie zu einem wesentlichen Teile der Träger des wirtschaftlichen Lebens ist. Und darüber hinaus haben die Wunden des Krieges auch jene Staaten, die mit der Türkei und den Balkanländern in kommerziellen und wirtschaftlichen Beziehungen stehen, mitgespürt. Und auch hier wird es wiederum ein großer Teil unserer Glaubensgemeinschäft sein, den die Stockung des internationalen Wirtschaftsverkehrs im Kriegsgebiete am meisten berührte. Es kommt hinzu, daß noch zu Beginn des Balkankrieges dieTürkei den italienischen Konflikt wegen Tripolis noch nicht beigelegt hatte und daß die wirtschaftlichen Schäden, die jener Krieg verursachte, in ihren Folgeerscheinungen noch längst nicht überwunden waren. So kam alles zusammen, um die jüdische Bevölkerung der Balkanstaaten und insbesondere der Türkei besonders schwer zu belasten, so daß unsere großen Hilfsorganisationen wie bei den Katastrophen der letzten Jahrzehnte wiederum eingreifen mußten. Die Schilderungen der Not und des Elends, unter denen die jüdische Bevölkerung besonders auch in den Hauptzentren derselben, in Saloniki, Adrianopel und Konstantinopel zu leiden hatte und zum Teil noch heute leidet, haben dann auch ihre Wirkungen auf das gute jüdische Herz nicht verfehlt, und wie der Hilfsverein und die Großloge, so hat auch die Alliance Jsraölite Universelle unddie anderen großen Hilfsorganisationen hier wiederum ein großes Gebiet für ihre segensreiche Tätigkeit gefunden. Aber es ist noch ein ganz Besonderes, das für uns Juden die Veränderungen der staatlichen Gebilde auf der Balkanhalbinsel bedeuten. Die Türkei und die anderen Balkanländer find seit fünfzig Jahren die zentrale Stätte jüdischer und damit allgemeiner Kulturarbeit. Dort ist das Hauptgebiet der! humanitären und kulturellen Bestrebungen des Hilfsvereins, der Alliance, der A. I. C. O. der zionistischen Organisation und einer Reihe.weiterer Vereine. Die Arbeit aller dieser wird durch die Veränderungen, die der Krieg herbeigeführt hat, gleichfalls gewisse Modifikationen erfahren müssen. Das große Schulwerk, dessen segensreiches Wirken von der türkischen Regierung mehrfach anerkannt worden ist, wird durch den Ausgang des Krieges zu einem wesentlichen Teile beeinflußt werden. Der neue Länderzuwachs, den die siegreiche Schar, besonders Serbien und Bulgarien, erfahren, führt auch einen gewissen Prozentsatz von Glaubensgenossen unter ihre Herrschaft, die bisher der türkischen Staatsgewalt unterstand. Man weiß, daß insbesondere Bulgarien Gewicht auf den staatlichen Charakter seiner Schulen legt. Auch bisher schon ist Bulgarien deswegen mit der Alliance Jsraölite Universelle in Differenzen gekommen, und man weiß, daß die bulgarische Regierung wenig geneigt ist, Allianceschulen zuzulassen. Wenn es richtig ist, daß die maßgebenden Faktoren dieser Reiche ernstlich beflissen sind, der westeuropäischen Kultur in höherem Maße Zugang zu ihren Staaten zu gewähren, dann wird für unsere großen jüdischen Organisationen und für alle Glaubensgenossen, die das Werk dieser Vereinigungen fördern, die Frage aktuell werden, ob es angezeigt erscheint, daß wir Juden die Mittel zur Erfüllung einer Aufgabe bereit stellen, deren Lösung dem betreffenden Staate obliegt. Die Einrichtung von Schulen im türkischen Staatsgebiete machte sich notwendig durch, die Indifferenz und Untätigkeit der türkischen Staatsbehörden auf diesem Gebiete. Man weiß, daß sogar von Nichtjuden die Schulen der Alliance gern bevorzugt wurden und somit aus den Alliancemitteln auch das Unterrichtsbedürfnis nichtjüdischer Kinder, wenn auch in minimalem Maße, seine Befriedigung gefunden hat. Man kann nun die Frage aufwerfen.