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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-27 · Heft 52 (27.12.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 52 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchenNich. AbonnementS'preis: durch den Buchhandel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Veririebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32}. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Betlin, Jerusalemer Strasse 46/49 TTnh^ft Müssen die deutschen Juden wirklich untergehen? Von, Dr. I. Spier. — Die Woche. — Adolf Warschauer. — Vrvdyer Jukenderinnvrungen. Von Markus Landau. — Der zionistische Student. —. Tie Religion der Propheten. Besprochen von G. Klein- Stockholm. — Zur Organisation der „Agudas Jisroel". Von Pros Dr. Simon Stern. — Ein merkwürdiges Stipendienverzeichnis. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Alexanders Schmaus. Von Tadeusz Köüzyüski. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechfaul. Der Gemeindebote lBeilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Marienwerder, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Hannover, Nürnberg, Wien, Krakau. — VonNuh und Fern. Müllen die deutschen Juden wirklich untergehen? Von Dr. I. Spier. Wogen der Erregung über Dr. Theilhabers Buch „Der Untergang der deutschen Juden" haben sich gelegt und man beginnt allmählich mit nüchternem Kritizismus diese Arbeit zu betrachten. „Durch der Parteien Haß und Gunst verzerrt" hat das Werk eine kurze sensationgenährte Zwischenexistenz geführt, die hinüberleitet zum geruhigen weiteren Leben in der Hand der Forscher, die rein sachlich das Problem ergründen wollen. Sensationserfolge sprechen gemeinhin gegen wissenschaftlichen Wert; gewöhnlich ist der polemische, übertreibende Teil bei solchen Äuchern auch der wirksame. Trotzdem, wenn wir aus dem Theilhaberschen Werk das Solide herausschälen, bleibt noch eine stattliche Anzahl bemerkenswerter Daten übrig, die für die bona fides des Verfassers, seinen stutzenden Fleiß und sein ernstes Wollen sprechen. Aber' eine ebenso große Zahl von Einzelstellen fordern doch vom Standpunkt vergleichender Geschichtswissenschaft, Soziologie usw. zum Widerspruch heraus, und besonders in einigen Punkten, die bei den vielen Kritiken bis jetzt nicht berührt worden sind, muß die Schwäche der Theilhaberschen Deduktion auffallen. Wir wollen weniger davon reden, daß Dr. Wassermann dem Verfasser direkte Rechenfehler nachgewiesen hat, daß andere die Oberflächlichkeit des Buches gerügt haben. Diesen Urteilen steht eine große Menge bedingungslos anerkennender Kritiken gegenüber. Im großen und ganzen sind ja Statistiken nach Beaeonsfields Wort: „Es gibt drei Sorten Lügen; erstens gewöhnliche, zweitens gemeine,'drittens Stat i st i k e n" nur mit Vorsicht zu gebrauchen; man weiß, daß aus denselben Daten z. B. Gegner und Freunde der Freihandelspolitik die ihnen passenden Schlüsse statistisch zu ziehen imstande sind. ’ ■ Ueberhaupt faßt sich das Wesen eines fluktuierenden lebenden Gesamtkörpers, wie der deutschen jüdischen Totalität, nicht Alle Zusendungen fkr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der. „AUgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/49, zu rich en. Versag von Rudolf Mosse, Berlin. restlos zahlenmäßig erfassen und — in Prophetenart — mathematisch zum Erlöschen verurteilen. Theilhaber steht auf dem von vielen verlassenen Standpunkt, daß die Quantität besonders das Heil einer Gesamtheit sei. Es ist unleugbar, daß trotz allen patriotischen rührseligen Gewimmers in den entsprechenden konservativ-antisemitischen Organen, eine große Anzahl von bedeutenden Forschern jetzt in einer Verbesserung der Individuen, nicht in der Massenproduktion, den Wert für den Staat sehen. Es ist unnütz, ewig vom Geburtenrückgang mit heuchlerischem Augenaufschlag zu jammern, wie es Zeitungen tun, um ihren gediegenen Patriotismus jedermann zu beweisen. Galton, Sigurd Ibsen, Oskvald und viele andere Gelehrte propagieren fortwährend die Verbesserung der Einzelperson , und fürchten nicht im geringsten den Stillstand und bedingten Rückgang in der Geburtenzahl; wenn sich die Deutschen durchschnittlich so weiter vermehren wie sie es jetzt tun, sind in zirka 300 Jahren annähernd 1000 Millionen davon vorhanden^ leuchtet denn niemandem die Absurdität des Zahlenkultus, die Anbetung der Ziffern ein? Die Natur muß ja Einhalt gebieten, sonst würde die Erde bald zu klein sein. Die Herabsetzung der Geburtenziffer ist ein überall beobachtetes Phänomen und absolut nicht beweisend für den Untergang der deutschen Juden; nach Theilhabers Theorie ließe sich auch für eine bestimmte Zeit der Untergang der Franzosen usw. statistisch Voraussagen. Theilhaber rechnet gar nicht mit der Lebens-Existenzzähig- - keit der Juden, die sie überall bewiesen haben. Trotz Verfolgungen usw. haben sie sich, insofern sie nicht s irgendwo in allzuverschwindender Minderheit waren, gehal- :: ten; daß über Million Juden also untergehen werden, weil eine Geburtenrückgangstendenz, Taufen und Mischehen beobv achtet werden, ist wohl rechnerisch vorstellbar, aber im Ge- - schehen der Natur unmöglich. Besonders die geradezu ins Auge fallende Regeneration der ■*- Juden, ihre individuelle Ertüchtigung gewährt die Garantie -' neuer Lebenskräfte und Existenz von unbeschränkter Dauer; ,■ die Ghettofolgen beginnen zu schwinden, die Militärdienst- . tauglichkeit steigt, die Kriegstüchtigkeit ist über jeden Zweifel gut, kurz das Individuum wird wertvoller, die Qualität siegt - über die Quantität. Ein Kardinalfehler der Theilhaberschen Methode scheint mir zu sein, aus Dingen, die der Vergangenheit entnommen sind, bindende Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Die Naturwissenschaft hütet sich davor, organische Evolui tionen vorauszusagen, wenn gewisse Stadien bekannt sind, v Und bei einer Gesamtheit, wie es die Juden sind, kann als bei / etwas Organischem nie vorausgekündet werden, wohin die Entwicklung ihren Weg nehmen wird. Wir wissen z. B. nichts v. V,!r/':' ‘

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