Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 49 Berlin, 6. Dezember 1912 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel o'er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierung»Rat§ Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/<*9, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Tfltflfllt Der Kampf um die Richtlinien. — Die Wache. — Des yilljlilt.» Makkabäerreiches Macht und Ende, '-Hon Rabbiner Dr. Schreiber-Potsdam. — Justizrat M. Baerivald. — Die Beschaffung von Geldmitteln für Wvhlfahrtszwecke vom jüdischen Standpunkt ans. Bon Siddy Wrvnsky. — Das Verhältnis der Inden zum Wirtschaftsleben. Von Georg Caro. — Feuilleton: Das Kartenspiel-Kollegium. Von Rt. Schiveitzer-Glogau. — Matthatias' Tod. Von Sophie Jacobsohn. — Sprechsaal. — Drucksehlerberichtigung. Ter Gcmeindebote sBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Juden, tums"). Berlin, Zvppot, Posen, Nürnberg, Wien. — Von Nah und Fern. Der Kampf um die Richtlinien. in Hexenkessel brodelt in den orthodoxen jüdischen Blättern Deutschlands. Die Zeit nachMaimonides' Tod, als der Kampf um seine freie Auffassung des Bibelwortes tobte, scheint wiederkehren zu wollen. Wie damals erheben die Ketzerrichter heute ihr Haupt und wagen es. Bannspräche in der modernen Form von infamierenden Verrufserklärungen ans die Gegner zu schlendern. Nicht weniger als vier Erklärungen von deutschen Rabbinern bringen die jüdischen orthodoxen Blätter der vergangenen Woche. ... Zunächst eine schon in der Woche vorher abgegebene Erklärung des Vorstandes der liberalen Rabbiner, die folgendermaßen lautet: „Um Mißverständnissen und Mißdeutungen ent-, gegenzutreten, welche die Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum zur Folge gehabt haben und noch haben könnten, erklärt der Unterzeichnete Vorstand der liberalen Rabbiner Deutschlands: 1. Mit der Aufstellung der Richtlinien ist nichts wie behauptet worden ist, die Schaffung eines neuen Bekenntnisses und. die Aufhebung religiöser Grundlehren, ebensowenig die Schaffung eines neuen Schulchan Arnch beabsichtigt. 2. Es ist der einmütige Wille der sämtlichen Unterzeichner der Richtlinien, die Einheit des Judentums unter allen Umständen aufrechtzuerhalten. 3. Wir sind darum bereit, in allen Punkten, aus denen ein Schisma erwachsen könnte, insbesondere in eherechtlichen Fragen, eine Verständigung mit der konservativen Richtung herbeizuführen." — Was kann der Zweck dieser nur in den orthodoxen Blättern abgedruckten Erklärung sein? Um das zu verstehen, muß man wissen, was hinter den Kulissen vorging. Die beiden orthodoxen. Nabbinerverbände bereiteten Erklärungen vor, die die'Gefahr des Schisma im deutschen Judentum akut machten. Die bayerischen Trennungsrabbiner und die Austrittspolitiker des „Israelit" glaubten ähre Stunde gekommen und jubelten. Jetzt konnten sie zu den Negierungen gehen und die liberalen Rabbiner, als Sektierer-denunzier jetzt konnten sie das Odium der Zerstörung der Einheit der jüdischen Gemeinden und die Verantwortung - dafür vor-der Geschichte von sich abwülzen und die Rabbiner, die die Richtlinien unterschrieben hatten, mit dem ganzen Odium belasten, die Entzweiung im deutschen Judentum hervorgerufen zu haben. Zwar treten die liberalen Richtlinien „mit aller Entschiedenheit für die religiöse Einheit des Judentums" ein. Zwar weisen sie „bie Behauptung einer konfessionellen Verschiedenheit innerhalb des Judentums als unwahr und alle Versuche einer Spaltung der Gemeinden als unjüdisch und unheilvoll zurück." Ja, diese Richtlinien erschienen und erscheinen vielen liberalen Juden als recht konservativ und einem zionistischen Blatte gar als reaktionär. Aber tut nichts, die Liberalen werden verbrannt. Weil es den bayerischen und Frankfurter Schismafanatikern gerade gelegen kam, mußten diese so maßvollen Richtlinien, die viel Positiver sind als das erste Programm der liberalen Vereinigung in Deutschland, die in einigen besonders angegriffenen Punkten nichts anderes aussprechen als die Augsburger Synode, das lange gesuchte corpus delicti für eine arge Hetze abgeben, die nunmehr, ausgehend von einem elsäfsischen Blättchen, systematisch anhub. Die Richtlinien wurden wie ein armer Delinquent auf die Folter, gespannt, bis. sie das aussagten, was man von ihnen Herauspressen wollte. Dieses feine Gewebe zerriß die Erklärung des Vorstandes der liberalen Rabbiner. Wenn wir selbst einen Moment zweifelhaft waren, ob diese Erklärung nötig war,-so wurden unsere Zweifel endgültig beseitigt durch den bösartigen Ausfall des „Israelit" gegen diese Erklärung, der uns an das bekannte Wort Goethes erinnerte: „Es bellt der Spitz aus Nachbars Stall und will uns stets begleiten; und seiner lauten Stimme Schall beweist nur, daß wir reiten." Wenn die Einheit des deutschen Judentums auseinandergerissen werden sollte, wenn die zähe Maulwurfsarbeit der Männer des „Israelit" von Erfolg gekrönt sein sollte — nach dieser Erklärung der liberalen Rabbiner, die wie eine Ma h n u n g i n letzter St u n d e an die verblendeten Trennungssanatiker erscheint, fällt alles Odium, alle. Verantwortung vor der Geschichte aus diejenigen, denen die liberalen Rabbiner aus ihrem sittlichen Verantwortungsgefühl für die Aufrechterhaltung der religiösen Einheit des deutschen Judentums die Hand zur Verständigung gereicht hatten. Ob der Versuch einer Verständigung zu. einem Resultat geführt hätte, ist nicht unsere. Sache zu untersuchen. Die deutschen orthodoxen Rabbiner aber haben eine unheilvolle 'Tat und — eine Torheit begangen, wenn sie die Verständigung ablehnten. 'Wenn sie es jetzt;noch wagen sollten, die liberalen Rabbiner wegen der Streitigkeiten, die im deutschen' Judentum unausbleiblich geworden sind, anzuklagen, wird man ihnen antworten: Quis tulerit Gracclios de seditione que- ’rentes! Die sogenannten „traditionell-gesetzestreuen" Rabbiner haben sich, wie es scheint, nachdem sie ihren weisen Führer, den großen Frankfurter Rabbiner Horovitz verloren