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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-10-02 · Heft 40 (2.10.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 76. Jahrgang Nr. 40 Berlin, 2. Oktober 1912 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o'er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. —.Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums-', Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/H9, zu rich en. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. flltft£llt Der weiße Vorhang. Von Rabbiner Dr. Salomonski- OdlLjULL. Frankfurt a. Q. — Die Woche. — Anti-Sem. Von Prof. Dr. S. Salfetd. — Der Begründer der Dynastie Rothschild. Von Adolph Ko Hut. — Reisebrief. Von Sanitätsrat Dr. Steinthal. — Reisebrief. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Die Buche. Von Jakob Loewenberg. — Die Wunderknr. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsal. — Berichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums-). Berlin, Posen, Breslau, Dresden, Hamburg, Gießen, Wiesbaden, Mainz, Budapest, New Zork. — Von Nah und Fern. Der weihe Vorhang. Eine Betrachtung zum Schlußfeste voy Rabbiner Dr. Salomonski -Frankfurt a. Oder ie bescheidene Geltung, die den Formen in der Synagoge zugemessen ist, macht jede Nuance bemerkbar, gibt selbst der Farbe besonderen Wert. Wenn die Armut der Symbole auch manchen Andächtigen kalt läßt, so ist die knappe, aber eindringliche Andeutung innerer Vorgänge nicht zu unterschätzen. Das lehrt der den Schrein der Gesetzesrollen zierende Vorhang. Die schlichte Nachbildung des Allerheiligsten im Tempel ist wirklich vergeistigt, und wenn die Lade wie am Schlußfeste von weißem Stoff statt des buntfarbigen bedeckt wird, dann regen sich bei allen, die im Gotteshause zu Hause sind, besondere Gedanken. Nur an hochheiligen Tagen, den Bußsesten, dem Beginn des Peßach und zur Seelenseier wird der weiße Vorhang nach sinnigem Brauche befestigt, niemals aber wird er so Kennzeichen der großen Ideen wie am Schlußfest. Er gibt mehr als des Feiertages Milieu. Nicht nur auf den Abschluß der erhabenen Zeit deutet er, er bringt auch des Sommers letzten Gruß, des Winters eisigen Hauch, er führt herauf das Gedenken der Toten und damit unser Grübeln über die Rätsel des Jenseits und dieser Welt. Er ist ein Sinnbild, für die Unlösbarkeit der letzten großen Fragen, er spricht im Gotteshause das „Jgnorabimus". Nichts ist wichtiger als diese Stimme in welterobernder Zeit! Es ist nicht rückschrittlich, noch gar verbohrt, auch einmal aus die Gefahren hinzuweisen, mit denen die Menschheit durch allzu kühnes Vorwärtsstreben sich selbst bedroht. Ist denn nichts mehr aus Erden zu leisten, als die Lust zu erobern, der Pole Eisesrinde zu berühren, Länder und Meere gleich schnell zu durchsliegen, immer tiefer im Schoß der Erde zu wühlen? Schon sind wir dem Vorhang nahe, begehren den Schleier zu lüften. Wehe, dem, der ihn herabreißt; er bewirkt das Verderben. Gilt nicht der-einzige Tag, an dem die Lade schmucklos . weilt, _ gar trauriger Erinnerung, der Zerstörung Jerusalems? Warum soll nicht der Nachwelt einiges Vorbehalten und uns darum verschlossen bleiben? Wir werden das Streben ertöten, alles und dennoch nichts wissen. Die Erkenntnis der uns gesetzten Grenzen ist also höchste Weisheit. So wenig ein Leben ausreicht, alles zu ergründen, so sehr sei dies als Ausgabe zukünftiger Geschlechter unser Trost beim Verzichten. Wenn ein Mose sich damit abfinden mußte, vor der Krönung seines Werkes zu scheiden, so soll das uns ganz Kleinen beachtenswert sein. Wenn wir uns auch nicht ausleben, nicht alle Wünsche verwirklichen, nicht jeden Plan vollenden, — unser Dasein ist nicht zwecklos, vergeudet, vergessen. Und so kommen wir von der Mäßigung des Begehrens, von der Anerkennung heilsamer Schranken zur uns vergönnten Unsterblichkeit: der Fortdauer unserer Leistungen, der.währenden Erinnerung an unser Gewesensein. Aber auch hier besteht noch eine Einschränkung. Wie eine Zeit kommt, wo unsere Kinder nicht mehr der Großeltern, geschweige denn der vor ihnen Heimgegangenen Ahnen im Seelengebete bewußt gedenken, so werden auch sicherlich wir vergessen, ja auch unsere Werke; werden doch Stein und Erz zerfressen von der zerstörenden Natur. Einzusehen, daß unser völliges Verlöschen hinieden ein heilsames Los ist, das mag uns frommen. Wenn nur die großen Ideen erhalten bleiben und gemehrt werden. Gar manches Bibelbuch ist „anonym" aus uns gekommen, wir kennen die Verfasser nicht und huldigen doch ihrem Genius. Und wo wir ihre Namen wissen, spricht auch nur, allein lebendig, ihr erhabener Geist. Ja, der Geist, nur der Geist bleibt unsterblich. Des Lebens nötiges Gleichgewicht wird durch diese Erkenntnis nicht gestört, eher gefördert. Macht doch die Betrachtung des Endes erst alles verständlich — nach des weisen Predigers Wort. Wer weiß und beherzigt, was das Leben gewährt und versagt, der wird es weise nützen, hüten und lieben, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Aehnlich läßt das Schlußfest die Feste erst recht verstehen. Mahnend saßt es die ernsten Gedanken zusammen, die die lange Feierzeit verkündet hat, in das Wort: Unseres Lebens Baum wurzele in der Religion. Sie ist der Vorhang, den wir selbst aufgerichtet haben, die heilsame Schranke, das ewige Gesetz. Sie hat die Zügellosigkeit eingedämmt, das Nichtstun zum Laster gestempelt, die Arbeit aus den Schild erhoben. Ihre Segnungen, das Heil, das in der Arbeit ruht, geleiten uns in den Winter, ermutigend, schützend und rettend. Darum entfalten wir aufs neue am Schlußfest das beendete Buch dev Religion, wählen sie als Führerin und freuen uns ihrer Gesetze. .. , £«£ ' '

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