Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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;:v- : 76. Jahrgang Nr. 32 Berlin, 9. August 1912 Ein unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr.Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berttn. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vie, ieljähr!ich 3 J1T. — Postscheckkonto 324. ffttftitlt Kardinal Dr. Antonius Fischer, Erzbischof von Köln. Von yilljull.» Rabbiner Dr. Frank-Köln. — Die Woche. — A. H. Fried. — Das Wiedererwachen der hebräischen Literatur im 19. Jahrhundert. Von Dr. S. Ochser. — Zu David Friedlaenders Bemühungen um Abschaffung des Namens „Jude". Von Jacob Jacobsohn. — Feuilleton: Rebekka Elkan. Novelle von Sophie Hoechstetter. — Literarische Mittei - lungen. — Sprechsaal. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. P., Beritstadt i. Schl., Posen, Stettin, Leipzig, Aunaberg..Warschau, Lodz. — Von Nah und Fern. LsrLmsl Br. Dntmnus Mcher, Erzbischof von Röln. Von Rabbiner Tr. Frank-Köln. enn unsere Talmudlehrer sagen „die Frommen aller Bekenntnisse haben Anteil am ewigen Leben", so kann man diesen Satz in jeder Beziehung aus den am Dienstag, den 30. Juli in Bad Neuenahr entschlafenen Kölner Kardinal Dr. Antonius Fischer anwenden. Der hochselige Heimgegangene zählte zu jenen Kirchensürsten der großen Kölner Diözese, die mit Wohlwollen und wahrer Menschenliebe den Juden aus vollem Herzen geneigt waren. Schon im Mittelalter, während der Kreuzzüge, haben Kölner Erzbischöfe, wie Hermann III. und später Erzbischof Engelbert, den damaligen Juden in ihrer äußerst bedrängten Lage ihren menschenfreundlichen Beistand angedeihen lassen. In letzter Zeit waren es Kardinal Krementz und Erzbischof Simar, die gleichfalls ohne jedes Vorurteil eine entgegenkommende Stellung zu den Juden einnahmen; alle überragend aber an Edelsinn und Großmut war der allgemein betrauerte Kardinal Fischer.' . In folgendem möchte ich das Wesen und den menschenfreundlichen Sinn, den ich aus eigener Erfahrung kennen und schätzen zu lernen die Gelegenheit hatte, näher kennzeichnen. Der hohe Heimgegangene war ein Mann des Friedens, sein Hauptstreben war, den Frieden unter den verschiedenen Bekenntnissen zu fördern und zu pflegen. Schon in seinem ersten Hirtenbriefe mahnt er zum konfessionellen Frieden und bezeichnet es als ein Verbrechen, wenn man durch gewissenlose Aufreizungen den konfessionellen Haß schürt. Freilich bezog sich diese Mahnung an erster Stelle auf den Frieden zwischen Katholizismus und Protestantismus, aber als später,. wo er bei einer passenden Gelegenheit öffentlich auf den konfessionellen Frieden zurückkam, und ich bei einem Besuch den: Kardinal bat, et möge doch, auch einmal öffentlich .aufsordern, daß man auch-uns Juden nicht anfeinden möge, gab er mir. zur Antwort, „bei der ersten günstigen Gelegenheit soll es geschehen". ' Zu wiederholten Malen hat der Kardinal diese seine wohlwollende Gesinnung gegen die Juden betätigt. Ausdrücklich und wörtlich erklärte er mir, „wenn Sie irgendwo in meiner Diözese hören, daß unter der Geistlichkeit die jetzt anderswo grassierende unfreundliche Stimmung gegen die Juden sich kundgibt, dann sagen Sie es mir, denn das dulde ich nicht". Zweimal hatte ich Veranlassung, mich nach dieser Richtung zu beklagen, der Kardinal holte sein Notizbuch aus dem angrenzenden Saal, schrieb es aus und bemerkte dazu, „noch heute schreibe ich dorthin". Er hat es getan, denn nach acht Tagen erhielt ich die Nachricht, daß jede Spur von Antisemitismus verschwunden sei. Auch folgender ' edler Zug des guten Herzens des Kardinals uns gegenüber möge der Nachwelt erhalten bleiben. Als im Jahre 1905 die furchtbaren Pogrome in Rußland Hunderte und Tausende unserer Glaubensgenossen hinmordeten und ins Unglück stürzten, bildeten sich in der Judenheit der ganzen Welt Komitees, um wenigstens das schreckliche materielle Elend zu mildern. Auch in unserer Gemeinde konstituierte sich am 18. November 1905 ein solches Komitee. Am anderen Tage, an einem Sonntag, begab ich mich in das erzbischöfliche Palais, und trotz des Ruhetages war der Kardinal für den Rabbiner zu sprechen. Ich sagte ihm: „Eminenz, ich habe eine Bitte an Sie", worauf er erwiderte: „Bevor Sie sie aussprechen, sei sie Ihnen gewährt." Ich trug ihm nun meinen Wunsch vor, er möge, wie es sein Vorgänger Kardinal Krementz bei einer gleichen Gelegenheit auf meine Bitte getan, mir ein Schreiben zukommen lassen, in welchem er seine Sympathie sür unser menschenfreundliches Vorgehen zugunsten unserer russischen Glaubensgenossen ausspricht, und dieses Schreiben möchte ich veröffentlichen, wovon ich mir in allen Kreisen, sowohl bei den Glaubensgenossen, wie bei den anderen Konfessionen, einen großen Erfolg verspreche. Der KardiUal erwiderte: „Recht gern erfülle ich Ihren Wunsch, aber' ich schicke Ihnen auch Geld dazu", und auf meine ablehnende Bemerkung, daß sein Schreiben jeden materiellen Wert übersteige, sagte er: „Das lasse ich mir nicht nehmen". Nach einigen Tagen bekam ich den gewünschten Brief, welchem ein hoher Geldbetrag beigefügt war. Nur der Kölner Kardinal und der Erzbischof von Bamberg haben damals unter den hohen Kirchenfürsten ein wohlwollendes Wort sür die verfolgten Juden Rußlands ausgesprochen. Zeitungen, die in Rom erschienen, haben diese ungewöhnliche konfessionelle freundliche Gesinnung hervorgehoben und betont, daß auch der Papst: ein teilnehmend Wort für die Unglücklichen hören lassen möge.' Der Ruf der judenfreundlichen Stellung des Kardinals zu den ' -Juden verbreitete sich über bie Grenzen Deutschlands hinaus. Um jene Zeit, als der Antisemitismus in Oesterreich, besonders in Wien,